Quentin Tarantino  „Inglourious Basterds“
Kill Bill

Inglourious Basterds

Teufelskerle und andere Himmelhunde

| Benjamin Moldenhauer |

Antifaschistische Wunschfantasien: Über den Fundus, aus dem Quentin Tarantino für Inglourious Basterds“ schöpfen konnte.

Der Trailer zu Inglourious Basterds verspricht Großes. Lieutenant Aldo Raine (Brad Pitt mit breitestem Südstaaten-Akzent) präpariert seine Soldaten für den Kampf: „We’re gonna be dropped into France, dressed as civilians. We’re gonna be doing one thing and one thing only – killing Nazis.“ Gefangene werden nicht gemacht: „They will find the evidence of our cruelty in the disemboweled, dismembered and disfigured bodies of their brothers we leave behind us.“

Geschmacklos? Ob, wie und für wen ein Film funktioniert, erkennt man nicht zuletzt an der Rezeption. Der Untergang etwa, von Bernd Eichinger 2004 in die Welt gestemmt, lässt sich von der rechtsradikalen Klientel ohne große Verrenkungen als schaurig-schönes Nostalgie-Kino rezipieren. Ernst Lubitschs To Be or Not to Be (1942) hingegen hat dort vermutlich wenig Fans. Witz, Ironie und uneigentliches Sprechen sind für Menschen, deren Herz an Identität und Nationalgefühl hängt, ungenießbar. Und auch der jüdische Lieutenant Raine bereitet den Rechten anscheinend bereits vor dem Kinostart Unbehagen. Die nationalkonservative Junge Freiheit jedenfalls ist nicht amüsiert und diagnostiziert „Deutschenhass“: „Die Neuverfilmung eines italienischen Klamauk-Kriegsfilms von 1978 läßt antideutschen Affekten freien Lauf.“ Ganz genau. Und was dem einen der Inbegriff allen Übels, gibt der anderen die Möglichkeit zur lustvollen Rezeption. Die Rezensentin der Jüdischen Allgemeinen beschreibt Tarantinos Film als „antifaschistische Wunscherfüllung“: „In Tarantinos B-Movie verwandelt sich die Ohnmacht, die man angesichts des realen Verlaufs der Geschichte empfindet, in Aggression und Selbstermächtigung.“ Da Tarantino sich wie gewohnt in einem hochartifiziellen Universum bewege, sichere er Inglourious Basterds gegen den Vorwurf der Geschmacklosigkeit ab. Hochartifiziell meint in diesem Fall, dass Tarantino vor allem Filme über Filme dreht – Filme, die zugleich zitatfreudige Hommagen und eigensinniges Autorenkino sind. Wenden wir uns also den Ahnen der Basterds zu und spielen mit der Vermutung, dass gerade die Filme, die an den Grenzen des so genannten guten Geschmacks operieren, potenziell Anderes und vielleicht sogar mehr bieten, als authentizitätshörige Geschichtsfilme, die die Kluft zwischen erzählerischer Fantasie und historischer Wirklichkeit zu verdecken versuchen.

