„The Wrestler“-Regisseur Darren Aronofsky über filmische Hakenschläge, Studentenfilm-Ideen und über einen Star, an den keiner mehr geglaubt hatte außer er selbst.
Vergleiche findet er langweilig, und überhaupt wiederholt sich Darren Aronofsky nicht gern in dem, was er tut. Dafür hat der heute 39-jährige, in New York geborene Filmemacher auch zu viele geniale Ideen, die er früher oder später auf die Leinwand zaubert. Mit seinem Erstling Π (Pi), einem schwarzweißen Experimentalthriller um ein von einer Kabbala-Sekte verfolgtes Mathematikgenie, versetzte er 1998 Kritiker und Publikum gleichermaßen in Erstaunen und avancierte auf Anhieb zum eigenwilligen Plot- und Realitäten-Tüftler der amerikanischen Independent-Szene. Als zwei Jahre später sein flirrendes Drug Movie Requiem for a Dream in die Kinos kam, festigte sich dieses Bild noch. Der Einzug nach Hollywood sollte folgen, musste allerdings nach zwei Produktionsanläufen und insgesamt sechs Jahren, in denen er an dem ambitionierten und geistreichen Fantasy-Puzzle The Fountain bastelte, als kommerzieller Abschreibposten bilanziert werden – bitter für einen unbeirrbaren Perfektionisten.
Mit The Wrestler fügt Aronofsky seiner unberechenbaren Filmografie nun eine Qualität abseits optischer Raffinessen hinzu. Im Vordergrund stehen keine durch Rausch, Genie und Wahnsinn induzierten Transzendenzerfahrungen, die sich in motivisch virtuosen Bild-, Sound- und Montageeffekten abbilden, sondern eine mit Sorgfalt und Gefühl gezeichnete Hauptfigur. Mickey Rourke brilliert in der Rolle des verbrauchten Wrestler-Veteranen Randy „The Ram“ Robinson, der sich nach einem Herzinfarkt gezwungen sieht, endgültig aus dem Ring zu steigen. Mit der in die Jahre gekommenen Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) und mit seiner von ihm vernachlässigten Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) versucht er, seinem Leben eine neue Perspektive zu geben – bis er sich schließlich im Supermarkt hinter der Metzger-Theke wiederfindet und spürt, dass es das nicht gewesen sein kann.
Stimmt es, dass Sie die Idee zu The Wrestler schon zu Studienzeiten auf einer Art Filmkonzeptliste notiert hatten?
Darren Aronofsky: Ja, diese Liste existiert tatsächlich. Als ich meinen Abschluss in der Tasche hatte, schrieb ich eine Liste von zehn Ideen in mein Tagebuch, aus denen eventuell mein erster Spielfilm entstehen könnte, und eines der Stichworte hieß eben „The Wrestler“. Ich hatte den Grundgedanken zum Film also bereits Anfang der Neunziger, und ich habe mich seitdem immer wieder gefragt, warum eigentlich bisher niemand auf die Idee gekommen ist, einen ernsthaften Film über Wrestling zu drehen. Was die Liste angeht, ist dann aus einer Kombination von zwei oder drei anderen Einfällen, die ich damals hatte, zunächst einmal Pi entstanden, mein erster Film. Aber auch die anderen Ideen sind natürlich noch da und warten darauf, früher oder später verwirklicht zu werden. Ich halte es für sehr wichtig, sich ab und an auf seine frühen Einfälle zu berufen. Man kann daraus oft sehr viel neue Energie schöpfen.
Hatten Sie nach der jahrelangen Arbeit an The Fountain das Gefühl, Sie müssten erst mal wieder auftanken?
Nachdem wir The Fountain abgeschlossen hatten, war für mich gleichzeitig ein erstes Kapitel in meiner Karriere beendet. Ich sehe meine ersten drei Filme eigentlich als eine Art Trilogie. Obwohl ich hoffe, dass jeder für sich eine ganz eigene Bildsprache besitzt, glaube ich, dass sie dennoch durch eine ähnliche filmische Herangehensweise miteinander verbunden sind. Mit dem nächsten Film wollte ich das aber alles hinter mir lassen und etwas Neues ausprobieren. Die Idee, die hinter The Wrestler steckt, schien mir als einzige das geeignete Potenzial zu haben.
Im Gegensatz zu Ihren früheren Filmen, die sich vor allem durch Experimentierfreudigkeit, Wucht und Makellosigkeit der Bilder ins Gedächtnis prägen, ist The Wrestler ganz klar von seinem Hauptdarsteller dominiert. Der Film steht und fällt mit Mickey Rourke in der Rolle des Randy „The Ram“ Robinson.
