Das Österreichischen Filmmuseum widmet David Lean eine umfassende Retrospektive
Als er mit seiner sechsten Ehefrau einmal den Taj Mahal besichtigte, fiel ihm ein amerikanischer Tourist auf, der das Monument fotografieren wollte. Schnurstracks ging er zu ihm hin und schlug vor, einen anderen Blickwinkel zu wählen, um das Licht auf dem Marmor besser einfangen zu können. Empört blickte ihn der Amerikaner an: „Was glauben Sie, wer sie sind? David Lean?“
Er war ein Weltenbummler des Kinos, der in seinem burgunderfarbenen Rolls Royce sämtliche Kontinente bereiste, im Gepäck nicht viel mehr als ein paar Koffer und wechselnde Ehefrauen. Unablässig strebte er danach, den touristischen Blick zu präzisieren und Schauwerte maximal zur Geltung zu bringen. Nur Akira Kurosawa ist es wie ihm gelungen, unterschiedlichsten Situationen ihre definitive filmische Form zu verleihen. Niemand hatte vor Lawrence of Arabia (1962) je eine Fata Morgana gefilmt. Lean und sein Kameramann Freddie Young ließen sich von Panavision ein Objektiv von 482 mm Länge bauen, um filmen zu können, wie am Horizont in einer Luftspiegelung ein kleiner Punkt auftaucht, der sich nach einigen Minuten als Omar Sharif entpuppt. Bei Ryan’s Daughter (1970) hatte er den Ehrgeiz, die spektakulärste Sturmsequenz der Filmgeschichte zu drehen. Und war die Stille im Kinosaal jemals so vernehmlich wie nach dem Tod von Bill Sykes in Oliver Twist (1948) oder vor dem Urteilsspruch in Madeleine (1950)?
Claude Chabrol sagte einmal, er würde seine Teams schon an den Rand der Verzweiflung bringen, wenn er sie einige Stunden lang warten ließ, bis am Himmel die richtige Wolkenformation erschien, der Perfektionist Lean hingegen ließe sie Monate lang ausharren. Diese Virtuosität stand bei seinen Kollegen höher im Kurs als bei der Kritik; es genierte sie nicht, sich im Kinosessel von Leans Visionen überwältigen zu lassen. Nicht nur die Abenteurer des New Hollywood, George Lucas, John Milius und Steven Spielberg, haben ihn zum Vorbild erkoren. Spielberg bekannte einmal: „Zuvor wollte ich ein brillanter Chirurg werden, aber nachdem ich ‚Lawrence‘ sah, war mir klar: Ich musste Filme machen!“ Auch John Ford zählte ihn zu seinen Lieblingsregisseuren. Insgesamt 28 Oscars haben seine Filme gewonnen, darunter zwei für die Beste Regie. Als das Britische Filminstitut 1999 bei einer Umfrage die wichtigsten Filme des ausgehenden Jahrhunderts ermittelte, fanden sich drei seiner Werke auf den ersten fünf Plätzen.
Die Größenrelationen
Während der diesjährigen Oscar-Verleihung geriet der Moderator Jon Stewart ins Schwärmen. Er schaute sich auf seinem iPhone eine Szene aus Lawrence of Arabia an, besann sich dann jedoch eines Besseren. Er drehte sein kleines Mobiltelefon in die Horizontale und erklärte ehrfürchtig: „ Um den Film wirklich würdigen zu können, muss man ihn im Breitwandformat sehen.“ Der Lacher war dabei keineswegs garantiert. Wie viele der Fernsehzuschauer werden wohl begriffen haben, dass einen die unendlichen Weiten der Wüste und der menschlichen Natur nicht auf einem kleinen Bildschirm in den Bann schlagen können?
Es ist ein Segen, dass David Lean die rasante Entwicklung der Telekommunikation nicht mehr erlebt hat. Denn seine Filme gehören auf die große Leinwand. Jede Einstellung in Lawrence of Arabia ist darauf angelegt, den Zuschauer zu überwältigen. Unmöglich, sich dem Geschwindigkeitsrausch der Eröffnungssequenz zu entziehen, in der Lawrence auf dem Motorrad seinem Tod entgegenfährt. Jeder Windhauch, der durch sein Gewand geht, ist ein sinnliches Erlebnis. Das Entzünden eines Streichholzes besitzt in einer Großaufnahme die gleiche Wucht wie der Anblick der Sonne, die in einer Totalen über der Wüste aufgeht.
