Ein Triumph des Kinos

Der Oscar-Favorit hat sich gegen hochkarätige Konkurrenz durchgesetzt, und das mit Recht: Guillermo del Toros „The Shape of Water“ wurde als Bester Film ausgezeichnet.

 

Es ist nicht schwer, sich in diesen Film zu verlieben. Man muss nur ein Herz haben und einen Sinn fürs Staunen, und schon ist man verloren. So wie die junge, stumme Putzfrau Elisa (Sally Hawkins), die sich Anfang der sechziger Jahre ihren Lebensunterhalt damit verdient, in einem US-Militärforschungslabor gemeinsam mit ihrer schwarzen Kollegin Zelda (Octavia Spencer) die Gänge und Toiletten zu schrubben. Zu Hause dagegen hat sie es sich ganz hübsch eingerichtet in ihrer kleinen, routinierten Welt: Das heruntergewirtschaftete Apartment, das sie bewohnt, könnte ebenso gut aus einem der Filmklassiker stammen, die allabendlich in dem alten Lichtspielhaus darunter laufen. Und ihr bester Freund Giles (Richard Jenkins), ein gescheiterter, schwuler Grafiker, wohnt direkt nebenan, um die gemeinsame Einsamkeit der beiden weniger offensichtlich erscheinen zu lassen. Kompliziert wird es erst, als Elisa eines Tages beim Putzen im Labor die Bekanntschaft einer scheuen Meereskreatur (Doug Jones) macht, die halb Fisch, halb Mensch ist und auf ihre gutmütige Seele mindestens genauso verloren wirkt wie sie selbst sich fühlt. Denn mit Elisas inniger Zuneigung und den regelmäßigen gemeinsamen Pausen hinter dem Rücken der Sicherheitskräfte wächst auch das Risiko, die zarte Beziehung ungewollt der Öffentlichkeit preiszugeben, was für das ungewöhnliche Paar fatale Folgen hätte. Vor allem vor einem Mann ist ihre Liebe nicht sicher: Richard Strickland (Michael Shannon), der verbissene Chef vom Dienst, der seinen Frust aufs Leben entlädt, indem er dem harmlosen Ungeheuer regelmäßig mit einem elektrischen Schlagstock zusetzt und Elisa mit seiner Unbarmherzigkeit früher oder später zum Handeln zwingt.

Keine Frage: Guillermo del Toros The Shape of Water ist einer der großen Filme dieses Jahres. Seit der Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig im vergangenen Herbst und dem damit einhergehenden Gewinn des Golden Löwen sind der Regisseur und sein neues Meisterwerk auf einem Siegeszug. Wobei auch die exzellente Besetzung um Sally Hawkins und del Toros Stammschauspieler Doug Jones, der meisterlich den Amphibien-Mann verkörpert, nicht unerwähnt bleiben sollte. Dennoch darf man sich bei einem klaren Blick auf die Handlung zu Recht fragen, was ausgerechnet an dieser Geschichte so besonders sein soll? Das Geheimnis steckt, ähnlich wie bei del Toros erstem großen Triumph, El laberinto del fauno (Pan's Labyrinth, 2006), in der Art und Weise, wie der große Romantiker des Fantasy-Kinos auf der Leinwand konträre, mitunter fabelhafte Welten, Menschen und Anschauungen nicht nur aufeinanderprallen, sondern im gleichen Atemzug mit Actionkino und Liebesaben­teuer und in allerfeinster B-Movie-Qualität zu einem der schönsten, wärmsten, ungewöhnlichsten und spannendsten Filmmärchen verschmelzen lässt, ohne dabei auch nur ansatzweise dem Kitsch oder Klischee zu verfallen. The Shape of Water mag in seiner Gestalt weniger düster ausfallen als die meisten seiner früheren Symphonien des Grauens – vom Regiedebüt Cronos (1993) bis hin zu Crimson Peak (2015) –, mit denen sich der gebürtige Mexikaner einen festen Platz in Hollywood erarbeitet hat. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, birgt seine verquere Underdog-Romanze eine ganz eigene Magie, die so vielschichtig und unberechenbar ist, dass man fast gar nicht anders kann, als sich für zwei bezwingende Kinostunden der wundervollen Schwerelosigkeit der Bilder hinzugeben, mit denen dieser Film einem entgegentritt.

Fest steht, dass del Toro mit seinem kühnen Retro-Märchen einen Nerv getroffen hat. Es verzaubert nicht nur Anhänger der alten Kinoschule, sondern zeigt auch im Hier und Jetzt seine Wirkung, stiehlt sich stilsicher und charmant zugleich ins Bewusstsein seines Publikums.

 



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THE SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS / THE SHAPE OF WATER


Drama/Fantasy, USA 2017
Regie Guillermo del Toro
Drehbuch Guillermo del Toro, Vanessa Taylor
Kamera Dan Laustsen
Schnitt Sidney Wolinsky
Musik Alexandre Desplat
Production Design Paul D. Austerberry
Kostüm Luis Sequeira
Mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Doug Jones, Michael Stuhlbarg, Octavia Spencer, John Kapelos, Lauren Lee Smith
Verleih Twentieth Century Fox, 123 Minuten

 



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