Das dreckige Dutzend

Inglourious Basterds schöpft aus der langen und mitunter kuriosen Tradition amerikanischer und italienischer Kriegsfilme, in denen deutsche Soldaten, also Schauspieler aller Nationen in Naziuniformen, vor der Kamera auf- und abmarschieren, um dann von GIs niedergeschossen zu werden. Die mehr oder weniger begeistert in den Krieg ziehenden amerikanischen Protagonisten sind typischerweise keine systemtreuen Soldaten, sondern ein zusammengewürfelter Haufen von Underdogs. Stilbildend ist Robert Aldrichs The Dirty Dozen von 1967. General Worden (Ernest Borgnine) schickt zwölf renitente Sträflinge, allesamt zum Tode oder zu hohen Haftstrafen verurteilt, am Vorabend der Invasion der Normandie auf eine unleugbar selbstmörderische Mission. Wenn es ihnen gelingt, ein gut bewachtes Schloss mitsamt dem dort stationierten deutschen Militär in die Luft zu sprengen, winkt der Straferlass. Bis es soweit ist, versucht der ebenfalls eher antiautoritär gestimmte Major Reisman (Lee Marvin) dem dreckigen Dutzend Gemeinschaftssinn und koordiniertes Handeln beizubiegen. Das Filmplakat fasst den Plot formvollendet zusammen: „Train them! Excite them! Arm them! Then turn them loose on the Nazis!“ Die Dynamik des Films speist sich aus seinen unterschiedlich temperierten Protagonisten. John Cassavetes gibt den rebellischen Trickster, Donald Sutherland den etwas tumben Gutmütigen, Telly Savalas den religiös beseelten Psychopathen. Das für damalige Verhältnisse drastische Finale wurde kontrovers diskutiert. Die Nazi-Elite geht mitsamt Anhang in Flammen auf, von den, Major Reisman dazu gerechnet, dreizehn Antihelden überleben nur zwei. Anders als in dem eher glatten Genreklassiker The Guns of Navarone (1961) stellt der Krieg die Kämpfer hier nicht vor moralische Entscheidungen. Aldrichs Figuren sind von vornherein jenseits von Gut und Böse, und The Dirty Dozen insistiert darauf, dass Charaktereigenschaften, die den geregelten Ablauf des zivilen Lebens eher stören – vor allem ein manifester Hang zur Gewalt – im Krieg die Bedingungen des Erfolges sind.

Knorrige Zyniker

Donald Sutherland und Telly Savalas standen drei Jahre später für die Kriegsfilmparodie Kelly’s Heroes (1970) wieder gemeinsam vor der Kamera. Hier ist es nicht der Straferlass, sondern das in einer Bank hinter der Front lagernde Gold, das die risikofreudige Bande antreibt. Sutherland spielt Sergeant Oddball, einen hippiesken Panzerkommandeur, der mit entrücktem Dauergrinsen übers Schlachtfeld fährt und sich über die schlechten Schwingungen beschwert („Why don’t you dig how beautiful it is out here? Why don’t you say something righteous and hopeful for a change?“). Oddball erinnert eher an eine Figur aus Coppolas acht Jahre später entstandenem Apocalypse Now, und man merkt Kelly’s Heroes an, dass der Vietnamkrieg 1970 noch in vollem Gange war; ein Hinweis darauf, dass die symbolischen Welten des Kriegsfilmgenres weniger vom historischen Sujet und mehr vom jeweiligen Entstehungskontext bestimmt werden.

Lee Marvin wiederum gab während seiner Karriere immer wieder den knorrigen Zyniker, der mit grimmigem Humor auf den Wahnsinn des Krieges blickt. Seine beste Rolle hatte er als namenloser Sergeant in Samuel Fullers fragmentarischem Meisterwerk The Big Red One (1980), einem der eigensinnigsten Filme des Genres. In einer denkwürdigen Szene versohlt Marvin einem Hitlerjungen den Hintern. Ein Soldat, dem von einer Landmine das halbe Gemächt weggerissen wird, bekommt die beruhigenden Worte „You can live without it, that’s why they gave you two“ mit auf den Weg. Gegen Ende aber findet man eine stille Szene, mit der das Genre sich vorübergehend vom notorisch krachledernen Gestus verabschiedet. Die letzte Viertelstunde von The Big Red One ist einer der seltenen Momente, in denen das Genre den Holocaust in den Blick nimmt. Ein aus dem KZ befreites Kind stirbt in den Armen des Sergeants – „He walked around for half an hour before he could bring himself to put the kid down“, berichtet der Erzähler.

