Ikone im Blaumann

Mit ihrem zweiten Oscar hat Frances McDormand sich endgültig als eine der größten „antisentimentalen“ Charakterdarstellerinnen Amerikas etabliert.

 

Es war der beeindruckendste Auftritt der gesamten Oscar-Nacht. Frances McDormand schüttelte allerlei Hände und stellte sich dann kichernd vors Mikrofon, nur um innerhalb eines Satzes von gespieltem Kleinmädchen-Überwältigtsein-Gehabe in einen Tacheles-Tonfall zu wechseln: „Leute, wenn ich hier zitternd von der Bühne falle, helft mir wieder auf ... weil ich hab ein paar Dinge zu sagen.“

Die nunmehr zweifache Oscar-Gewinnerin McDormand ließ alle weiblichen Nominierten im Dolby Theatre aufstehen und beklatschen. Es folgte keine Brandrede, aber eine ziemlich deutliche Aufforderung an die Finanziers der Branche: Nicht bloß Party-Gequatsche, sondern Bürotermine und mehr Geld für Geschichten von Frauen. Schließlich ließ sie das Auditorium mit zwei Wörtern zurück: „Inclusion Rider“. Die halbe Welt vor dem Bildschirm verstand „Inclusion Writer“ oder sonstigen Bahnhof, also klärten die Berichterstatter in den nächsten Tagen auf: Gemeint ist damit die neue Idee einer Diversity-Vertragsklausel, wonach ein Star sich für die Mitwirkung an einer Produktion einen garantierten Mindestanteil von Frauen und Minderheiten zusichern lässt. Eine Art von Do-it-yourself-Inklusion also, statt ins allgemeine Jammern über mangelnde Inklusion einzustimmen. Pure Frances.

McDormand betrat 1984 mit einem fulminanten Debütauftritt als Femme fatale in Blood Simple die Leinwand; später ehelichte sie dessen Debütregisseur Joel Coen und gehörte fortan insgesamt sieben Mal zum Cast in Filmen der Coen-Brüder. 1996 wurde sie durch ihre einprägsame und völlig zurecht Oscar-gekrönte Rolle als hochschwangere und übersensible Polizistin Marge Gunderson in Fargo (für den die Coens auch den Drehbuch-Oscar erhielten) weltbekannt. Seitdem schärfte und variierte McDormand dieses Rollenprofil immer mehr in Richtung unabhängiger, nonkonformer, kantiger Frau – und profilierte sich nebenbei als coole Feministin (siehe oben). In der Regie von Nicole Holofcener an der Seite von Jennifer Aniston in Friends with Money (2006) z.B. spielt sie eine verärgerte Frau, die mit ihrem Älterwerden und dem damit einhergehenden Verschwinden ihrer Sichtbarkeit nicht klar kommt. Als ein Höhepunkt von McDormands Schaffens darf die Titelrolle in der hierzulande viel zu wenig beachteten, von Jane Anderson geschriebenen, von Lisa Cholodenko inszenierten und von ihr selbst bei HBO gepitchten Miniserie Olive Kitteridge (2014, siehe „ray“ 02/15) gelten, wo sie eine verkniffene, ruppige, scheinbar völlig gefühllose Mathematiklehrerin in Neuengland spielt, hinter deren rauer Schale sich eine tiefe Verletzlichkeit verbirgt. Zwei Emmys, als Hauptdarstellerin und Produzentin, waren die Belohnung.

Im Alter von 60 Jahren hat McDormand nun also den Doppel-Oscar-Olymp erklommen. Hat sich etabliert als eine der größten – man muss fast sagen – antisentimentalen Charakterdarstellerinnen Amerikas, die außerdem zumeist ungeschminkt in Erscheinung tritt und der Schönheitschirurgie sowieso entschieden abschwört. Für die unterhaltsame und erstaunlich unberechenbare, wenngleich etwas grobschlächtige Provinz-Satire Three Billboards Outside Ebbing, Missouri von Martin McDonagh hat McDormand ebenso wohlverdient den Goldmann für die beste Hauptdarstellerin entgegen genommen wie ihr Kollege Sam Rockwell jenen für den besten Nebendarsteller. Kurzes Beispiel für einen Wortwechsel zwischen ihren Figuren: Mildred Hayes: „So how‘s it all going in the nigger-torturing business, Dixon?“
Dixon: „It‘s ,Persons of color‘-torturing business, these days, if you want to know. And I didn‘t torture nobody.“

In Three Billboards spielt McDormand eine Mutter, deren Tochter vergewaltigt und ermordet wurde, und die fast in der Manier eines Gary-Cooper-Westernhelden Gerechtigkeit fordert. Im Film trägt sie zumeist einen Blaumann, und auch ihr Auftritt bei der Preisübergabe erinnerte mehr an den einer Gewerkschaftsführerin als an jenen einer Hollywood-Diva. Eine ehrliche, bodenständige Arbeiterin, die ganz und gar nicht im konventionellen Sinn gefallen will und doch als Ikone der Glamour-Branche mit Standing Ovations bedacht wird: Das muss man wirklich erst einmal schaffen. Herzliche Gratulation, Frances McDormand!

 



Kein Kommentar vorhanden.