Identitätssuche in isolierter Zweisamkeit: Alle anderen, ein seltener Glücksfall deutschsprachigen Kinos im Crossing Europe Panorama.
Maren Ade hat ein unglaubliches Talent, Dialoge zu schreiben“, sagt Birgit Minichmayr. Weil Minichmayr ein unglaubliches Talent hat, aus diesen geschriebenen Dialogen atmende Sätze zu machen, durfte sie vergangenen Februar als erste österreichische Schauspielerin in der 59-jährigen Geschichte der Berlinale einen Silbernen Bären hochhalten. Längst ein Fixstern auf der Bühne und im Kino (zuletzt erhielt sie auch den Diagonale-Schauspielpreis für die leicht überjubelte Brenner-Folge Der Knochenmann), beweist Minichmayr mit diesem bedeutenden Preis, dass sie im ambitionierten jungen Autorenfilm am eindrücklichsten wirken kann. Umgekehrt beweist Regisseurin Maren Ade, dass man bereits mit dem zweiten Langspielfilm (nach Der Wald vor lauter Bäumen, 2003) weit mehr als nur den Abend füllen kann – dafür wurde die 32-jährige Deutsche in Berlin mit dem Großen Preis der Jury bedacht.
Selten können Auszeichnungen so vorbehaltlos als berechtigt empfunden werden. Mit sublimem Witz, mühelos und ungeniert, mit plötzlich aufbrechender emotionaler Vehemenz erzählt Alle anderen von einem jungen Paar, das man ungleich nennt. Gitti, die in der Musikbranche jobbt, genießt den Sommer mit ihrem Freund Chris (Lars Eidinger), einem angehenden Architekten. Man sonnt sich schwerelos in isolierter Zweisamkeit im Ferienhaus von Chris’ Eltern auf Sardinien, liebt und neckt einander. Die ohnehin nicht bruchfeste Urlaubsidylle gerät aus der Balance, als Chris einen Kollegen trifft. Hans bietet sich nicht nur wegen seiner pragmatischen und Erfolg versprechenden Berufsperspektive als Rollenmodell an, auch an seiner Old School-Beziehung zu Vorzeigefreundin Sana findet Chris mehr Gefallen als Gitti lieb sein kann. Bei einem gemeinsamen Grillabend der beiden Paare kippt die Stimmung.
Alle anderen ist ein rarer Glücksfall im Kino deutscher Sprache, selbst im denkbaren Kontext der so genannten Berliner Schule: eine hoch konzentrierte Beziehungsstudie, die sich sacht in ihre Akteure einfühlt, ohne psychologischen Ballast anzuhäufen; ein intimer Liebesfilm, der ganz nebenbei sämtliche „Generation Orientierungslos“-Emotionalien der Gegenwart hinter sich lässt. Gitti, die ihren eigenen Kopf hat und sich um alle anderen nicht recht scheren mag, steht im Zentrum einer filmischen Fragestellung, die mit jedem spontanen Impuls oder mit anscheinend belanglosen Gesten neu definiert werden kann. Wie finde ich mich selbst in einer Paarbindung, in meinem Verhältnis zur Umwelt?
Maren Ade gelingt ein Gebilde von federleichter Genauigkeit, von wundersamer Subtilität, mit einer dramaturgischen Klimax, die – ausgerechnet – über ein Lied von Herbert Grönemeyer zu einem der schönsten wahrhaftigen Gefühlsmomente kondensiert, die man im Kino derzeit erleben kann. Dieter Kosslick, Berlinale-Direktor und notorischer Feinschmecker, würde es für Crossing Europe vielleicht so zusammenfassen: Alle anderen schmeckt wie Austern, die von bärigen Wahlberlinerinnen aus dem Meeresboden vor Cannes gefischt und noch am selben Tag unbehandelt in Linz serviert werden. Auf der Zunge zergehen lassen!
