Zwischen digitalem Zeitgeist und den Mühen des Alters

Impressionen vom 59. Dokfilmfest Leipzig

 

Horden von Touristen laufen durchs Bild, allein, in geführten Gruppen, mit Kindern und Freunden. Sie unterhalten sich, lachen und  fotografieren eifrig mit ihren Smartphones.

Nichts Ungewöhnliches eigentlich, was der preisgekrönte Dokumentarfilmer Sergej Loznitsa in seinem jüngsten Werk Austerlitz zeigt, das auf dem 59. Dok Leipzig die Goldene Taube für den besten Dokumentar- und Animationsfilm gewann. Solche Impressionen lassen sich täglich einfangen, wo immer sich der Zutritt zu Sehenswürdigkeiten bietet.

Nur hat sich der ukrainische Regisseur in kein Kunstmuseum begeben, auch nicht in eine berühmte Kathedrale, sondern in Gedenkstätten deutscher Konzentrationslager. Man möchte es fast nicht glauben, dass das für die Besucher, die er mit seiner Kamera beobachtet, keinen Unterschied macht. Aber tatsächlich scheint es für sie nicht der Rede wert, ob sie durch einen Vergnügungspark oder einen Ort des Grauens schlendern, sich mit ihren Selfie-Sticks vor der Mona Lisa oder einem Krematorium positionieren.

Und so, wie Loznitsa die Menschen einfach nur zeigt, in schwarzweißen Aufnahmen, ohne Kommentar und mit statischer Kamera in verschiedenen Einstellungen, vermittelt sich geradezu beschämend ein bedenkenswerter, von Abgestumpftheit, Enthemmtheit, Oberflächlichkeit und Respektlosigkeit bestimmter touristischer Zeitgeist.

Antworten darauf gibt der Film nicht, er wirft vielmehr Fragen auf, warum sich überhaupt all diese Massen, von denen sich etliche zu langweilen scheinen, an einen solchen Ort begeben und was wohl in ihren Köpfen vor sich geht, wenn sie die Duschräume, in denen die Holocaust-Opfer ermordet wurden, für ein Foto ausloten.

Nicht viele der in der 59. Ausgabe in Leipzig gezeigten Produktionen kommen indes mit so wenigen Schnitten und ohne Kunstgriffe aus.

Längst ist es üblich geworden, dass Dokumentarfilmer ihre Bilder auch (nach)inszenieren oder mit digitalen, animierten Sequenzen arbeiten, weshalb es Sinn macht, dass Festivalleiterin Leena Pasanen die Dokumentar- und Animationsfilme entsprechend ihren kurzen oder langen Formaten in jeweils einem Wettbewerb zusammenführt.

Besonders auffällig in diesem Jahrgang waren die vielen weiblichen Lebensgeschichten, die das Festival prägten und eine hohe Zahl an Regisseurinnen.

Ein besonderes Juwel im Internationalen Wettbewerb bescherte die erste, mit dem Fipresci-Kritikerpreis ausgezeichnete, dokumentarische Arbeit der wunderbaren Schauspielerin Valeria Bruno Tedeschi: A Young Girl in Her Nineties.

Es ist die berührende Geschichte einer späten Liebe in einem französischen Pflegeheim. Blanche Moreau, eine zerbrechliche Frau Mitte 80 aus dem Künstlermilieu, verliert ihr Herz an einen jungen, charmanten Choreographen, der sie aus ihrer Starre erweckt, sie zum Tanz aufs Parkett holt, hebt, umfasst und in langsamen Kreisen dreht. Das größte Geschenk für diesen subtilen, zärtlichen Film ist der Moment, in dem Blanche die Hände des Künstlers umfasst und ihm ihre Liebe gesteht. Es erwächst nichts Spektakuläres oder moralisch Fragwürdiges daraus, kein Skandal wie in dem österreichischen Spielfilm Der letzte Tanz, wo die Romanze zwischen einer Alzheimerkranken und einem jungen Zivi im Bett endet. Das Entscheidende aber ist:  Die liebenswerte alte Dame hat noch einmal das große Gefühl und einen Hauch von Jugend erlebt.

