Restbeschneidung

| Roman Scheiber |

Durchatmen, zurückblicken, leiden: die eindringliche präfinale Folge von „Breaking Bad“ (S5E15, Granite State), Spoiler-Alert.

Es wäre nicht Breaking Bad, würde sich die vorletzte Episode auf Einbunkern, Wundenlecken und letztes Aufbäumen beschränken. All das ist natürlich dabei, und den Aficionados  wird zugestanden, zwischen der atemraubenden „Ozymandias“-Episode und dem vermutlich schwer bedrückenden Finale tief Luft zu holen. Es wäre aber auch nicht Breaking Bad, würde die Episode dem tendenziell sensationslüsternen, Newsflash-konditionierten amerikanischen Publikum servieren, was nun auf dem Tablett liegt: die flächendeckende Coverage über den braven Bürger, der sich in den Rang eines Drogenbarons erhob.

Es ist eben Breaking Bad, und deshalb werden die Konsequenzen der Enttarnung Walter Whites ausschließlich aus Sicht der Figuren erlebt. Deshalb gibt es in der von Vince Gilligans treuer Stammkraft Peter Gould geschriebenen und inszenierten Folge Rückbezüge und Selbstreferenzen, kehren Figuren wieder, hallen Echos, drücken Schuldgefühle, verknüpfen sich lose Enden und gewinnen etliche Szenen noch einmal aus der Ruhe ihre Kraft – kontrastiert von aktuellen Ereignissen jener erschreckenden Brutalität, die mit dem Niedergang eines auf Gewalt gebauten Imperiums verbunden sind.

Walt hat sich eine „neue Identität“ geben lassen, er heißt nun Lambert (hat auch keinen größeren Radius als ein Lamm) und versteckt sich im ewigen Schnee von „Granite State“ New Hampshire: ein einsamer, kranker, frierender Mann, der in einer Waldhütte ohne Anschluss zur Außenwelt wenig anderes tun kann als auf seinen Tod zu warten. Ihm wächst der Bart, den wir aus der inversiven Vorblende zu Season-Beginn kennen. Sein einziger Kontakt, einmal im Monat, ist der Untertauch-Experte, grandios besetzt mit dem einst für Jackie Brown von Tarantino wiederentdeckten Robert Forster. Durch die nüchterne Professionalität und Lakonie, mit der dieser Typ seinen Job erledigt, scheint exakt die richtige Dosis Mitgefühl für den verwahrlosenden Kunden durch. Für zwei Stunden Kartenspielen bietet Walt ihm 10.000 Dollar an; er handelt ihn runter auf eine Stunde.

Walts einziger Ausflug in eine Bar bringt doppelte Verzweiflung. Über einen Trick und seine einstige Direktorin Carmen kriegt er den Sohn ans Telefon, dem er das Einzige zukommen lassen will, was er noch hat: Geld. Schnörkellos wird er abgeschmettert. Walter jr. will kein Blutgeld von Heisenberg, er nennt sich jetzt wieder Flynn. „You killed uncle Hank! Why are you still alive? Just die!“

Der gebrochene Walt ruft die Polizei, um sich zu stellen, lässt dann aber den Hörer fallen, um einen Drink zu kippen. Auf dem Bildschirm hinter der Bar muss er nun die Restbeschneidung seines Egos gewärtigen: Im Fernsehen läuft eine Talkshow, in der Gretchen und Elliot Schwartz seine Rolle bei der Gründung ihrer nun milliardenschweren Firma „Gray Matter“ auf den Anteil seines Namens reduzieren. Und sofort keimt wieder Zorn aus verletztem Stolz in Walt auf. Um seine Misch-Identität als White/Heisenberg zu wahren, müsste er das Maschinengewehr, das er für die Finalepisode kaufen wird, eigentlich auf dieses Pärchen richten. Ihr Erfolg gründete – aus seiner Sicht – maßgebend auf seiner Genialität als junger Chemiker; durch sein vorzeitiges Verlassen der Firma (wohl aus enttäuschter Liebe zu Gretchen, wie in einem früheren Opener einmal angedeutet) wurde er zum Underachiever, der erst viel später als Heisenberg die Anerkennung bekam, die ihm zustand. Und Walter White, so Gretchen weiter im TV, „whatever he became, the sweet, kind, brilliant man that we once knew long ago, he‘s gone“.