Es lässt sich wohl nicht vermeiden, dass man als Filmemacher oder Künstler immer mit seinen vorherigen Arbeiten verglichen wird. Ich halte es allerdings für extrem wichtig, dass man sich immer wieder in gewisser Weise neu erfindet in dem, was man tut. Die meiste Arbeit an The Fountain war aufgrund der vielen Spezialeffekte sehr technisch, und es war ein unheimlich langwieriger Postproduktions-Prozess. Es hat Spaß gemacht, aber während wir daran saßen, habe ich gemerkt, wie viel mir die Arbeit mit Schauspielern eigentlich bedeutet. Ich habe mich geradezu danach gesehnt, einen Film zu machen, bei dem die Schauspielerei im Vordergrund steht. Obwohl es auch viele Action-Szenen in dem neuen Film gibt, geht es in erster Linie doch vor allem um die Darstellung der Charaktere.
Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit Mickey Rourke?
Mit Mickey lief es nur, wenn man ihm die Karotte am Stock vor die Nase hielt.
Das klingt nach einer ziemlichen Herausforderung.
Es war harte Arbeit. Ich meine, Mickey kann schon sehr anstrengend sein. Er setzt immer erst einmal alles daran, so wenig wie möglich zu arbeiten, aber wenn man ihn endlich dazu bringt, ist er einfach umwerfend. Das Faszinierende an Mickey ist, dass er zwar ein unheimlich wuchtiger Kerl ist, aber tief im Herzen ist er ein Softie. Und er ist unheimlich gerissen und extrem eigensinnig, aber all das macht ja sein großartiges Talent aus. Man muss das Spiel mitspielen und ganz intensiv mit ihm arbeiten. Er ist nicht jemand, der einfach ankommt und loslegt. Aber, wie gesagt, Mickey hat so großes Talent, da hat mich die Herausforderung keineswegs gestört, solange er am Ende eben mitmacht. Der Kampf mit ihm war sozusagen der Spaß an der Sache für mich. Der Berg ist dazu da, dass man ihn besteigt. Wenn da ein Fahrstuhl wäre, würden wir ihn gar nicht besteigen.
Gab es einen wirklich kritischen Moment während der Dreharbeiten?
Ja, das war der Tag, an dem wir die Szene im Supermarkt gedreht haben. Das ist eine tolle Szene, aber bis wir die endlich im Kasten hatten! Ich denke, es lag daran, dass Mickey tatsächlich dieses tiefe Schamgefühl empfunden hat, das seine Figur in sich trägt. Die meisten Leute im Supermarkt waren ja keine Schauspieler, sondern einfach ganz normale Kunden. Ihm war das so peinlich, dort hinter der Metzger-Theke zu stehen, da hat er sich richtig mit mir angelegt. Da ging gar nichts mehr. Aber am Ende haben wir es doch geschafft, Schritt für Schritt, Stück für Stück.
Dabei hätten Sie den Film mit Rourke in der Hauptrolle zunächst fast nicht realisieren können.
Stimmt. Wissen Sie, das Problem war, dass niemand mehr an Mickey Rourke geglaubt hat. Um ganz ehrlich zu sein, niemand wollte den Film mit ihm in der Hauptrolle finanzieren. Nur eine Firma in der ganzen Filmfinanzierungswelt, die französische Firma Wild Bunch, wollte das Projekt überhaupt unterstützen. Allerdings mit einem Budget, mit dem sich der Film, den wir eigentlich geplant hatten, unmöglich hätte realisieren lassen. Aber alle anderen hatten ja ganz abgelehnt. Also haben wir den Film einfach kleiner gemacht, damit wir ihn mit Mickey Rourke in der Hauptrolle besetzen konnten. Es ging darum, dass jemand wie Mickey, der seit zwanzig Jahren kein Star mehr war, quasi nichts mehr wert war. Ich denke, Evan Rachel Wood, die im Film Randys Tochter spielt, war im kommerziellen Sinn sozusagen mehr wert als Mickey.
War sich Rourke dessen bewusst?
Oh ja! Wir haben immerhin anderthalb Jahre damit verbracht, das Geld für den Film mit ihm zusammenzukriegen. Und ich habe ihm das von vornherein sehr klar gemacht und gesagt: „Hör zu, niemand zahlt für dich, also kann ich dich nicht bezahlen“. Er war sich dessen durchaus bewusst.
Wieviel Rourke, der ja ähnlich am Boden lag, steckt nun tatsächlich in der Rolle?
Ich denke, es gibt da Überschneidungen (lacht) … aber diese herauszufiltern, ist Ihnen überlassen. Rourke hat sich dazu während der Dreharbeiten nicht geäußert, aber er war sich wohl darüber im Klaren.
Beeindruckend an The Wrestler ist, dass er der Körperarbeit der Figur soviel Platz einräumt. Hat das winzige Budget diesen Zugang bedingt, oder war das von Anfang an so geplant?
