Zwischen den Stühlen

Die Wiederentdeckung Roland Klicks, des einstigen Mavericks des deutschen Kinos, wird nun mit einer opulenten DVD-Edition komplettiert.

 

Roland Klicks letzter Film Schluckauf von 1989 ist auf interessante Weise misslungen. Flo, die vielleicht auch Gertie heißt, kommt als Landpomeranze mit Sparschwein und Koffer in Berlin an und bei Chantal unter, die vielleicht ebenfalls Gertie heißt. Und Flo merkt so langsam, dass hinter Chantals überkandidelter Supermodel-Fassade auch nur Leere herrscht, eine Leere, die Flos 5.000 Mark aufgefressen hat. Krude geschnitten, in seltsam unverbundenen Episoden erzählt und mit einem Voice-Over-Kommentar versehen, der offensichtlich im Nachhinein eingebaut wurde und die Story irgendwie hinbiegen soll, kann der Zuschauer mit diesem Film eigentlich gar nichts anfangen.

Aber dann ist da dieser Koffer. Ein Blechkoffer mit geheimnisvollen Inhalt, der vielleicht vertauscht wurde – ein Blechkoffer, der auch einmal innerhalb des Films im Fernsehen auftaucht: Im Fernsehen, wo Deadlock läuft, Klicks inzwischen kultgewordene psychedelische Italowestern-Gangster-Ballade von 1970, eine Art Wüsten-Kammerspiel um drei Männer, eine Frau und einen Koffer voll Geld. Und dann merkt man, dass man immer wieder, wenn auch nur punktuell, auch in „Schluckauf“ diese Kraft, diese Energie spüren kann, die einen Roland-Klick-Film ausmacht. Verfolgungsjagden durch Bahnhöfe und Industriebrachen; oder die großen Augen der Flo-Darstellerin Irene Findeisen, die alles über ihre Naivität und ihre Einsamkeit sagen…

Roland Klick ist eine Art Maverick des deutschen Kinos. In den 1970ern lockten die Schulmädchenreports Millionen in die Kinos, gleichzeitig feierte der Neue Deutsche Film Erfolge bei der Kritik – die Spannung war stark zwischen den Polen Populismus und Anspruch. Roland Klick saß zwischen den Stühlen. Er brachte sich voll ein in seine Filme – einen „Kinowahnsinnigen“ nennt ihn Hark Bohm –, und wurde dennoch (oder deshalb?) nie wirklich aufgenommen, wurde von einigen ernstzunehmenden Kollegen – fälschlicherweise, wohlgemerkt –  als reiner Epigone der Genre-Unterhaltung angefeindet; auf Druck der Filmbranche, allen voran Alexander Kluge, wurde Deadlock als deutscher Beitrag im Cannes-Wettbewerb zurückgezogen.

Doch, ja: Roland Klick wollte unterhalten, und zwar auf anspruchsvollem Niveau. Er konnte von seinen ersten Kurzfilmen an die Klaviatur des Inszenierens ausspielen, er wusste darum, was populär (nota bene: nicht populistisch!) ist und zugleich, was und wie er über den Film alles aus sich und aus seinen Darstellern herausholen konnte. Er arbeitete mit Stars wie Mario Adorf und Marquard Bohm in Deadlock, und mit Laien wie dem Straßenkid Charly Wierczejewski in Supermarkt (1973), seinem Sozialthriller, dem es wie sonst selten einem Film gelang, soziale Realität und Gangsterfilm zu vereinen. Und Roland Klick konnte Dennis Hopper, in dessen Hochkokainphase in den 1980ern, immerhin annähernd im Zaum halten: Als Musikproduzent in White Star (1983) ist Hopper überwältigend, zwei Stunden am Tag war er brauchbar, aber was für zwei Stunden …

Klick suchte in seinen Filmen die Innovation innerhalb der Konvention. Er wusste um die Psychologie seiner Figuren und stellte sie nie aus. Seine Filme haben stets einen individuellen, originellen Blickwinkel, der die Grenzen des Genres erweiterte. Sie strahlen vor Kraft und Energie; und Klick weiß genau, was er tut, was er getan hat. In Sandra Prechtels Dokumentarfilm The Heart is a Hungry Hunter sehen wir ihn in einer der ersten Szenen bei der Farbkorrektur für eine DVD-Neuabtastung von Deadlock. „Sollen wir das nicht ein bisschen moderner gestalten?“, fragt ihn der Lichtbestimmer. Doch Roland Klick weiß: „Es gibt nichts moderneres und aktuelleres als Klassik. Klassik ist ewig. Deshalb heißt sie so.“ Und weil fast jeder Satz von Roland Klick ein Statement ist, so wie fast jeder Film von ihm ein Klassiker ist, setzt er ganz lässig hinzu: „Die klassische Form ist eigentlich die Form, die von der Situation, von der Geschichte selbst herausgefordert wird. Das kannst du in zehn Jahren nicht anders machen.“ Darin steckt das Selbstverständnis von Klicks Filmen: Sie gelten. Und Roland Klick weiß das: „Meine Zeit ist immer“, sagt er gegen Ende der Doku, „deshalb kann sich ein Professor wie ein Bauarbeiter vor meine Filme setzen: Die kommen rüber.“

 



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Roland Klick Filme – DVD-Collection (5 DVDs).


Deadlock (1970, 88 Minuten)
restaurierte deutsche und englische Originalfassungen
Mit Mario Adorf, Anthony Dawson, Marquard Bohm,
Mascha Elm Rabben Bonus Interview mit Roland Klick (1997) / Audiokommentar von Roland Klick und Ulrich von Berg (2005) / Klick Portrait von Peter W. Jansen (1984).

Supermarkt (1973, 84 Minuten)
restaurierte Fassung
Mit Charly Wierzejewski, Eva Mattes,
Michael Degen, Walter Kohut, Hans-Michael Rehberg
Bonus Interviewfilm mit Roland Klick und Jost Vacano (1999, 40 min) / Interview mit Roland Klick (1997) / Audiokommentar von Roland Klick.

White Star (1983, 92 Minuten)
restaurierte deutsche und englische Originalfassungen
Mit Dennis Hopper, Terrance Robay, Ramona Sweeney, David Hess Bonus Interview mit Roland Klick (1997) /Audiokommentar von
Roland Klick (2007).

Schluckauf (1989, 92 Minuten)
Mit Irene Findeisen, Cathy Haase, Peter Hugo Daly,
Tana Schanzara, Rüdiger Tuchel, Jean Boileau
Bonus Audiokommentar von Roland Klick (2014) / Booklet / Interview mit Roland Klick zu seinem Debütfilm Bübchen.

Kurzfilme:
Weihnacht
(1962), Ludwig (1963), Zwei (1965), Jimmy Orpheus (1966)

Roland Klick – The Heart is a Hungry Hunter
Regie Sandra Prechtel (2013, 80 Minuten)
Bonus Interviewfilm "Das Kino des Roland Klick"
(Regie: Frieder Schlaich, 1997, 73min) / Outtakes.

Filmgalerie 451
http://www.filmgalerie451.de/filme/roland-klick-filme/



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