Wie jedes Jahr um diese Zeit steht der Lido in Venedig im Zeichen des Weltkinos. Bis 8. September berichten Alexandra Zawia und Thomas Abeltshauser für „ray“ aus der Lagunenstadt.
Festivalleiter Alberto Barbera ist dieser Tage nicht gut auf die Konkurrenz zu sprechen. Das parallel stattfindende Telluride Festival im gleichnamigen 2500-Seelen-Bergdorf in Colorado hat sich zu seiner 40. Ausgabe recht weit aus dem Fenster gelehnt: Filme, die in Venedig als Weltpremieren im Wettbewerb laufen, wurden dort dreist vorab gezeigt. Somit hat Telluride quasi die Regeln der A-Festivals gebrochen. Halbseidene Ausrede: Es handle sich nicht im eigentlichen Sinn um eine Premiere, sondern um eine „Sneak Preview“. Entsprechend angesäuert sagte Barbera am Rande eines Pressetermins: „Nächstes Jahr müssen wir uns alle an die Grundregel halten: Wenn ein Film im Wettbewerb ist, muss er auch hier zuerst laufen“. Heuer waren dies Jonathan Glazers Under the Skin mit Scarlett Johansson als männermordendem Alien als auch der Dokumentarfilm The Unknown Known von Errol Morris über Donald Rumsfeld. Er werde nach dem Festival ein ernstes Wörtchen mit Telluride-Mitbegründer Tom Luddy reden. Ob’s was hilft?
Die Filme von Morris sind eine Herausforderung. Nicht nur, weil er gerne mit zweifelhaften Mitteln wie dramatischen Reinszenierungen, Animationen und anderen Elementen arbeitet, statt sich auf sein eigentliches Material zu verlassen. Sondern auch, weil er zugleich hochgradig komplex sein Thema umkreist. Sein Gesprächspartner ist dabei ein buchstäbliches Gegenüber: mittels einer Kamerakonstruktion, dem Interrotron, schaut der Interviewte durch einen Spiegel direkt ins Objektiv. Der Effekt ist verblüffend. Morris konfrontiert Rumsfeld mit den Memos, die dieser während des Irakkriegs verfasste und lässt ihn nach heutigem Stand der Dinge darauf reagieren. Und der rhetorische Politfuchs Rumsfeld zuckt noch nicht mal mit dem Auge, wenn er seine sprachlichen Winkelzüge – man könnte es auch Lügen nennen – präsentiert.
Eine Agenda verfolgen auch die Protagonistinnen des anderen Dokumentarfilm des Tages, Ukraine is Not a Brothel von Kitty Green. Sie begleitete ein Jahr lang die in der Ukraine gegründete und längst weltweit bekannte feministische Aktionsgruppe Femen bei ihren Obenohneprotesten vor Putin, in Kirchen und anderswo. Und entlarvt die Gruppe hübscher, Parolen skandierender junger Frauen bald als Wirtschaftsunternehmen eines schizophrenen Drahtziehers im Hintergrund. Doch die Femen-Frauen sind schon längst einen Schritt weiter: Einige von ihnen sind nach Paris und anderswo ausgewandert, haben sich von Wiktor Swjatskij losgesagt und arbeiten an einem internationalen Femen-Netzwerk. Den Film, der sie in all ihrer Widersprüchlichkeit darstellt, nutzen sie in Venedig einfach als Fortführung ihrer Eigen-PR und inszenieren sich siegessicher. Beim Photocall wurden wieder wie üblich blank gezogen und die mit Parolen bemalten Brüste präsentiert. Anders als in Kiew, Istanbul oder Tunesien wollte sich aber keiner so richtig drüber aufregen.
