Rithy Panh – Historical Reality-TV

Historical Reality-TV

| Martina Lettner |

30 Jahre nach dem Ende der Herrschaft der Roten Khmer beginnt Kambodscha mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Im Mittelpunkt steht das live übertragene UN-Tribunal.

Der Junge kann es nicht fassen. „Wieso?“, fragt er immer wieder. Seine Eltern antworten jedes Mal ausweichend: „Es war damals die Zeit.“ oder „Wir hatten unsere Befehle. Wir konnten nicht anders, sonst wären wir gestorben.“ Danach schweigen sie. Bis ihr Sohn einen neuen Anlauf nimmt, sie nach ihrer Vergangenheit unter der Schreckensherrschaft der Roten Khmer (RK) zu fragen.

Susanne Brandstätter hat Szenen wie diese schon oft gesehen. Für ihren neuen Dokumentarfilm The Future’s Past – Creating Cambodia (er soll 2010 fertig werden) begleitet sie drei Jugendliche und ihre Familien während des UN-Tribunals, bei dem fünf der Hauptschergen der Roten Khmer zur Rechenschaft gezogen werden.

Erst jetzt, 30 Jahre nach Ende des Pol Pot-Regimes, versucht Kambodscha seine blutige Vergangenheit, die einem Viertel der damaligen Bevölkerung den Tod brachte, aufzuarbeiten. Im Mittelpunkt steht das UN-Tribunal, das seit Februar im Fernsehen übertragen wird. Im Jänner hatten nur 85 Prozent der Kambodschaner angegeben, zumindest ein wenig darüber zu wissen. 98 Prozent meinten aber bereits damals, dass sie den Prozess im Fernsehen verfolgen wollen. Nach drei Jahrzehnten von Verdrängung und verordnetem Schweigen giert Kambodscha nach Klärung und Gerechtigkeit.

Von Brillen und Schlangen

Rund ein Drittel der 14 Millionen Kambodschaner ist jünger als 15 Jahre alt, die meisten wissen gar nichts über Pol Pots Schreckensherrschaft von 1975 bis 1979. Erst seit Anfang des Jahres stehen die Gräuel auf dem Lehrplan. Davor wussten sie, wenn überhaupt, nur aus Erzählungen, was sich seit 1965 in ihrem Heimatland abgespielt hatte: Das soziale Gefälle zwischen Stadt und Land wuchs damals stetig; für die neu gegründete kommunistische Bewegung der Roten Khmer (RK) war es ein Leichtes, vor allem in ländlichen Gebieten immer mehr Menschen für ihre Idee der Gleichheit aller Menschen zu begeistern. Als die USA im Vietnamkrieg begannen, auch kambodschanische Dörfer entlang der Grenze zu Vietnam zu bombardieren, trieben sie die Dorfbewohner regelrecht in die Arme der RK. Auch auf höchster Ebene gab es Folgen: Staatsoberhaupt Norodom Sihanouk brach die Beziehungen zu den USA ab. 1970 stürzte ihn deshalb sein proamerikanischer Regierungschef Lon Nol – Sihanouk flüchtete ins Exil, wo er sich mit den von China und Nordvietnam unterstützten Roten Khmer arrangierte.

Fünf Jahre später hatten die RK soviel Macht auf sich vereint, dass sie in die Hauptstadt Phnom Penh einmarschierten, um Kambodscha vollends zu einem kommunistischen Agrarstaat umzubauen. Unter ihrem Führer Saloth Sar, der später als Pol Pot weltweite wie zweifelhafte Bekanntheit erringen sollte, riefen sie die Demokratische Republik Kampuchea aus. Geld und Religion wurden abgeschafft, Bildung verpönt, Städter enteignet und als Menschen zweiter Klasse zur Zwangsarbeit auf das Land gebracht. Jeder Widerstand gegen das Regime wurde mit dem Tod bestraft – schon Fremdsprachenkennt-
nisse oder das Tragen einer Brille konnte zu Festnahmen führen. Zwei Millionen Menschen kamen in nur vier Jahren ums Leben. Allein im Foltergefängnis Tuol Sleng, heute ein Museum, starben 14.000 Menschen. Nur sieben überlebten die Haft.

