Monster sehen anders aus: Tina Leischs filmische Beobachtung des Gefängnisalltags junger Frauen
„Sechser-Schmalz“ bekommen und beim Zigarettenschmuggeln „Meier gehn“: Die trockene Gesetzessprache haben die Insassinnen des Frauengefängnisses Schwarzau in ein flottes „Häf‘ndeutsch“ übersetzt. Doch nicht nur was die Kenntnis der rechtlichen Fallstricke betrifft, unterscheidet sich die von Regisseurin Tina Leisch dokumentierte Welt der – großteils jugendlichen – Häftlinge von der Welt außerhalb der Mauern. Mit ihrer baulichen wie sozialen Abschottung bildet die Strafvollzugsanstalt – so der juristisch korrekte wie moralisch bedenkliche Terminus – eine Art Subkultur mit ihren eigenen Ausformungen von Sprache, Gestik und Regeln. Schwarzau ist da nicht anders – und doch ein bisschen: Leisch inszeniert mit den Frauen Theater. Ihr Stück Medea bloß zum Trotz, an dem auch männliche Häftlinge aus Gerasdorf mitwirken, bildet den Hintergrund für ein eindrückliches, manchmal vielleicht schwerfälliges Porträt der Laiendarstellerinnen. Mit der schützenden Fassade blau-weißer Schminke erzählen sie in den Pausen während der Theaterproben vom Grund des „Einsitzens“: Vom Diebstahl in der Pizzeria über den Trafiküberfall bis zum Mordversuch am Ex-Freund reicht die Palette an Delikten. Dahinter offenbaren sich allzu oft persönliche Tragödien, an deren Beginn ein zerrüttetes Elternhaus oder Drogenabhängigkeit standen.
Es sind ausschließlich die jungen Frauen, die Leisch im Visier der Kamera hat und die sie in der Anstaltsküche, beim Bügeln oder beim Schminken filmt. Bilder des Bollwerks Gefängnis und das vom Anstaltspersonal geprägte Umfeld treten dabei hinter die persönlichen Berichte zurück, wodurch sich ein klares Bild für den Zuschauer ergibt – frei von medialen Gelüsten einer Sensationsreportage. Das Theater wiederum dient als emotionaler Katalysator: Im Nachspielen des Gefängnisalltages werden Konfrontationen und Grabenkämpfe reflektiert. Durch diesen Kunstgriff vermengen sich sukzessive Realität und Inszenierung.
Leischs größtes Verdienst ist es dabei, die Perversion und Unmenschlichkeit eines (Justiz-)Systems aufzuzeigen, das mit dem Wegsperren von unerwünschten „Elementen“ weniger zu einer Lösung, denn zu einer Verschärfung eines verdrängten Problems beiträgt. Wenn die (durchaus populistisch) betitelten Gangster Girls gegen Ende auf der Bühne zu „I Wanna Be a Good Girl“ tanzen, dann ist klar, dass diese Textzeile reine Wunschvorstellung ist. Denn das Schicksal der Eingesperrten wurde von der Gesellschaft längst besiegelt.
