Venedig Tag 5

| Alexandra Zawia |

Wie jedes Jahr um diese Zeit steht der Lido in Venedig im Zeichen des Weltkinos. Bis 8. September berichten Alexandra Zawia und Thomas Abeltshauser für „ray“ aus der Lagunenstadt.

 

Gut, es war also wieder ein Österreicher im Wettbewerb eines bedeutenden Festivals, und wieder war es Christoph Waltz. Er kam nicht an den Lido, sah in Terry Gilliams The Zero Theorem mit Glatze nicht besonders überzeugend aus und sein Soziophobie-Manierismus, den er sich für die Rolle als menschenscheuer und nihilistischer Wissenschafter Qohen („ohne U“) Leth angeeignet hat, versiegte im schwarzen Loch, mit Hilfe dessen Leth hier für Management (Matt Damon) beweisen soll, dass null gleich 100 Prozent ist. Gilliam pflanzt ihn in dieser Science-Fiction-Parabel über den Unsinn des Nachsinnens über irgendeinen Sinn in eine bewusst antiquiert wirkende Cyberpunk-Welt, in der Leth in einer alten Kirche lebt, wo er den Kopf des Jesu am Kreuz durch eine Überwachungskamera ersetzt hat. Gilliam meets Nietzsche, aber das verläuft weniger interessant als es klingt; man hat solche Filme schon besser gesehen.
Wohl weil Leth im Film sein Glück und Unglück in der virtuellen Liebe findet, gab er zumindest einer Handvoll Journalisten ein Interview über Skype. Es sei nicht gut gelaufen, hört man: Schlechte Verbindung, ein genervter Star.

Viel entspannter dagegen, und das obwohl sein Film bereits im Vorfeld Kontroversen ausgelöst hatte, war der Südkoreaner Kim Ki-duk bei der Präsentation seines neuen Werks Möbius, das in Venedig außer Konkurrenz läuft. In Möbius wird kein einziges Wort gesprochen, dafür aber werden drei Penisse abgeschnitten (einer davon wird zudem geschluckt, ein anderer gestohlen). Es ist eine inhaltlich radikale und formal stilisierte Geschichte über Inzest, Betrug, Gewalt – und brutale Orgasmus-Alternativen, und Ki-duk hatte sie schon seit längerem als „tief in die koreanische Psyche reichend“ ankündigt.

Die Presse nahm den Film nach dem ersten Screening wohlwollender auf als noch vergangenes Jahr seinen Pieta, mit dem er den Goldenen Löwen gewann. Auch dort ging es um Inzest und Gewalt, erzählt anhand eines Geldeintreibers, dessen Opfer sich bereitwillig selbst verstümmeln, um finanziellen Aufschub zu erhalten.

Genitalien sind die neue Katharsis, scheint es, zumindest dieser Tage hier am Lido. Auch in Jonathan Glazers Wettbewerbsbeitrag Under The Skin spielt es eine Rolle, was ein Alien in sexy Menschengestalt (Scarlett Johansson) erkennt, als sie entdeckt, dass – es sei hier nicht verraten. Glazer versucht hier eine Betrachtung dessen, was Menschsein ausmacht, aus der Sicht eines Alien. Dafür findet er bisweilen experimentelle, durchwegs starke Bilder, die sich analog zu dieser einmal konvergent, in anderen Situationen divergent verlaufenden Annäherung verhalten.

Zur Halbzeit sicherlich einer der bemerkenswertesten Filme in Venedig.