Ein Haufen verwegener Hunde

The Dirty Dozen und Kelly’s Heroes waren große Publikumserfolge, denen eine ganze Reihe von mehr oder weniger trashigen Nachzüglern folgte: der vergleichsweise üppig budgetierte Play Dirty (1968) von André de Toth etwa, der italienische 5 per l’inferno von Gianfranco Parolini und eben Quel maledetto treno blindato (1978) von Enzo G. Castellari, der in den USA unter dem Titel Inglorious Bastards (sic!) vertrieben wurde. In Castellaris B-Movie-Variante des Dreckigen Dutzends geraten fünf US-Deserteure hinter die feindlichen Linien und schließen sich dort einer französischen Partisanengruppe an. Der Film lief in Deutschland unter dem schönen Titel Ein Haufen verwegener Hunde und ist ein nahezu idealtypischer Vertreter des enthemmten italienischen Exploitationfilms der Siebziger Jahre. Castellari jagt unrasierte Männer, barbrüstige Frauen mit Maschinenpistolen und radebrechend deutsch sprechende Nazis übers Set. „Hüben wie drüben ging es primär um das Männerabenteuer, das mit viel Schmedderätäng abgefeiert wurde“, schreibt Christian Keßler im Booklet der DVD. Das amerikanische und italienische Kriegskino der Zeit wirkt in seinem unfreiwillig komischen Machismo heute reichlich anachronistisch. „Statt des Wilden Westens waren es nun die Ardennen oder ähnliche Orte, an denen Männer – losgelöst von den Zwängen einer sie behindernden Zivilisation – so richtig Männer sein durften. Ohne den schmählichen Verdacht der latenten Homosexualität durften die Teufelskerle und Himmelhunde sich in einer gleichgeschlechtlichen Familie bewähren und so richtig mit den Wummen wedeln.“ Kurz: Im Kino der Siebziger Jahre wurde wesentlich unbekümmerter drauflos geholzt als heute. Gerade aber weil man sich damals nicht allzu intensiv um die Maßgaben des guten Geschmacks sorgte, kamen mitunter wunderbar abstruse Bilder zustande. Zwar sind die B-Movie-Exemplare des Genres heute vor allem als lustiger Trash rezipierbar, aber sie sind eben auch, in all ihrer Freude am lärmenden Spektakel, weniger gefiltert als geschichtspolitisch ambitionierte Edelproduktionen.

Eigeninteresse statt Korpsgeist

Zurück also zu der Frage nach dem guten Geschmack. Der böse Deutsche hat sich im amerikanischen Film als Inbegriff des Bösen etabliert. Kaum ein Star, der nicht irgendwann im Lauf seiner Karriere als Nazi verkleidet vor der Kamera agiert hat. Die Fußnoten der Filmgeschichte kennen sogar eine allerdings schon sehr idiotische Blaxploitation-Variante (The Black Gestapo von 1975). Hellboy (2004) inszeniert die Nazis als comicshafte Supervillains und zitiert den notorischen Exploitationklassiker Ilsa – She-Wolf of the SS (1975). Der dieses Jahr in den Kinos anlaufende norwegische Film Dead Snow hetzt eine Armee von Nazi-Zombies auf eine Gruppe hedonistischer Jugendlicher. Wird das – Kriegsfilmgenre, B-Movie und Comic-Ästhetik – der Historie gerecht? Die Frage impliziert, dass eben das die Aufgabe des Kinos wäre. Spielfilme aber erzählen erst einmal weniger von der Vergangenheit selbst, als von den Fantasien, die wir uns von ihr machen. Und da bekommt man es automatisch mit den schönen wie schrecklichen Ambivalenzen zu tun. Nun ist Fantasie nicht gleich Fantasie. Die Protagonisten werden in allen erwähnten Filmen sympathischerweise weder vom Korpsgeist noch vom Schicksal, sondern vom gesunden Eigeninteresse getrieben: Straferlass (The Dirty Dozen), Reichtum (Kelly’s Heroes), Überleben (The Big Red One), Hedonismus (Inglorious Bastards), Rache (Inglourious Basterds).

Die in der amerikanischen Popkultur dominierende Haltung zum Nationalsozialismus ist klar und deutlich: „Nazis. I hate these guys“, lässt Steven Spielberg Harrison Ford grummeln, bevor Indiana Jones lustvoll ein gutes Dutzend Deutsche in Uniformen vertrimmen darf. Dem gegenüber ist dem hiesigen Geschichtsfilm, der die Landsleute nur noch als Opfer kennen will, im unablässigen Gegrübel über Schicksal und Verhängnis das Wichtigste aus den Augen geraten – in den Worten von Aldo Raine: „Members of the National Socialist Party conquered Europe through murder, torture, intimidation and terror.“ Um im Geiste des Dreckigen Dutzends hinzuzufügen: „And that’s exactly what we‘re gonna do to them.“