David Lean besaß jenen zweifachen Blick, über den jeder Epiker des Kinos verfügen muss: für die Größenrelationen, für das Gesamte und das Detail. Als gelernter Cutter wusste er, dass Regeln dazu da sind, gebrochen zu werden. Ein anderer Regisseur hätte es gewiss nicht gewagt, von der Großaufnahme des Streichholzes unvermittelt zu einer Totalen zu schneiden. Lean hingegen war fasziniert von den Extremen. Nach den Tableaus von Statistenheeren, etwa der Militärparade zu Beginn von This Happy Breed (1944) oder dem Aufmarsch der Arbeiter am Anfang von Doctor Zhivago (1965) ist die nächste Einstellung unweigerlich einem Individuum vorbehalten.
Der wachsame Blick des Patriarchen
Vor 101 Jahren wurde er am 25 März im Londoner Stadtteil Croydon in eine Quäkerfamilie geboren. Der Kinobesuch blieb ihm in der Kindheit strikt untersagt. Umso so stärker ist in seinen Filmen später die Liebe zum eigenen Medium zu spüren: in kleinen Allegorien auf dessen Magie. Das Paar in Brief Encounter (1945) verliebt sich im Kino ineinander, der Geister der ersten Frau Rex Harrisons in Blithe Spirit (1945) klagt, dass er seit Jahren keinen Film mehr gesehen hat. Im Filmgeschäft hat er 1926 als Klappenträger begonnen, zwei Jahre später wurde er Schnittassistent und bald eigenständiger Cutter für Regisseure wie Paul Czinner und Michael Powell.
Für die Kritik waren seine eigenen Regiearbeiten immer ein Streitfall. Sie haderte mit dem vermeintlichen Bruch in seinem Werk: Wie könnte der Regisseur von Melodramen um moralstürzende Sehnsüchte, die er in den 40er Jahren tief im kleinbürgerlichen Milieu verwurzelte, je vereinbar sein mit dem der großspurigen Epen, die er von The Bridge on the River Kwai (1957) an inszenierte? Seine internationale Karriere erschien als eine ruchlose Abkehr. 1955 floh er jedoch nicht nur vor dem Finanzamt (auch die Scheidung von der Schauspielerin Ann Todd drohte Lean zu ruinieren), er hatte sein Exil insgeheim längst vorbereitet in einem Zyklus von Filmen, die die klaustrophobische Enge der patriarchalischen Gesellschaft Englands geißeln. Aber auch danach blieb er unwiderruflich ein britischer Filmemacher, dessen nostalgischer Blick auf Glanz und Widersprüche der imperialen Vergangenheit in den Jahren nach der Suez-Krise auf das einheimische Publikum wie ein Trost und das Versprechen ungebrochener Größe wirken mussten. In seinen späten Filmen ist die Fremde ein erhabener Schauwert – er ist ein Abenteurer, kein Ethnologe -, gleichwohl verraten sie die Berührbarkeit eines Egozentrikers, der umgetrieben wird von einer Neugier, die stets in Betracht zieht, dass andere Kulturen für ihn nie ihre Fremdheit ganz werden verlieren können.
Ferne, trügerische Horizonte
Dabei beweisen all seine Filme, wie empfänglich dieser Regisseur ist für die Atmosphäre seiner Schauplätze. Der Landschaft und Witterung trägt er komplexe narrative Zuständigkeiten an – man denke nur daran, wie die Hauptfiguren in Great Expectations (1946), Doctor Zhivago und Ryan’s Daughter in Momenten tiefer Trauer oder Glückseligkeit vom Wind abgelenkt werden, der durch die Zweige streicht-, seine Inszenierung schöpft die Erzählkraft der Architektur und der Elemente vollends aus. Auch spektakuläre Dekors dienen ihm als Resonanzraum für intime Regungen. Zeit seiner Karriere hat er den Spagat gewagt, das Alltägliche und das Epische zu verschmelzen. Obwohl fast zwei Jahrzehnte zwischen ihnen liegen, herrscht in Oliver Twist und Doctor Zhivago die gleiche erzählerische Ungeduld, die ihn mitten in einem Satz zur nächsten Szenen überblenden lässt.