Kammern und Kompromisse

2003 arrangierte Rithy Panh ein Treffen von zwei Überlebenden mit ehemaligen Wärtern in Tuol Sleng. Auch dort kam die Frage nach dem „Warum“, die Antworten blieben ebenso einsilbig wie jene der Eltern, die Brandstätter derzeit in Kambodscha filmt. Während ihrer Vorbereitung sah sie sich Panhs Doku über das Foltergefängnis an, versuchte die Zerrissenheit der Betroffenen, des gesamten Khmer-Volkes zu verstehen.

Bis heute sind die Schrecken von damals nicht überwunden, noch immer bekleiden ehemalige Rote Khmer Ämter in der Regierung. Und das, obwohl ihr Regime bereits 1979 von den Truppen des wiedervereinigten Vietnam gestürzt worden war und die Kommunisten-Gruppe seit 1994 offiziell verboten ist. „Die Roten Khmer haben nach wie vor viel Einfluss. Sie sitzen überall, nicht nur in der Regierung“, sagt Youk Chhang, der Leiter des kambodschanischen Dokumentationszentrums. Das sei mit ein Grund, warum es erst jetzt zum Prozess komme – kein anderes UN-Tribunal hatte eine derart lange Vorlaufzeit.

Die Verhandlungen über den UN-Prozess hatten bereits 1997 begonnen. Die Vereinten Nationen waren gegen ein Hybrid-Tribunal aus nationalen und internationalen Richtern und Anklägern, weil zu befürchten war, dass die kambodschanischen Vertreter unter der Fuchtel von Ministerpräsident Hun Sen stehen würden, der einst selbst Mitglied der Roten Khmer war und heute hoher Funktionär der Kambodschanischen Volkspartei ist. Trotz mannigfacher Abweisungen durch die nationale Regierung unterbreitete der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, fortgesetzt Vorschläge für ein etwaiges Tribunal. Heraus kam schließlich ein Kompromiss: Es gibt weder nur nationale noch nur internationale Juristen bei dem Prozess. Stattdessen wurden zwei Kammern eingerichtet, eine Hauptverfahrenskammer und eine Berufungskammer, in der die ausländischen Juristen sitzen, die über ein Veto verfügen. Unter ihnen ist auch die Österreicherin Claudia Fenz, die bereits während des Kosovo-UN-Tribunals als Richterin tätig war.

Die Zukunft der Vergangenheit

Auch beim Verhandlungszeitraum machten beide Seiten Abstriche – so werden nur die Jahre 1975 bis 1979 untersucht, die Zeit der Herrschaft Pol Pots. Sogar die Zahl der Angeklagten ist ein Kompromiss. Pol Pot und zwei seiner engsten Vertrauten sind mittlerweile gestorben, an ihrer statt wurden „die obersten Führer und diejenigen, die hauptsächlich verantwortlich sind für schwere Verbrechen“, vor den Richter gebracht. „Kambodschas Frieden käme in Gefahr, wenn uneingeschränkt angeklagt würde“, meint Tribunalsprecherin Helen Jarvis, „Gerechtigkeit, nationale Einheit und Versöhnung müssen balanciert werden.“ Dokumentationsleiter
Chhang hält davon wenig. Er hofft, dass die Anklagen von Foltergefängnisleiter Duch, RK-Regierungschef Khieu Samphan, RK-Außenminister Ieng Sary und seiner Frau Ieng Thirith, die Sozialministerin gewesen ist, sowie des Chefideologen Nuon Chea erst der Anfang sind.

„Auch wenn es schmerzhaft ist, die alte Zeit wieder auszugraben, wir sind es den Opfern schuldig“, meint eine Überlebende. Viele Kambodschaner glauben aber, alte Wunden, die bereits verheilt wären, würden so wieder aufgerissen. Für Susanne Brandstätter ist das Tribunal dennoch der richtige Weg: „Mit der Prozessübertragung im Fernsehen begann auch der Prozess der Aufarbeitung. Die Jugendlichen haben jetzt die Gelegenheit, eigene Antworten auf ihre Fragen zu finden. Die Zukunft Kambodschas ist endlich auf der Suche nach ihrer Vergangenheit.“