Atmosphärisch dichter Episodenfilm über die Spielarten der Liebe, basierend auf Songs von Naked Lunch.
Der Anfang dieses filmischen Experiments ist grandios: Auf einer langen Kamerafahrt verfolgen wir ein Mädchen auf einer Vespa durch die Straßen von Marseille, dazu der treibende Beat eines neuen Songs der Band Naked Lunch, die ihr neues Album in Zusammenarbeit mit Regisseur Thomas Woschitz speziell für den Film geschrieben haben. Als die Musik aufhört, bleibt sie stehen. Direkt vor ihr auf einem Felsen am Meer wird ihr Geliebter von einem Mann mit einer Pistole bedroht. Schnitt. Wir wechseln zu einem anderen Protagonisten der insgesamt sechs verschiedenen Episoden, in denen die Liebe, genauer gesagt, die Sehnsucht nach Erfüllung in der Liebe, die für jeden etwas anderes bedeutet, im Mittelpunkt steht. In New York, Rio, Tokio, Luxemburg und Belgrad handeln die weiteren Geschichten von Themen wie krankhafter Eifersucht, Bindungsangst und dreimal einem unerfüllten Begehren eines Liebesobjekts mit jeweils anderen Konsequenzen. Durch die Vielzahl der Geschichten, die in 83 Minuten bestenfalls angedeutet und nicht auserzählt werden, auch weil die in Musikvideos so beliebten Stadtbilder exzessiv zur Erzeugung einer leicht melancholischen Grundstimmung verwendet werden, verliert man gerade am Beginn des Films leicht den Überblick. Erst nach einer halben Stunde sind alle Liebenden etabliert, dann beginnt sich von der erzählerischen Substanz her die Spreu vom Weizen zu trennen. Sowohl der eifersüchtige Taxifahrer, der seine Frau verfolgt, als auch die erwähnte Episode mit dem Mädchen auf der Suche nach ihrem Freund bieten überhaupt keine Entwicklung und wären besser gestrichen worden. Jede der anderen Momentaufnahmen, denn als solche sind die Miniaturen natürlich konzipiert, bietet sowohl visuell wie auch dramaturgisch einige Möglichkeiten, die leider zugunsten der durchaus stimmigen Atmosphäre geopfert wurden. So präsentiert sich der erste lange Spielfilm des talentierten Regisseurs als exzellenter überlanger Videoclip, der in seinen besten Momenten mit Hilfe der Songs der befreundeten Naked Lunch-Musiker Momente schafft, in denen Musik und Bild eine oft überraschende Symbiose eingehen und einander kommentieren und bereichern. Klugerweise beschreiben die Lyrics das Geschehen bis auf wenige Ausnahmen nicht, so kann man dieses Werk über die Kraft und die Abgründe der Liebe als musikalisches Gedicht für eine Generation sehen, die die Codes der Musikvideoästhetik ebenso kennt wie die Stilmittel von handlungsarmen, atmosphärisch dichten Independentfilmen, die aber mit althergebrachter Lyrik nichts anfangen kann.
