Kompromisslos ist Kathryn Bigelow nicht nur auf der Leinwand. Ähnlich unerbittlich ist die 57-jährige Regisseurin, wenn es um die Wahl ihrer Filmprojekte geht. Hat sie sich jedoch einmal für einen Stoff entschieden, kann man davon ausgehen, dass ihrer grundlegenden Begeisterung für Männerwelten ebenso wie für die ungeahnte Poesie und Dynamik des Actionkinos keinerlei Grenzen gesetzt sind – wie einst bei ihrem modernen Vampirfilm Near Dark (1987) oder solch virtuos inszenierten Trillern wie Point Break (1991) und Strange Days (1995). Nach zwei leider viel zu wenig beachteten Filmen (The Weight of Water und K19) und fast sieben Jahren Leinwandabstinenz kommt ihr neuer Film nun auch hierzulande in die Kinos. The Hurt Locker beruht auf den Erfahrungen des Journalisten Mark Boal, der 2004 eine der EOD-Einheiten („Explosive Ordnance Disposal“) in Bagdad begleitete, die unter ständiger Lebensgefahr tagtäglich den Auftrag haben, hochexplosive Ladungen und Bomben zu orten und zu entschärfen. In präzisen, beinahe körperlich spürbaren Bildern erzählt Bigelow aus der Perspektive dreier solcher Elitesoldaten vom Alltag des Krieges, wie ihn Boal zunächst in Reportagen niedergeschrieben und anschließend im Drehbuch zu The Hurt Locker verarbeitet hat, und macht damit gleichzeitig die Faszination jenes Ausnahmezustands ein Stück greifbarer, der für die Bombenentschärfer zur gefährlichen Routine geworden ist. Mit The Hurt Locker wagt sich Kathryn Bigelow nicht nur auf eigentümliche, mitunter umstrittene Weise an das Thema Irak, sondern bietet mit Jeremy Renner in der Hauptrolle des Staff Sergeant William James zudem eine der beachtlichsten Schauspielerentdeckungen des Jahres auf. ray bat die Regisseurin und ihren Drehbuchautor zum Gespräch.
Ihr Film vermittelt dem Zuschauer ein sehr eindringliches Gefühl, dabei zu sein und die Gefahren zu spüren, denen die Männer des Bombenräumkommandos tagtäglich ausgesetzt sind. Wie schwierig war es für Sie als erprobte Actionregisseurin, den Film so zu verwirklichen, dass er einem derart unter die Haut geht?
Kathryn Bigelow: Es war eine Herausforderung, keine Frage, vor allem eine logistische Herausforderung angesichts des umfassenden Materials, das uns basierend auf Marks Erfahrungen als embedded journalist in Bagdad 2004 zur Verfügung stand. Aber allein die Möglichkeit zu haben, mit so starkem Material aus erster Hand zu arbeiten, Material, das wirklich unglaublich ergiebig, aber gleichzeitig auch sehr abstrakt ist für die meisten Menschen, und das Ganze dann schrittweise zu enthüllen und mit einem Höchstmaß an Genauigkeit zu vermitteln, das war in erster Linie einfach unheimlich spannend und eine ganz neue Erfahrung für mich.
War Ihnen relativ schnell klar, wie Sie den Stoff für die Leinwand umsetzen wollten, welchen Stil, welche Ästhetik der Film haben sollte?
KB: Das ergab sich ganz selbstverständlich aus den Gesprächen mit Mark und unserem Wunsch, den reportageartigen Charakter zu bewahren. Ich wollte als Filmemacherin quasi einen Schritt zur Seite treten und stattdessen der Unmittelbarkeit und Intensität des Stoffes mehr Raum geben, ohne die Bilder allzu „filmisch“ wirken zu lassen. Die zentrale Frage war für mich von Anfang an: Wie schaffe ich es, die Zuschauer in die Position der Soldaten bzw. des Journalisten zu versetzen, ihre Perspektive einzunehmen? Ich wollte das Geschehen so erfahrbar wie möglich machen. Eine ganz wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Geografie des Films. Damit meine ich, dass es mir vor allem darum ging, dem Zuschauer in jeder Szene eine genaue Orientierung zu geben und jederzeit den Sinn für Räumlichkeit bestehen zu lassen. Das Elite-Kommando muss ein Gebiet im Umkreis von zirka 300 Metern absichern. Dann macht sich der Soldat im Schutzanzug auf den sogenannten „einsamen Weg“ in Richtung des Sprengkörpers. In dem Moment steht der Krieg für ihn still, er hat keine Ahnung worauf er da zuläuft, es gibt keinen Spielraum für Fehler. Das allein ist ein qualvoll dramatisches Szenario, das kaum einer zusätzlichen filmischen Ausschmückung bedarf.