Die erste Liebe Walts als Katalysator für Heisenbergs letzte Rückkehr: Storytelling at it‘s best. Zum Titelthema von „Breaking Bad“, zum ersten Mal in dieser Ausdehnung von Komponist Dave Porter in die Episode eingebaut, rücken als Cliffhanger zum Episodenende die Einsatzkräfte an. Wobei wir ja aus der Inversion des Season-Openers wissen: Walt wird entkommen und sein devastiertes, gebrandmarktes Haus noch einmal betreten, und seiner zuvor gekauften M60 (für Jacks Bande?) die dem Steckdosenversteck entnommene Rizin-Zigarette (für Jesse?) hinzufügen.

Das weitaus härtere Schicksal muss Jesse erleiden. Bevor Walter White in sein Leben trat, war er ein harmloser Klein-Dealer in weltflüchtiger, Sensibilität übertünchender Rapper-Pose. Nun wird er vom perfiden Soziopathen und Kindermörder Todd wie ein Leibeigener im Folterkeller gehalten, während Jacks Gang sich köstlich über das aus Hanks Haus entwendete Geständnisvideo der „crying pussy“ amüsiert. Jesse bäumt sich zu einem Fluchtversuch auf, der erbärmlich scheitert. Woran er scheitern musste, evoziert ein weiteres Mal den avancierten Umgang der Serie mit dem in den Vereinigten Staaten auf dem Weg zur gesellschaftlichen Norm befindlichen Prinzip allgegenwärtiger Überwachung.

So sehr hoffen wir mit dem unendlich gequälten Jesse, dass wir selbst genauso darauf vergessen haben wie er selbst – dabei musste er ja schon eine halbe Season lang unter der Überwachungskamera von Gus arbeiten. Und Todd (der übrigens in einer anderen Szene wieder einen Norman-Bates-Moment mit Lydia hat und in einer weiteren Skyler und Holly bedroht) exekutiert die Strafe für den Fluchtversuch ohne einen Anflug von Skrupel: durch einen Schuss in den Hinterkopf von Jesses Exfreundin Andrea, vor dessen schreienden Augen. Todd ist nun ziemlich eindeutig als das gewissenlose Böse positioniert, dessen Abgrund jenen von Heisenberg im Vergleich niedrig wirken lässt.

Nach so einer tiefschwarzen Episode tut es gut, sich in Erinnerung zu rufen, dass das schon länger geplante Spin-Off zur Serie mit dem Arbeitstitel Better Call Saul unlängst vom Sender AMC abgesegnet wurde. Denn laut Vince Gilligan soll die neue Serie die Proportion von Schwärze und Humor genau umdrehen: 80 Prozent „comic relief“ gegenüber 20 Prozent in Breaking Bad. Was natürlich nicht verwundert, denn in ihrem Zentrum steht titelgemäß Walts öliger Helfer Saul Goodman (Bob Odenkirk), der seit der zweiten Season um originelle Problemlösung und dialogische Auflockerung bemüht ist. Erzählt werden soll die Vorgeschichte der von Peter Gould entworfenen Winkeladvokatenfigur, deren Abschied von Walt wir zu Beginn dieser Episode in einem Zwischenversteck erleben. Wie passend: Nach dem mutmaßlich letzten dieser unnachahmlichen Gespräche zwischen den zwei und einem Hustenanfall Walts packt Saul sein peinliches Trolley-Trio und stiehlt sich einfach davon.