Das Festmahl im August

| Walter Gasperi |

Ein Mann mittleren Alters übernimmt in Gianni Di Gregorios warmherziger Komödie für einige Tage die Fürsorge von vier betagten Damen.

Lange verweilt die Kamera auf dem runzligen, von Flecken übersäten Arm von Giannis Mutter. Aus Die drei Musketiere liest ihr der gut 50-jährige Sohn, der vom Regisseur selbst gespielt wird, vor, und die greise Mama würde es doch noch interessieren, wie denn dieser d‘Artagnan ausgesehen hat und ob er etwas für sie wäre. Auch sonst legt die über 80-Jährige auf Äußeres noch wert, schminkt sich, lackiert die Fingernägel und richtet sich die Frisur. Weil Gianni sich ganz der Pflege der Mutter widmet, hat er keine Zeit, um Geld zu verdienen. Mit Gegenleistungen bezahlt er folglich Rechnungen und erklärt sich bereit, zu Ferragosto (15. August), zu dem traditionell beinahe alle Römer aus der Hauptstadt flüchten, die Pflege von drei weiteren Damen zwischen 85 und 93 zu übernehmen. Ganz schön auf Trab wird er so gehalten, doch locker meistert er den Stress mit einem stets griffbereiten Gläschen Weißwein, bekocht mit Leidenschaft die Gäste und schlichtet Eifersüchteleien, sodass bald eine eigenartige, aber liebenswürdige WG zusammenwächst.

In Zeiten des Jugend- und Schönheitswahns haben es Filme über alte Menschen im Kino nicht leicht, und doch hat sich hier in den letzten Jahren von About Schmidt bis Young @Heart eine richtige kleine Welle entwickelt. Leicht hatte es auch Gianni Di Gregorio mit seinem Projekt nicht. Zehn Jahre lang wurde sein Drehbuch abgewiesen, ehe er in Matteo Garrone, bei dessen Gomorrha er Ko-Drehbuchautor war, einen Produzenten fand. Ganz klein hat er sein autobiografisch geprägtes Regiedebüt angelegt, nur 75 Minuten lang, beschränkt auf wenige Figuren und weitgehend in Giannis geräumiger Altbauwohnung spielend.

Nichts wird hier dramatisiert, auf alle Schnörkel wird verzichtet. Ruhig und geduldig schaut die Kamera zu und überlässt den Schauspielern den Raum. Gerne hätte man da in mancher Szene sogar noch mehr Zeit, um die Gesichter, Gestik und Mimik zu erkunden. Denn wunderbar locker und unverkrampft agieren die alten Damen, die allesamt in römischen Seniorenheimen gefunden wurden und zum ersten Mal vor der Kamera stehen. Das sind keine gealterten Hollywood-Schönheiten, sondern ganz eigenwillige Charaktere mit Schrullen, aber auch mit noch lange nicht erloschener Lebensfreude. Nicht nur an gutem Essen oder an Wein erfreuen sie sich, auch einem erotischen Abenteuer mit Gianni wären sie durchaus nicht abgeneigt. Und bei allem Lebensgenuss durchzieht doch sanfte Melancholie den zutiefst menschlichen Film, schwingt doch immer das Bewusstsein der Vergänglichkeit mit.