Alte und junge Meister

Die Oscars für die besten Drehbücher gingen 2018 an James Ivory und Jordan Peele.

 

Ob Glanz und Glamour, Feier der Filmkunst oder gesellschaftspolitische Statements – die diesjährige Oscar-Verleihung konnte man aus vielerlei Blickwinkeln betrachten. Einer der schönsten Aspekte des Abends war aber sicherlich das generationenübergreifende Moment, das sich in den beiden Drehbuch-Kategorien manifestierte: Hier wurden Filmgeschichte und junges Kino gleichermaßen prämiert.

Der Oscar in der Sparte „Bestes adaptiertes Drehbuch“ ging an den legendären US-amerikanischen Filmemacher James Ivory, Jahrgang 1928. Ivory hat sich als Regisseur anspruchsvoller, meist in Großbritanien angesiedelter Literaturverfilmungen wie A Room with a View (1985) oder The Remains of the Day (1993) einen Namen gemacht. Sehr oft stehen in Ivorys Filmen – die großteils von seinem langjährigen, 2005 verstorbenen Lebensgefährten Ismail Merchant produziert wurden – Protagonisten im Mittelpunkt, die ihre Leidenschaften und Gefühle aufgrund gesellschaftlicher Konventionen unterdrücken müssen, so auch im Homosexuellendrama Maurice (1987) nach E. M. Forster. Bereits dreimal war Ivory für die Beste Regie nominiert, ehe es diesmal in der Drehbuchkategorie klappte. Sein Skript zu Luca Guadagninos Call Me by Your Name basiert auf dem gleichnamigen Roman von André Aciman, der von der Liebesaffäre zweier junger Amerikaner im Italien des Jahres 1983 erzählt. Kongenial erfüllt Ivorys Drehbuch die Protagonisten Elio (Timothée Chalamet) und Oliver (Armie Hammer) mit Leben, erzählt mit intelligenten Dialogen von Freude und Schmerz. Regisseur Guadagnino und Kameramann Sayombhu Mukdeeprom haben diese Vorlage in betörende, atmosphärische Bilder umgesetzt – einer der schönsten und sinnlichsten Filme zum Thema Liebe der letzten Jahre. Mit Call Me by Your Name konnte sich James Ivory übrigens auch in die Annalen der Academy Awards eintragen: als ältester Mensch, der jemals im Wettbewerb eine der Statuetten errang.

Gleichfalls in die Academy-Geschichtsbücher eingetragen hat sich ein Mann, der ein halbes Jahrhundert jünger ist als Ivory: Der 39-jährige Jordan Peele erhielt als erster Afroamerikaner den Oscar für das Beste Originaldrehbuch. Peeles clevere Horrorkomödie Get Out, bei der er auch Regie führte, verbindet Spannungskino mit gesellschaftspolitischem Anspruch und thematisiert die medial allgegenwärtigen Spannungen zwischen schwarzen und weißen Amerikanern. Im Mittelpunkt der Handlung steht der afroamerikanische Fotograf Chris Washington (Daniel Kaluuya), der mit seiner weißen Freundin Rose Armitage (Allison Williams) eine allem Anschein nach glückliche Beziehung führt. Als die beiden Roses Eltern am Land besuchen, macht Chris sich Sorgen, da die Armitages noch nicht wissen, dass er schwarz ist. Seine Sorge scheint zunächst unbegründet – der Empfang ist überaus freundlich. Doch dann stößt Chris auf mörderische Abgründe im ländlichen Idyll ... Mehr von den Wendungen der mit allerlei Wortwitz gespickten Handlung zu verraten, wäre all jenen gegenüber unfair, die den Film noch nicht gesehen haben. So viel kann man aber getrost verraten: Horrorfans kommen bei Get Out ebenso auf ihre Kosten wie Freunde gepflegter Gesellschaftssatire. Bei seiner Dankesrede merkte Peele übrigens an, dass er den Schreibprozess ungefähr zwanzigmal unterbrochen habe, da er der Auffassung war, dass kein Studio den Film produzieren würde. So kann man sich täuschen: Get Out spielte bei einem Budget von 4,5 Millionen Dollar weltweit 255 Millionen Dollar ein und gehört somit zu den profitabelsten Filmen aller Zeiten. Ein Happy End Marke Hollywood.

 



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