Ein „Vorfall“ an einer katholischen Schule führt zu Ermittlungen im Schattenreich des Zweifels. War da etwas?
Sister Aloysius Beauvier – den Namen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. „Aloysius“ wird in etwa „Alo-isches“ ausgesprochen, Assoziationen mit dem gleichnamigen dicken Dienstmann-Engel, der in Ludwig Thomas Ein Münchner im Himmel das Paradies mit seinem „Luja“-Geschrei aufmischt, sind also fehl am Platze. Allerdings mischt Schwester Aloysius auch etwas auf, nämlich die bis dahin so harmonisch erscheinende Welt ihres Vorgesetzten Father Brendan Flynn, der 1964 an der St. Nicholas Schule in der Bronx unter anderem Sport unterrichtet. Die junge und etwas naive Schwester James ist es, die in der konservativen Schwester Aloysius den ohnehin gehegten Verdacht erhärtet, dass mit dem weltoffenen Father Flynn etwas nicht stimmt; dass er sich seinen Schützlingen womöglich auf unsittliche Weise genähert haben könnte. Insbesondere Donald Miller, dem ersten und einzigen schwarzen Schüler und damit einem besonders verletzlichen Mitglied der Gemeinschaft. Beweise fehlen, es gibt nur den Verdacht und die Interpretation von Zeichen. Father Flynns gepflegte, lange Fingernägel zum Beispiel. Und den Umstand, dass er dem isolierten und angefeindeten Donald freundliche Aufmerksamkeit schenkt.
Man sollte sich nicht täuschen, die Mechanismen, die den Ruf und das Leben eines Menschen ruinieren können, sind heute noch die gleichen. Andeutungen, Mutmaßungen, Gerüchte und Vorurteile bilden die Textur von Doubt, den John Patrick Shanley nach seinem eigenen, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Theaterstück inszeniert hat. Doubt ist ein großartiger Schauspielerfilm, in dem Amy Adams als Schwester James, Philip Seymour Hoffman als Father Flynn und vor allem Viola Davis in der Rolle von Donalds Mutter die hohe Kunst des Charakterdramas zelebrieren. Was Meryl Streep mit ihrer Figur der Schwester Aloysius anstellt, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Hart an der Grenze zur Charge legt sie deren Persönlichkeit an, wirkt mal beinhart selbstgerecht, geradezu paranoid, dann wieder heldenhaft auf ihrem einsamen Kreuzzug gegen das von Männern beherrschte, kirchliche Establishment. Und mit Streeps Darstellung, die sich der Kategorisierung entzieht, entzieht sich auch die Wahrheit dem Zugriff.
Darin liegt der ungeheure Reiz dieses Films; er führt sein Publikum auf schwankenden Boden und verweigert ihm bis zum Schluss das Gleichgewicht. Weil auch dem Gleichgewicht mit Zweifel zu begegnen ist.
