Venedig, letzter Tag – Preise & Bilanz

Venedig, letzter Tag - Preise & Bilanz

| Alexandra Zawia |

Löwen auf dem Pannenstreifen

Mit dem Goldenen Löwen an Gianfranco Rosis Sacro Gra hat bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig zum ersten Mal seit 15 Jahren (seit Gianni Amelios Cosi Ridevano, 1998) wieder ein italienischer Film gewonnen – und zum ersten Mal überhaupt eine Dokumentation. Es war und ist eine gute Entscheidung von Festivaldirektor Alberto Barbera, Dokumentationen im Hauptwettbewerb zu inkludieren; es ist aber auch der Versuch, Venedig wieder mehr Profil zu geben.

Zu seinem diesjährigen 70. Jubiläum feierte sich das Festival hauptsächlich in Hinblick auf seine Vergangenheit, zeigte etwa vor jedem Filmbeginn Ausschnitte aus TV-Nachrichtenberichten seiner früheren Ausgaben, und oft genug demonstrierten diese paar Sekunden Archivmaterial, wie viel Relevanz Venedig als eine der wichtigsten Filmschauen der Welt bereits einbebüßt hat.

Sacro Gra ist kein schlechter Film, aber er war definitiv nicht der beste in diesem Wettbewerb – und dieser Wettbewerb war definitiv nicht der beste Ort um die besten Filme zu sehen. Rosi folgt in seiner Dokumentation verschiedenen Menschen, die in Rom um den Autobahnring leben. Er zeigt sie in ihren kleinen Wohnungen, bei Gesprächen, in der unmittelbaren Umgebung ihrer Nachbarschaft, oder auch in ihrem „Haus“, dem Auto, in dem sie als Obdachlose leben. „All das ist Rom“, sagt Rosi, „es handelt sich hier nicht um Menschen in Vororten oder Randbezirken. Rom ist nicht golden, Rom ist nicht heilig.“ Rosi hat seine Figuren taktisch nach Originalität ausgewählt, und oft ist er als Regisseur spürbar, wenn er ihnen einen Handlungs- oder Gesprächsimpuls liefert. Weil diese Menschen genügend Humor und Wortwitz besitzen, entwickelt der Film eine sympathische Atmosphäre und eine gewisse Melancholie. Rosi ist in seinem Blick nicht immer frei von Absicht, und irgendwie ähnelt Sacro Gra einer Dokumentation, die vielleicht Ulrich Seidl machen würde, wäre er nicht Österreicher.

Jene beiden Filme aber, die bei den Kritikern als die besten galten, wurden jeweils „nur“ mit dem Großen Preis der Jury (an Tsai Ming-liangs Stray Dogs) und dem Spezialpreis der Jury (an Philip Grönings Die Frau des Polizisten) ausgezeichnet.

Beide Filme waren exzellente Beispiele für herausfordernde Erzählweisen und für die nötige Bereitschaft eines Publikums, herkömmliche und bekannte Sehgewohnheiten zu verlassen. Gröning gliedert seine Studie über die Dynamiken häuslicher Gewalt in 59 mikroskopische Kapitel („nervig“ und „anstrengend“ für manche), und Ming-liang stilisiert die taiwanesische Gegenwart zum bewusst (aber nur vordergründig) lähmenden Tableau. Die Geschichte eines obdachlosen Vaters, der mit seinem beiden kleinen Kindern von einer „fremden Frau“ in ihrem von Rissen durchzogenen Haus aufgenommen wird, erzählt nicht nur von den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen in einem Land, sondern auch von deren Auswirkungen auf das Individuum, viel mehr aber noch von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, noch heil zu bleiben, wenn alles auseinander bricht.

Andere Preise, wie jener für die beste Regie an den griechischen Regisseur Alexander Avranas für den unbeholfen inszenierten, unglaublich platt geschriebenen und schlecht von anderen Filmen abgekupferten Film „Miss Violence“, sind unverständlich, aber nicht weiter der Rede wert.

Es ist deutliche Tatsache, dass Venedig heutzutage kein Ort mehr ist, wo man Regisseure wie Wang Bing entdecken könnte. Zu sehr setzt das Festival auf Risikominimierung, programmiert ohne sichtbare Gewichtungen und verliert dadurch immer mehr internationale Produzenten, die nach prominenten Launch-Plattformen suchen an Toronto oder auch an das New York Film Festival.
Wang Bings neuer Film, der absolut herausragende
Til Madness Do Us Part über die Insassen einer psychiatrischen Anstalt in China, mehr noch aber über Freiheiten in einem System der Unterdrückung, lief in Venedig heuer außer Konkurrenz.
Das Festival selbst ist noch nicht aus dem Rennen, aber momentan liegt es am internationalen Pacours ziemlich weit zurück.