The Hurt Locker suggeriert, dass es den Bombenentschärfern nicht nur darum geht, einen hervorragenden Job zu machen, sondern sie zu einem gewissen Grad auch süchtig sind nach dem Spiel mit der Gefahr und dem Tod. „Krieg ist eine Droge“, heißt es in einem Zitat, das Sie dem Film voranstellen. Warum begibt sich ein Mensch klaren Verstandes in diesen Wahnsinn?
Mark Boal: Der Film zeigt ja verschiedene Charaktere, aber wir wollten damit schon auch vor Augen führen, dass Kampfeinsätze eben nicht nur eine schrecklich grausame Erfahrung sind, sondern für manche Soldaten auch etwas sehr Anziehendes an sich haben. Sie brauchen den Adrenalinkick und Krieg funktioniert in diesem Sinne wie eine Fabrik, die riesige, existenzielle Erfahrungen für jene Menschen produziert. Ich denke, das ist ein wichtiger Aspekt des Films, aber dennoch keine allgemeingültige Erklärung dafür, warum jemand diesen Beruf wählt. Es gibt, wie gesagt, auch andere Charaktere mit ganz unterschiedlichen Motiven und Motivationen, manche sind ziemlich egoistisch, manche völlig selbstlos, für manche geht es nur darum, die Tage durchzustehen und wieder nach Hause zu kommen, und für andere geht es eben um die tagtägliche Herausforderung und die Todesangst, sie suchen die Gefahr. Ich denke, man sollte sich da vor Verallgemeinerungen hüten, aber heute haben wir eben keine Wehrplichtigen mehr, sondern eine Freiwilligenarmee und uns interessierte die Psyche dieser Männer und ihr Beweggründe, sich freiwillig diesen hochriskanten Job anzutun – das ist eine Lebenswahl, keine Berufswahl.
Sie zeigen den Alltag des Krieges im Irak, die Unmöglichkeit der amerikanischen Soldaten, wirklich etwas zu erreichen, allerdings verzichten Sie dabei bewusst auf Thesen oder Stellungnahmen zum Konflikt.
KB: Mir ging es darum, die menschliche Seite in den Vordergrund zu stellen, auf den einzelnen Menschen schauen und genau hinschauen, wie er mit der extremen, unglaublich gefährlichen Situation umgeht. Ich sehe meinen Protagonisten mehr als einen unparteiischen Kriegsteilnehmer, wissen Sie, er ist kein Demokrat und auch kein Republikaner. Andererseits,haben wir es natürlich mit einem hochgradig politisierten Konflikt zu tun, ganz gleich auf welcher Seite man steht. Für mich persönlich habe ich aber schon etwas erreicht, wenn sich die Leute, die den Film sehen, daran erinnert fühlen, dass es eben in diesem Augenblick Männer und Frauen gibt, die sich im Schutzanzug auf jenen „einsamen Weg“ begeben, dass sie da draußen ihr Leben riskieren, ob man es nun für richtig oder falsch hält, dass sie dort sind.
Sie haben in Jordanien gedreht, unweit der Grenze zum Irak.
KB: Ja, ich wollte so nah wie möglich an das Kriegsgebiet, und ich hätte auf jeden Fall auch im Irak gedreht, wenn man mir die Erlaubnis gegeben hätte. Einmal waren wir so dicht an der Grenze, dass unser Kameramann, Barry Ackroyd, und ich es einfach versuchen wollten, rüberzukommen und schließlich doch direkt vor Ort zu drehen. Mit dem Auto wären es nicht einmal 30 Minuten Fahrt gewesen, aber unser Sicherheitsteam hat natürlich sofort Alarm geschlagen und so war die Diskussion ziemlich schnell beendet. (Lacht).
Mit welchen Problemen hatten Sie am Set am meisten zu kämpfen?
KB: Am schlimmsten war die Hitze, die hat uns allen unheimlich zu schaffen gemacht. Das Licht schmerzte in den Augen, trotz dicker Sonnenbrille. Besonders anstrengend war es allerdings für Jeremy. Der Schutzanzug, den er im Film trägt, ist natürlich echt. Er besteht aus Kevlar mit eingesetzten Keramikplatten und wiegt etliche Kilo. Ihn darin durch den Drehtag zu bringen, war schon eine Aufgabe für sich.
