7915 KM – Einmal hin und zurück

Einmal hin und zurück

| Alexandra Seitz |

Nikolaus Geyrhalters 7915 km durchmisst weit mehr als einen geografischen Raum.

Die Idee ist so brillant wie simpel, auf der Hand liegend und zugleich gerissen, wie Alexanders Durchschlagung des gordischen Knotens. Denn was tun, wenn man vom schwierigen Verhältnis zwischen Afrika und Europa erzählen will? Wo anfangen? Und wie? Nun, man kann eine Schneise durch den Dschungel der Projektionen hauen und schauen, was sich ergibt.

Die Schneise folgt der Strecke der Rallye Paris–Dakar 2007, und was sich ergibt, sind Gespräche mit Leuten am Wegesrand. 7915 km lang ist der Weg, die Zahl gibt Nikolaus Geyrhalters Film seinen Titel. In einem Interview schildert der Regisseur und Kameramann es so: „Wir haben im Jänner 2007 mit den Rennteams auf einer gecharterten Fähre nach Marokko übergesetzt. In Marokko selbst haben wir die Rallye dann plangemäß aus den Augen verloren. Die Teilnehmer fahren die Gesamtstrecke in 14 Tagen, wir haben uns dafür vier Monate Zeit gelassen. Wir haben dort gleich gedreht, wobei wir weder die Strecke gekannt noch in den Orten vorher gecastet haben. Wir mussten uns weitgehend dem Zufall überlassen.“

Der Zufall ist nicht der schlechteste Verbündete, wenn man der Wahrheit auf die Spur kommen will, oder wenigstens einem nahen Verwandten von ihr. Und so etwas wie Wahrheit stellt sich tatsächlich ein, ergibt sich aus Eindrücken und Auskünften, aus der Beobachtung alltäglichen Lebens und aus dem, was die Menschen vor Ort darüber mitteilen. Vor Ort – das sind Stationen in Marokko (1009 km), West-Sahara (3478 km), Mauretanien (3498 km), Mali (6648 km) und Senegal (6969 km und 7915 km (Dakar), in deren Verlauf 6.500 Minuten Filmmaterial entstehen und 70 Interviews geführt werden.

Geyrhalter und sein langjähriger Schnittmeister und Dramaturg Wolfgang Widerhofer fügen mit diesem Film den exis-tierenden Afrika-Bildern nicht einfach ein weiteres hinzu, sie tasten die vorhandenen auf ihre Gültigkeit und Reichweite hin ab. Weil sie ihren Blick dabei mit größtmöglicher Unbefangenheit auf die Menschen richten, die ihnen unterwegs begegnen, diesen mit Geduld und Aufmerksamkeit zuhören, sich führen und zeigen lassen, gelingt 7915 km immer wieder ein ebenso überraschender wie erhellender Wechsel der Perspektive. Nicht der Blick des Europäers auf Afrika steht im Zentrum, sondern der Blick des Afrikaners auf Europa. Auf die Weißen, die, wie ein Heiler in Mali zu Protokoll gibt, zuhause offensichtlich nichts Vernünftiges zu tun hätten, denn sonst würden sie nicht in ferne Länder fahren, um dort dann sinnlos in der Gegend herumzukurven. „They made a lot of noise and stirred up dust.“ Nützlich gemacht haben sie sich jedenfalls nicht.

Auch ein Nomade in Marokko beschwert sich, die Rallye habe die Verkehrswege ruiniert. Und überhaupt, dieser Unsinn mit den GPS-Systemen. Umwege seien sie gefahren, hätten ihm nicht geglaubt, als er sagte, er wüsste einen kürzeren Weg. Dann beginnt er Siedlungen in der näheren und ferneren Umgebung aufzuzählen und die Ödnis der Wüste, in der er mit seinem Eselskarren steht und Auskunft gibt, füllt sich mit Namen: Fum Wad Naam, Lehdaibat, Araigat Munir, Sidi Belhabas, Umtulban, Irigi und Zbar – nie gehört, nie gesehen und doch da, Stätten menschlichen Lebens.

Es sind Momente wie dieser, in denen die Fülle des Daseins in einer weit entfernten Gegend der Welt eingefangen ist, die in Geyrhalters Film ein Gefühl der Nähe und Unmittelbarkeit ausdrücken, das alle vorgefertigten Wahrnehmungsraster in sich zusammenfallen lässt. An ihrer Stelle werden Leute sichtbar, die sich durchaus etwas Besseres vorstellen können, als in Nussschalen zusammengepfercht die lebensgefährliche Fahrt über den Atlantik ins vermeintlich gelobte Land Europa zu wagen. Die ihre Heimat eigentlich nicht verlassen wollen, denen aber dort die Perspektiven fehlen. Und sie fehlen, weil der immense Reichtum Afrikas nicht Afrika zugute kommt, wie eine Begegnung mit einem würdigen Greis in Mauretanien beiläufig klar macht, der als Baggerfahrer in einer Eisenerzgrube arbeitet, um seine Kinder auf die Schule schicken zu können. Ein anderer Mann in einem anderen Land erzählt zögernd von der Schwierigkeit, zurückzukehren, wenn man es in Europa nicht schafft. Unwillkürlich fallen einem die Bedingungen ein, unter denen zahllose Migranten in der Ferne ihre Existenz zu fristen gezwungen sind. Man ahnt den Druck, den die an sie geknüpften Hoffnungen ausüben, man ahnt die Dimen-
sion ihrer Verzweiflung. Ein Polizist in Dakar zeigt schließlich Überreste geborgener Fischerboote, in denen die Überfahrt versucht wurde. „Todesboote“ nennt er sie. Und wieder beschleicht einen eine Ahnung. Diesmal von der ungeheuerlichen und zynischen Vergeudung von Leben und Kreativität, die der anhaltende Migrationsstrom über das Meer bedeutet.

Je näher man hinschaut, je genauer man hinhört, desto komplexer werden die Zusammenhänge, die sich ergeben – nicht nur im Verhältnis zwischen Afrika und Europa, sondern auch in der Relation von einzelner Szene und Dramaturgie der gesamten Inszenierung. Geyrhalter beginnt 7915 km mit Aufnahmen einer lärmenden Auftaktveranstaltung der Rallye in Paris; über die Leinwand rast eine Abenteuer und Exotik versprechende Bildmontage. Dann, unterwegs auf der Strecke, immer wieder lange Einstellungen, die vor endlosen Horizonten die von den rasenden Autos und Motorrädern hinterlassenen Spuren zeigen. Je weiter man ihnen folgt, desto nachdrücklicher macht sich eine gegenläufige, gänzlich anders motivierte Bewegung bemerkbar. Bis schließlich am Ziel der Rallye der Startpunkt dieses anderen Rennens kenntlich wird: In den Aufnahmen von kleinen Punkten auf Radarschirmen in Flugzeugen, die das Treiben auf dem Meer überwachen. Im Bild eines mit hoffnungsvollen Menschen hoffnungslos überladenen Fischerbootes, das auf hoher See aufgebracht wird.

Am Ende kreuzen sich Rallye- und Migrantenbewegung, den Blick gebannt auf ein Phantom geheftet: die Versprechungen der Ferne. Sie schlittern aneinander vorbei, Parallelbewegungen durch Raum und Zeit, die den ganzen schmerzlichen Widerspruch dieser vielfach geteilten Welt ausdrücken.