Überhaupt erstaunt, wie feinfühlig so manche junge Filmemacher vom Alter erzählen, allen voran die Polin Zofia Kowalewska, die in ihrem 18-minütigen Kurzfilm Close Ties ihre Großeltern porträtiert, die es im Alter schwer miteinander haben und etwas unversöhnt nebeneinander her leben, seit der Mann mehrere Jahre an der Seite einer anderen Frau verbrachte. Die Internationale Jury prämierte die dezente, bewegende Studie mit der Goldenen Taube für den besten kurzen Dokumentarfilm.

Mit zahlreichen Beiträgen zum Syrienkrieg, zum islamistischen Terror und zur Flüchtlingskrise untermauerte das Dok Leipzig seinen traditionell hohen politischen Anspruch, wobei allerdings viele mit Bildern auskommen, die man schon hundertfach in Fernsehreportagen gesehen hat.

Der anspruchsvollste gesellschaftspolitische Beitrag, zu entdecken im Deutschen Wettbewerb, galt dem Mikrokosmos Schule. Mit Zwischen den Stühlen, in Leipzig verdient vielfach ausgezeichnet mit dem Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, dem Defa-Förderpreis, dem Healthy Workplaces Film Award sowie dem Ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, legt Jakob Schmidt, der an der Konrad Wolf Filmhochschule in Babelsberg studierte, einen ungemein spannenden Abschlussfilm vor. Er begleitet drei Referendare bis zu ihrem zweiten Staatsexamen und lässt mit ungeschönten Einblicken in deutsche Klassenzimmer erahnen, warum der Krankenstand an vielen Schulen so hoch ist und warum immer mehr Lehrer vor ihrem Beruf kapitulieren.

Sie habe in jeder Stunde das Gefühl, sie fange wieder bei Null an, bringt eine der drei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten ihr Dilemma auf den Punkt. Nur wenig bleibt in den Köpfen der Schüler hängen.  Zwar bekommt sie es dank noch unverbrauchter Kräfte recht gut hin, wilde Meuten zu bändigen und die geforderten Lerninhalte zur Zufriedenheit ihrer Mentoren didaktisch aufzubereiten, aber wie viele Jahre wird sie den mit ihrem Beruf verbundenen Stress, Lärm und Frust durchhalten?

Die größte Entdeckung bescherte dem Leipziger Festival der auch in künstlerischer Hinsicht herausragende österreichische Essayfilm Cinema Future. Mit kritischem Blick zeichnet er die mit den digitalen Errungenschaften einhergehenden Veränderungen des Kinos nach und erinnert an die längst vergessenen Qualitäten und Vorzüge der analogen, bewegten Bilder.

Zwar drehen auch in heutigen Zeiten noch einige wenige Regisseure wie Steven Spielberg, Christopher Nolan oder Quentin Tarantino ihre Filme auf Film, aber die Produktion ist drastisch zurückgegangen, der Niedergang dieser Kultur scheint unaufhaltsam.

Davon ausgehend lässt es sich Michael Palm nicht nehmen, für die drohenden Gefahren eines unschätzbaren Verlusts unserer Filmkultur zu warnen, der unweigerlich damit einhergeht, wenn alte Zelluloid-Produktionen nicht mehr gezeigt werden können und damit dem kollektiven Gedächtnis entrissen werden. Schon jetzt verfügen nur noch wenige Kinos über Projektoren, die analoge Filme abspielen, und das entsprechende Personal, das diese Technik noch bedienen kann. Unterdessen stauben die historischen Relikte in Archiven ein, sofern sie sich noch nicht zersetzen. Dass sie alle vor ihrem Verfall rechtzeitig restauriert oder digitalisiert werden, bleibt wohl eine utopische Hoffnung. Aber wer Cinema Future gesehen hat, wird die Dringlichkeit solcher Maßnahmen nicht infrage stellen. Regisseur Michael Palm verfällt dabei weder in den Duktus eines didaktischen Lehrfilms noch in schwarzem Pessimismus, bewahrt sich vielmehr einen trockenen Humor, der sich nicht zuletzt in der fantasiereichen Illustration ausdrückt. Die alten Filme sind wie Vampire, heißt es an einer Stelle, sie ruhen in ihren Särgen, erschrecken bisweilen aber auch diejenigen, die sie schon tot glaubten.

 



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