Ein fantastischer Preis

„Best Foreign Language Film of the Year“ – In Österreichs Lieblingskategorie jenseits von Christoph Waltz wurde heuer ein empathisches Transgender-Drama aus Chile ausgezeichnet.

 

Nun ist es auch schon wieder zehn Jahre her, dass Die Fälscher von Stefan Ruzowitzky den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen hat. Er schaffte dies nicht zuletzt ob seines Themas, welches von der Academy traditionell favorisiert wird. Erst jüngst erhielten wieder zwei Filme, die sich mit dem Holocaust beschäftigen, den „Best Foreign Language Film Award“ (nach Meinung dieser Redaktion sehr zurecht). Auf indirekte und ästhetisch ausgetüftelte Weise steckt das Thema in dem wunderschönen, im Polen der sechziger Jahre spielenden Frauenporträt Ida (Pawel Pawlikowski, Oscar 2015); essayistisch-immersiv und ungeheuer brutal konfrontiert Son of Saul (László Nemes, Oscar 2016) – durchgehend aus der Sicht eines wahnsinnigen Todgeweihten – mit der industriellen Ermordung des europäischen Judentums durch die Nazis.

Fünf Jahre wiederum ist es her, dass Amour von Michael Haneke den Oscar gewonnen hat. Die Auszeichnung für den vielleicht berührendsten und einen der persönlichsten Filme des österreichischen Regisseurs war damals freilich nur der Höhepunkt eines Triumphzuges, der mit der Verleihung der Goldenen Palme in Cannes begonnen hatte, mit fünf französischen Césars, zwei britischen BAFTA Awards und rund 75 weiteren internationalen Auszeichnungen umkränzt war und Haneke quasi im Vorbeigehen den Rang eines Ritters der französischen Ehrenlegion einbrachte.

Starker Jahrgang
Heuer hätte es sogar ein Meisterwerk von Haneke schwer gehabt, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Rekordträchtige 92 Beiträge waren für den Fremdsprachen-Oscar eingereicht worden, darunter aus Österreich Hanekes Happy End oder aus Deutschland Fatih Akins Thriller Aus dem Nichts. Die Favoriten unter den fünf letztlich Nominierten waren zunächst der Goldpalmenträger des Vorjahres aus Schweden, Ruben Östlunds intellektuell herausfordernde Satire auf den Kunstbetrieb (The Square), und eine meisterhafte Tragödie des Russen Andrej Swjaginzew, zugleich eine ernüchternde Zustandsbeschreibung der russischen Gesellschaft (Loveless – siehe Thema in „ray“ 04/18). Dessen nicht genug, hätten auch zwei Außenseiter den Preis verdient: das turbulente Gerichtsdrama um einen eskalierenden Streit zwischen einem Libanesen und einem Palästinenser (The Insult, Regie: Ziad Doueiri) oder das traumhafte Melodram On Body and Soul der Ungarin Ildikó Enyedi (der Goldbärengewinner des Vorjahres). Doch die Trophäe letztlich entgegen nehmen durfte der Chilene Sebastián Lelio.

Stark aufgefallen war der nunmehr 44-jährige Regie-Auteur bereits 2013 mit Gloria, dem feinfühligen und höchst publikumswirksamen Porträt einer in die Jahre kommenden, geschiedenen Frau, die sich nicht mit dem Alleinsein abfinden will. In Una mujer fantástica (Eine fantastische Frau) zieht Lelio uns regelrecht hinein in die Geschichte der jungen Transgender-Frau Marina, die in Santiago de Chile als Kellnerin arbeitet, aber gern Opernsängerin wäre. Als ihr zwanzig Jahre älterer Lebensgefährte Orlando stirbt, bedeutet das für Marina einen doppelten Schicksalsschlag: Nicht nur muss sie weitgehend allein mit ihrer Trauer klarkommen, dazu gewärtigt sie Unbill durch die Behörden und rüde Attacken der Hinterbliebenen Orlandos, die entweder um ihr Erbe fürchten oder „dieser Perversion“ offen feindselig begegnen.

Titel als Programm
Ganz so wie es in Gloria die Hauptdarstellerin Paulina García gewesen war, die das Publikum in ihren Bann schlug, ist es in diesem Fall Daniela Vega, geboren 1989 als David Andrés Vega Hernández. Der gloriose Titel ist auch hier Programm: Es ist eine wahrhaft fantastische Frau, die diesen Film trägt und uns empathisch an ihre Emotionen und Kämpfe bindet. Seine Actrice und Sängerin, die in Santiago u.a. jahrelang in dem Stück „La mujer Mariposa“ („Die Schmetterlingsfrau“) auf der Bühne gestanden war, nannte Lelio in seiner Dankesrede „die Inspiration für diesen Film“. In einem Jahr, in dem mit Yance Ford auch ein Trans-Regisseur für den Besten Dokumentarfilm nominiert war (Strong Island), trug sich Daniela Vega noch auf andere Weise in die Annalen der Oscar-Show ein: In 90 Jahren Oscar-Geschichte war sie die erste bekennende Transgender-Frau, die einen Beitrag auf der Bühne anmoderierte.

Apropos Geschichte: Sebastián Lelio darf sich nun also, wie u.a. auch Michael Haneke und Stefan Ruzowitzky, zu einem höchst illustren Kreis von Filmemacherinnen und Filmemachern des Weltkinos zählen. Um nur ein paar wenige zu nennen: Akira Kurosawa, Ingmar Bergman, Jacques Tati, François Truffaut oder Luis Buñuel wurden – teils mehrfach – mit dem Fremdsprachen-Oscar prämiert. Jeweils vier Stück davon nannten Vittorio De Sica und Federico Fellini ihr Eigen. Damit machten die beiden Italien zum bislang erfolgreichsten Land in dieser Kategorie und bleiben als Oscar-Preisträger wohl Rekordhalter für die Ewigkeit. Auch wenn die Auszeichnung grundsätzlich nicht an den Regisseur, sondern an den Film geht.

 



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