Nicht erst Colonel Nicholson in The Bridge on the River Kwai und Lawrence sind Visionäre. Schon seine frühen Figuren wollen die Welt nach ihren Sehnsüchten und Erwartungen verwandeln. Sie spüren die Verlockung des Unbekannten, Noch-nicht-gewagten, aber die Verheißung der fernen, trügerischen Horizonte bleibt ihnen in England noch verwehrt. The Sound Barrier (1952), sein Film über die Entwicklung von Düsenflugzeugen, die die Schallmauer durchbrechen sollen, fungiert als ein Scharnier in Leans Karriere. Er wirkt wie eine Befreiungsgeste – und ist zugleich eine bittere Studie über die verheerende Kraft der Visionen. Seine Protagonisten romantisieren Technik und Handwerk (im Vorspann werden die Namen der Flugzeuge gleich nach denen der Hauptdarsteller genannt); wie Leans spätere Helden wären sie verloren ohne ihre Aufgabe, ohne die zu erfüllende Pflicht.
Lean begriff vielleicht besser als jeder andere Regisseur, wie man einer Faszination erliegen kann. Aber er verstand es auch, Aufbegehren und Zweifel in ihr Recht zu setzen. The Sound Barrier ist ein Meisterstück des subjektivierten Erzählens, das regelmäßig die Perspektive der Heldin (Ann Todd) einnimmt, die bei Testflügen zuerst ihren Bruder und dann ihren Ehemann verliert. Immer wieder macht sich die Kamera ihren Blickwinkel zu eigen – beim Start der Düsenmaschine, mit der sie und ihr Mann nach Kairo fliegen, nach seinem Tod, als ihr Vater seine letzten Funksprüche abhört.
Leans Lichtsetzung und Montage scheinen unmittelbar den Gedankengängen seiner Charaktere zu folgen. Seine Gabe zur Einfühlung macht ihn zum großen Poeten der Ambivalenz. In seinen Filmen gilt es, gegensätzliche Impulse auszuhalten. Die Ehefrau in Brief Encounter droht, am Widerspruch von Leidenschaft und Pflicht zu zerbrechen. In Gedanken richtet sie die Beichte ihres (nicht vollzogenen) Ehebruchs an den Menschen, der sie nie erfahren darf: ihren Mann. In The Bridge on the River Kwai herrscht ein paradoxer Spannungszustand. Einerseits bewundert man die Unbeugsamkeit und die Ingenieursleistung des britischen Colonels, der in japanischer Kriegsgefangenschaft die perfekte Eisenbahnbrücke baut, zugleich fiebert man mit dem Kommandounternehmen mit, das sie sprengen soll. Neben den Frauenporträts, die er in The Passionate Friends (1949) und Madeleine mit Ann Todd entwirft, ist Lawrence of Arabia seine gelungenste Studie der Zerrissenheit. Lean zeichnet die Titelfigur als Soldaten und Träumer, als Freiheitskämpfer und Agenten des britischen Empire, als entfremdeten Helden, der ferne Welten im Namen einer Kultur erobert, die er eigentlich hinter sich lassen wollte. Es gehört große Kühnheit dazu, in den Mittelpunkt eines Epos‘ eine Figur zu rücken, die aller Welt und sich selbst bis zum Ende ein Rätsel bleibt.
Es ist genau jener enigmatische Zug, das Beharren auf dem unerklärlichen Rest der menschlichen Natur, das Leans Filme fortwirken lässt. Nie weiht er uns ein, ob die Titelheldin in Madeleine ihren Geliebten ermordet hat oder nicht. E.M.Forsters Roman A Passage to India kreist um die Frage, was wirklich in den Höhlen von Marabar geschah: Wurde die Indienreisende Mrs. Quested dort vergewaltigt oder nicht? In seinem letzten Film, der Adaption dieses Romans (1984), hat David Lean dafür Sorge getragen, dass dies nicht nur eines der großen Rätsel der Literaturgeschichte bleibt. Sondern auch eines der Filmgeschichte.
