Favoritensiege und Trostpreise

„Icarus“ wurde als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Plus: ein Überblick über weitere Oscar-Entscheidungen.

 

Die Filme, die in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ ausgezeichnet werden, sind zwar oft spektakulär, aber auch leider kaum zu sehen, sofern sie nicht bei der Viennale gezeigt werden/wurden. Ins Kino kommen sie nur in den allerseltensten Fällen. Icarus, der diesjährige Preisträger, ist insofern eine Ausnahme, als das ja eine Netflix-Produktion ist und somit zumindest von den zahlreichen Abonenntinnen und Abonennten der Streaming-Plattform gesehen werden kann. Der US-amerikanische Regisseur Bryan Fogel, bekannt vor allem für sein Off-Broadway-Stück „Jewtopia“ (2003), das er später auch verfilmte, beschäftigt sich darin mit dem Thema Doping, und zwar in einem ungewöhnlichen Selbstversuch, den er mit Hilfe des russischen Experten Grigori Rodtschenkow, eigentlich Chef des dortigen Anti-Doping-Programms, unternahm. Rodtschenkow floh bekanntlich in die USA, wo er umfassend über die Machenschaften der russischen Athleten bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi im Jahr 2014 berichtete. Mit seinem eigenwilligen Zugang und der beginnenden Freundschaft zwischen den beiden Männer hebt sich Icarus stark von handelsüblichen Sport-Dokus ab. Trotzdem ist der Sieg im Oscar-Rennen ein wenig überraschend. Man hatte doch eher auf Visages Villages, den Film der 90-jährigen Agnès Varda, der Grande Dame des französischen Films, oder auf den dänisch-syrischen Beitrag The Last Men of Aleppo getippt, in dem die humanitäre Arbeit der sogenannten „Weißhelme“ während der Bombardierung der Stadt dokumentiert und gewürdigt wird.

Aber was sind schon Prognosen und „sichere Tipps“ wert bei der Oscar-Verleihung? Die Geschichte der leer ausgegangenen Favoriten bei den Academy Awards ist fast so lang wie die der triumphalen Sieger. The Square von Ruben Östlund (Schweden) etwa galt als „sure bet“ für den Fremdsprachen-Oscar, und trotzdem ging der Preis – zu Recht übrigens – an Una mujer fantastica, den chilenischen Beitrag von Sebastián Lelio. Christopher Nolan hätte man für sein intensives Kriegsdrama Dunkirk auch mehr zugetraut (und vergönnt) als Bester Schnitt, Bester Ton und Bester Tonschnitt. Auszeichnungen wie diese gelten – bei aller Respektabilität – ein bisschen als die Trostpreise der Veranstaltung. Blade Runner 2049, der nun wirklich ein mehr als gelunges Sequel eines kaum zu erreichenden Originals ist, konnte – nun ja – immerhin die Beste Kamera (Roger Deakins) und die Besten visuellen Effekte (John Nelson, Gerd Nefzer, Paul Lambert und Richard R. Hoover) für sich verbuchen.

Favoritensiege gab es aber auch, ohne Zweifel, so etwa Lee Unkrichs und Darla K. Andersons Coco als bester Animationsfilm – dieser Sieg stand wohl wirklich nicht in Frage. Auch der Preis für die beste Maske und die besten Frisuren konnte eigentlich nur an The Darkest Hour gehen: Kazuhiro Tsuji, David Malinowski und Lucy Sibbick verwandelten Gary Oldman in einer aufwändigen Prozedur in den legendären britischen Staatsmann Winston Churchill. Und dass Paul Thomas Andersons Phantom Thread die Auszeichnung für die besten Kostüme (Mark Brdiges) bekommen würde, daran hat wohl auch niemand ernsthaft gezweifelt.

 

 



Kein Kommentar vorhanden.




Social Bookmarks