Sie setzen Schauspieler in The Hurt Locker auf ganz interessante Weise ein: Die Auftritte von Guy Pearce und Ralph Fiennes sind sehr kurz, aber wirkungsvoll, und der Rest der Besetzung besteht aus relativ unbekannten, aber exzellenten Schauspielern – allen voran Jeremy Renner in der Rolle des Staff Sergeant James.
KB: Jeremy hat wirklich großes Talent. Ich wollte unbedingt neue, unentdeckte Talente, auch weil ich denke, dass dies den Spannungsfaktor noch mal verstärkt. Jedes unbekannte Gesicht erhöht das Gefühl der Unsicherheit und Unberechenbarkeit und es ging uns vor allem ja auch darum, diese wahnsinnige Unberechenbarkeit in jeder gegebenen Situation widerzuspiegeln. Ich hoffe, dass das im Film auch so rüberkommt, aber ich glaube, die Zuschauer nähern sich einem Schauspieler mit einer gewissen Erwartungshaltung und man denkt vielleicht „Oh, na gut, es wird sicher gleich ein bisschen gefährlich, aber der überlebt schon.“ Wenn sie diese Sicherheit aber dadurch ausschließen, indem sie ein unbekanntes Gesicht, einen unbekannten Schauspieler sehen, dann verstärkt das ungemein die Spannung.
Das Gefühl mittendrin zu sein ergibt sich nicht nur aus den Bildern – auch die Tongestaltung ist beeindruckend.
KB: Der Ton war für uns beide von Anfang an entscheidend. Wir trafen unseren Sound-Designer, Paul Ottosson, bevor wir zu den Dreharbeiten aufbrachen und uns allen war klar, dass Ton in vielerlei Hinsicht eine größere Rolle einnehmen würde als etwa die Filmmusik. Musik wiederholt sich, sie ist von Natur aus rhythmisch, und Rhythmus, selbst asymmetrischer Rhythmus, kreiert ein bestimmtes Schema. Aber ein derartiges Muster nimmt die Spannung ebenso wie ein bekanntes Gesicht, und ich wollte den Ton genauso intensiv und voll rüberbringen wie die Bilder. Ton und Bild sollten quasi eine organische Einheit bilden.
Gibt es Pläne für eine erneute Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Mark Boal?
KB: Ja, wir arbeiten tatsächlich an einem neuen Stoff, den Mark gerade schreibt. Das Ganze spielt in Südamerika am berühmten Drei-Länder-Dreieck, wo sich die Grenzen Argentiniens, Paraguays und Brasiliens berühren. Das ist eine ziemlich gesetzlose Gegend und bietet potenziell ein hervorragendes Umfeld für Drama und Action.
Werden Sie auch hier den visuellen Stil von The Hurt Locker übernehmen?
KB: Wenn es das Material erneut zulässt, auf jeden Fall. Ich muss sagen, mir gefällt diese Ästhetik sehr, weil sie Film erfahrbar macht. Das ist die große Stärke des Mediums. Mit Film lässt sich eine fast vorbewusste psychologische Reaktion erzeugen, und ich finde es unheimlich faszinierend, die Zuschauer in eine Situation zu versetzen, in die sie sich selbst nie hineinwagen würden.
Worin unterschieden sich die Dreharbeiten für die Actionsequenzen in The Hurt Locker von denen ihrer früheren Filme, etwa Point Break oder K19?
KB: Die bedeutendsten Unterschiede hier waren die Realität und die Verantwortung. Ich habe mich bei diesem Film vom ersten Tag an schrecklich verantwortlich gefühlt, weil wir einen Krieg „kopieren“, der weiter hochaktuell und noch im Gang ist. Das war etwas völlig anderes für mich im Gegensatz zu den rein fiktionalen Actionhandlungen, die bisher immer entweder erfinderisch, fantastisch oder auch historisch waren. Ich hatte bis jetzt nicht den Luxus, mit Berichten und Information aus erster Hand zu arbeiten und jemanden wie Mark an der Seite zu haben, wenn es darum geht, die einzelnen Szenen und Einstellungen bis ins kleinste Detail unverfälscht zu choreografieren – das ist schon toll. Ich glaube, wenn mehr Journalisten zum Film wechseln würden, wäre das auf jeden Fall ein Gewinn fürs Kino.
