So finster die Nacht

Schwedischer Film | So finster die Nacht

Die Zärtlichkeit der Vampire

| Jörg Schiffauer |

„So finster die Nacht“ bereichert ein oft strapaziertes Motiv des Horrorfilms um ein ungemein originelles Kapitel.

Trist ist der Alltag des 12-jährigen Oskar. Nach der Scheidung seiner Eltern lebt er mit seiner Mutter, die wenig Zeit für ihn hat, in einem grauen, anonymen Wohnblock am Rande von Stockholm. Seinen Vater sieht  er nur mehr gelegentlich, in der Schule wird er von einigen Klassenkameraden regelmäßig drangsaliert, Freunde hat Oskar keine. So gibt sich der Einzelgänger in seiner einsam verbrachten Freizeit vermehrt düsteren Rachefantasien hin. Doch eines Tages trifft er im Hof ein gleichaltriges Mädchen namens Eli, das erst kürzlich in eine der Nachbarwohnungen eingezogen ist. Zunächst bleibt die Atmosphäre zwischen Oskar und dem Mädchen mit den traurigen Augen, das sich nur nachts zeigt, eher unterkühlt, doch nach und nach fassen die beiden Außenseiter Vertrauen zueinander und es entwickelt sich eine innige Freundschaft. Doch schon bald ahnt Oskar, dass seine neue Freundin ein schreckliches Geheimnis umgibt. Und als in der ansonsten so ereignislosen Gegend eine Reihe ebenso mysteriöser wie blutiger Mordtaten verübt wird, muss Oskar der Tatsache ins Auge sehen, dass Eli ein Vampir und Blut für sie schlicht und einfach lebensnotwendig ist. Doch deswegen gleich eine Freundschaft, aus der mittlerweile eine zarte, erste Liebe geworden ist, einfach aufgeben?

Es ist ein auf den ersten Blick ungewöhnliches Szenario für eine Vampirgeschichte,  das Regisseur Tomas Alfredson für die Adaption des Erfolgsromans von John Ajvide Lindqvist entwirft. Doch So finster die Nacht erweist sich als eine der intelligentesten und zugleich stilsichersten Variationen des traditionsreichen Vampirmotivs, die man seit langem zu sehen bekommen hat. Angesiedelt zu Beginn der Achtziger Jahre, ist im Stockholmer Vorort Blackeberg wenig vom liberal-fortschrittlichen Geist der schwedischen Gesellschaft zu spüren. Die Atmosphäre in dieser gesichtlosen Trabantenstadt ist nicht nur wegen der winterlichen Temperaturen eisig, denn Isolation, Frustration und eine daraus resultierende latente Aggressionsbereitschaft prägen den Umgang der Bewohner miteinander, eine dicke Schneedecke liegt als stets präsentes Zeichen für die Erstarrung auf allen Straßen und Plätzen. Ein denkbar ungeeigneter Ort für einen Heranwachsenden, der mit der heraufziehenden Pubertät allein schon genug zu kämpfen hätte.

Tomas Alfredsons Inszenierung mit ihrem ruhigen Erzählfluss in präzise cadrierten Bildern macht diese emotionale Kälte, die dem Protagonisten Oskar permanent entgegenschlägt, so deutlich spürbar, dass selbst die Blutgier seiner Freundin Eli, die ihm als einzige Verständnis und Empathie entgegenbringt, dagegen wie eine lässliche Sünde wirkt. Was umso nachvollziehbarer erscheint, als die Inszenierung trotz des zeitgenössischen Settings gerade bei der Figur des Vampirmädchens auf ein geradezu traditionalistisches Muster zurückgreift. Denn Eli ist ein Geschöpf, das weder aus Bösartigkeit noch Lust mordet, sondern einfach gezwungen ist, seiner Natur zu folgen und sich so am Leben zu erhalten (beziehungsweise, um der exakten Vampirterminologie gerecht zu werden, auf ewig untot bleiben zu können). Mit dem von Bram Stoker geschaffenen und mittlerweile so dominierenden Bild des dämonisch-verführerischen Blutsaugers à la Dracula hat Elis Charakter nichts gemeinsam, sie ist vielmehr eine zutiefst einsame, gequälte Seele, die selbst unter dem leidet, was sie aufgrund ihrer Natur anderen Geschöpfen antun muss. Und doch ist es gerade diese Andersartigkeit, die sie verständnisvolle Einfühlsamkeit für den Außenseiter Oskar aufbringen lässt und die außergewöhnliche Verbindung einer Coming-of-Age-Geschichte mit dem Vampirmythos plausibel macht.