Meister des Lichts

Endlich: Die 14. Nominierung hat dem brillanten Kameramann Roger Deakins den verdienten Oscar eingebracht.

 

Wann immer in den letzten Jahren von Roger Deakins die Rede war, wann immer seine Kunst gelobt und sein Können gepriesen wurde, fiel auch zwangsläufig dieser Satz: „Der Mann ist längst überfällig für einen Oscar.“ Kein Wunder, hält der Brite doch den Rekord für den am häufigsten bei den Academy Awards nominierten Kameramann. Unter den 14 Filmen, für die Deakins im Oscar-Rennen war, finden sich beispielsweise Werke von Martin Scorsese (Kundun), Frank Darabont (The Shawshank Redemption) oder den Coen Brothers (Fargo, No Country for Old Men). Aber auch den James-Bond-Film Skyfall von Sam Mendes machte er zu etwas ganz Besonderem.

Interesse an visueller Ausdrucksweise zeigte der 1949 in der Grafschaft Devon zur Welt gekommene Deakins schon in Jugendjahren: Er malte, fotografierte und studierte Grafikdesign. Nach dem Besuch der staatlichen Film and Television School war er zunächst im Bereich des Dokumentarfilms tätig, ehe ihm sein guter Ruf immer mehr Aufträge für Spielfilme einbrachte. Nach britischen Produktionen wie dem Punk-Drama Sid & Nancy von Alex Cox oder Michael Radfords Orwell-Verfilmung 1984 ging Deakins Ende der achtziger Jahre in die USA, wo die Zusammenarbeit mit Joel und Ethan Coen schnell zu einer Konstante wurde – elf Filme hat er bisher mit den Brüdern gedreht. Beschäftigt man sich mit den Stärken seiner Arbeit, kommt man nicht umhin, die immense Sorgfalt und den Detailreichtum zu bewundern, mit dem Deakins sich in den Dienst des Erzählens stellt: Präzise Kadrage, atemberaubendes Licht und einnehmende Bilder. Nicht umsonst gilt der Mann als Perfektionist, der viel Zeit und Sorgfalt in jede einzelne Einstellung einfließen lässt.

Unvergessen etwa, wie James Bond (Daniel Craig) im Halbdunkel eines Wolkenkratzers gegen einen Auftragsmörder kämpft: Das Spiel mit Neonlichtern, Schatten und Spiegelungen machen diese Szene aus Skyfall (2012) zur Metapher für eine klaustrophobisch-kalte Welt. Geradezu ikonisch geworden ist auch jener Moment im Gefängnisdrama The Shawshank Redemption (1994), in dem Tim Robbins nach seiner Flucht die Arme gen Himmel streckt: Während es aus Strömen gießt und Blitze die Nacht erhellen, steigt die Kamera langsam nach oben – selten wurde das Gefühl von Befreiung filmisch intensiver eingefangen. Mindestens ebenso eindrucksvoll sind jene Sequenzen, in denen sich der psychopathische Killer Anton Chigurh (Javier Bardem) in No Country for Old Men (2007) langsam, aber unerbittlich auf seine Opfer zu bewegt. Hier erzählen Deakins’ präzise Kamerafahrten von der Unausweichlichkeit des Schicksals, gehen Form und Inhalt eine Symbiose ein.

Neben den Coens setzte in den letzten Jahren auch der kanadische Regisseur Villeneuve auf Deakins. Gemeinsam drehte man die düsteren Thriller Prisoners (2013), Sicario (2015) und zuletzt den Science-Fiction-Film Blade Runner 2049. Diese dritte Zusammenarbeit, die Deakins schließlich – und endlich – den Oscar einbrachte, war wie geschaffen für den Briten, denn beim Sequel zu Ridley Scotts Klassiker Blade Runner (1982) konnte er seine ganze Meisterschaft in Sachen Lichtsetzung demonstrieren. Düstere Häuserschluchten, heruntergekommene Stadtviertel, surreale Architektur, überdimensionale Neonreklame, verschneite Straßen – all dies hat Deakins mit ungeheurem Gespür für Atmosphäre in Szene gesetzt. Ein visuelles Gedicht, in dem man immer wieder neue Dinge entdecken kann.

Als Deakins im Dolby Theatre in Los Angeles schließlich die Oscar-Statuette entgegennahm, war der Applaus so intensiv wie bei kaum einem anderen Preisträger des Abends. In seiner Dankesrede betonte der seit 27 Jahren glücklich verheiratete Director of Photography, der am Set meist Jeans und Stiefel trägt, dass er sich nicht als Einzelkünstler, sondern als Teil eines Teams sieht. Die bescheidene Geste eines Mannes, der zu den ganz Großen seiner Kunst gehört.

 



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