Filmmuseums-Publikationen – A Guy Named Joe

A guy named Joe

| Andreas Ungerböck |

Das Österreichische Filmmuseum unternahm die längst fällige publizistische Würdigung des thailändischen Künstlers und Filmemachers Apichatpong Weerasethakul.

Joe: Diesen Namen gab er sich selbst, ein ironischer Kommentar zur Tatsache, dass seine westlichen Förderer und Freunde mit „Apichatpong Weerasethakul“ so ihre Schwierigkeiten haben. Dem Kinopublikum, abgesehen von Festivalbesuchern weltweit, blieb und bleibt der 1970 in Bangkok geborene und in einer Kleinstadt im Nordosten Thailands aufgewachsene Künstler ohnehin eine unbekannte Größe. Das ist schade, vor allem für das Publikum. Denn es entgeht ihm nicht mehr und nicht weniger als das aufregendste und innovativste Filmschaffen, das derzeit denkbar ist: Not coming to a theater near you, wie so treffend eine Website heißt, von der hier eine exzellente Rezension Leo Goldsmiths zu Blissfully Yours abgedruckt ist.

Apichatpong (in Thailand ist es üblich, nur den Vornamen zu nennen) gehört zu jener vielleicht ein bis zwei Handvoll von Regisseuren, die das Weltkino in den letzten Jahren entscheidend geprägt und vorangetrieben haben, in formaler Hinsicht ebenso wie in erzählerischer. In seiner Konsequenz und Beharrlichkeit ist er vielleicht nur mit dem Chinesen Jia Zhangke vergleichbar, der auf ähnlich idiosynkratische Weise arbeitet. Gemeinsam ist den beiden auch eine starke Affinität zur Kunst – Apichatpong war ja in Kunstkreisen schon bekannt, ehe sein erster Spielfilm Mysterious Object at Noon (2000) international für Aufsehen sorgte. Apichatpong ist seiner zweigleisigen Arbeitsweise treu geblieben, am offenkundigsten mit seinem neuesten The Primitive Project, bestehend aus sieben Installationsvideos und zwei Kurzfilmen – letztlich wird daraus auch ein Spielfilm resultieren.

Es war jedenfalls höchste Zeit, das Werk dieses außergewöhnlichen Mannes einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen, und das vorliegende Buch erfüllt die hoch gesteckten Erwartungen: James Quandt von der Cinematheque Ontario, ein profunder Kenner des asiatischen Kinos, fungiert als Herausgeber, die Beiträge stammen unter anderem von Tony Rayns und Benedict Anderson, zwei weiteren ausgewiesenen Experten, sowie von Karen Newman von der Foundation for Art and Creative Technology in Liverpool, die über Apichatpongs Installationen schreibt; es gibt höchst aufschlussreiche persönliche Würdigungen des schottischen Dokumentarfilmers Mark Cousins und von der prominenten Schauspielerin Tilda Swinton, und – vielleicht am wichtigsten – einen ausführlichen Text von Apichatpong selbst, der sich mit seinen Einflüssen beschäftigt, nämlich mit dem thailändischen Genrekino der letzten Jahrzehnte. Das ist umso bemerkenswerter und interessanter, als man ja im Westen gemeinhin dazu neigt, Filmemacher wie Apichatpong aus ihrem nationalen Zusammenhang zu reißen, als seien sie wie Meteoriten vom Himmel gefallen und nicht auch in ihren jeweiligen nationalen Traditionen verhaftet. Schön auch, dass mit Kong Rithdee ein prominenter thailändischer Filmkritiker vertreten ist und damit eine Art publizistisches Gegengewicht zur üblichen euro- und amerikazentristischen Sichtweise. Der Titel seines Aufsatzes, „A Cinema of Reincarnations“, beschreibt vielleicht das filmische Schaffen des Regisseurs am präzisesten.

Dem Filmmuseum ist ein rundum schlüssiges, international relevantes filmpublizistisches Werk gelungen, das keinen Vergleich zu scheuen braucht. Der vor allem in letzter Zeit immer wieder gehörten Rede, Filmbücher seien im Internet-Zeitalter ein todgeweihtes Genre, widerspricht diese Publikation jedenfalls ganz energisch.