Die Bildsprache basiert hier im Grunde allein auf Mickey Rourke. Ich wollte ihm so viel Freiheit wie möglich lassen, und dachte, am besten funktioniert das, wenn ich ihn nicht zwischen Stativ und Kamerawagen begrenze, sondern ihn quasi laufen lasse. Darum haben wir den Film komplett mit einer Handkamera gedreht. Wenn man einen Dokumentarfilm dreht, folgt man den Leuten. Man kann sie schlecht führen, weil man oft nicht weiß, wohin sie gehen, und so ungefähr war das auch mit Mickey. Es schien mir mehr und mehr natürlich, ihm einfach mit der Kamera zu folgen und dadurch langsam seinen Charakter offen zu legen. Das ist zwar manchmal auch sehr schwierig, wenn man einen Schaupieler so intensiv von hinten filmt, aber ich wollte, dass der Film auf diese Weise lebt und vorangetrieben wird.
Es gibt mitunter ziemlich brutale Szenen…
Ja, das ist ein entscheidender Aspekt im Film. So knallhart geht es dort mitunter tatsächlich zu. Wie beim Boxen gibt es natürlich auch beim Wrestling verschiedene Varianten, die der Film auch zeigt. Aber auch wenn es beim Wrestling in erster Linie um die Show geht, gibt es teilweise enormen Blutverlust bei den Ringschlachten. Deshalb wollte ich, dass es auch im Film so gezeigt wird, damit man versteht, in welcher Welt Randy lebt und was er durchlebt. Was diese Wrestler mit sich alles machen für eine johlende Menge, das ist oft extrem grausam.
Sie stammen aus New York, da war Wrestling sicher sehr präsent in Ihrer Kindheit. Waren Sie ein großer Fan?
Nein, ich war kein großer Fan. Ich erinnere mich, dass ich zusammen mit meinem Vater ein paar Shows im Madison Square Garden gesehen habe, aber das war’s. Aber es ist natürlich ein wichtiger Teil amerikanischer Kultur. Ich war vielleicht auch schon ein bisschen zu alt, als Wrestling dann das ganz große Ding wurde mit „Hulk-Mania“ und dergleichen. Trotzdem habe ich mich gefragt, warum sich bislang kein Filmemacher ernsthaft mit diesem Phänomen auseinandergesetzt hat. Es gehört ohne Zweifel zu den beliebtesten Unterhaltungsformen im Land, doch niemand hat es bislang wirklich studiert. Je mehr ich mich dann mit dem Thema beschäftigt habe, umso komplexer und tragischer fand ich die ganze Sache.
Ich muss noch einmal einen Vergleich anstellen: Gegenüber Ihren früheren Filmen überrascht The Wrestler auch deshalb, weil sehr viel Humor drin steckt.
Ich würde zwar abstreiten, dass es etwa in Pi oder Requiem gar keinen Humor gab, aber in meinen ersten drei Spielfilmen war einfach kaum Platz dafür, was natürlich in erster Linie mit den Geschichten zusammenhängt, die ich dort erzählen wollte. Aber wenn Sie sich meine Studentenfilme ansehen, dann finden Sie unter den vier oder fünf Kurzfilmen, die ich damals gedreht habe, auch zwei Komödien. Es hat sich einfach so ergeben, dass die anderen Filme weniger humorvoll waren, das war einfach kein Thema. Diesmal wollte ich den Humor ganz klar zu Tage bringen, weil Vieles an dem Sport einfach so unfassbar ist, dass sich daraus filmische Möglichkeiten ergeben.
Die Geschichte, die Sie erzählen, ist dagegen bestechend schlicht, und eigentlich auch recht vorhersehbar…
Ich habe keine Angst vor traditionellen Geschichten, die meisten Filme basieren ja im Grunde auf ganz einfachen Strukturen. Worauf es ankommt, ist die Umsetzung der Idee. Wenn Sie sich Pi anschauen, werden Sie mit Sicherheit feststellen, dass es sich dabei von der Struktur her um einen ganz konventionellen Thriller handelt, worauf wir dann einfach einen Haufen ziemlich verrückter Ideen draufgesetzt haben. In diesem Film ging es mir aber darum, mit den Darstellern und ihren Charakteren zu experimentieren, ohne viel Drumherum – und das nicht nur mit Mickey.
Wenn man eine Blick auf Ihre aktuelle Projektliste wirft, findet man The Fighter und RoboCop. Sind Sie mitten in einer neuen Trilogie?
Leider nein. The Fighter liegt sowieso gerade auf Eis. Es ist alles sehr kompliziert, das Studio versucht gerade, einen Weg zu finden, dass wir den Film tatsächlich drehen können, also hoffentlich geht es bald weiter.
Werden Sie wieder einmal mit Mickey Rourke arbeiten?
Ich hoffe sehr, dass wir noch einmal die Gelegenheit bekommen. Im Moment habe ich nichts für ihn, aber ich behalte ihn immer im Hinterkopf.
