Mit der Episode „Felina“ kommt eine epochale Serie, wie nicht anders zu erwarten, zu ihrem würdigen und befriedigenden Ende: „Breaking Bad“, S5E16, Spoiler-Alert.
Die finale Reise des Helden ist eine Rückkehr. Ihr haftet nichts Triumphales an, obwohl sie ihre verschiedenen Zwecke voll und ganz erfüllt. Es passiert kaum etwas Unvorhersehbares, und doch passiert Außergewöhnliches. Wie in „Felina“ die letzten losen Enden verknüpft werden, atmet jene Grandezza, die der Serie würdig ist. Fe, Li, Na – Eisen, Lithium, Natrium, die chemischen Bestandteile von Blut, Meth und Tränen. Vince Gilligan, als Creator/Producer wenig überraschend für Skript und Regie des letzten Kapitels verantwortlich, versucht hier nicht mit aller Gewalt, noch einmal eins draufzusetzen. Stattdessen wird in aller gebotenen Raffinesse auserzählt, was auserzählt werden muss. Walt will nicht bloß Rache nehmen. Er will die Dinge zum Abschluss bringen und ein paar letzte Weichen stellen. Das Ende folgt der Logik eines epochalen Epos: erzählökonomisch verdichtet, narrativ so erfinderisch wie schlüssig, psychologisch glaubwürdig, mit einer sättigenden Prise jenes tiefschwarzen Humors gewürzt, für den „Breaking Bad“ berühmt geworden ist.
Gretchen
Im Wesentlichen vier Stationen hat Walts Rückkehr. An jeder dieser Stationen schlägt er mehrere Fliegen mit einer Klappe. Als Walt sich in Gretchens und Elliots neuer Residenz einschleicht, sieht er sich interessiert in ihrem Upperclass-Ambiente um, bevor sie ihn entdecken. In aller Ruhe trägt er seine einstudierte Rede vor und demonstriert noch einmal die überragende Intelligenz und den Weitblick des Underachievers Walter White, dem einst Familie über Karriere ging und der erst als Heisenberg seinem unterdrückten Ego freien Lauf lassen konnte. Die Sequenz ist perfekt bis ins letzte Detail: Allein wie das Ehepaar Schwartz sich über Pizza- vs. Thai-Essen unterhält, während sie den in ihrem Vorgarten wartenden Walt übersehen! Wie Gretchen mit der Fernbedienung den elektrischen Kamin anzündet! Wie Elliot in einer erbärmlichen Geste das Buttermesser zückt! Wie die beiden Walts Drogengeld auf ihrem Couchtisch schichten müssen – das Bild des Kapital-Altars, auf dem die Menschlichkeit geopfert wird, erinnert an das einstige Container-Zwischenlager. Kein Wort zuviel wird gesprochen, keine Geste zuwenig gemacht. Die zweite Fliege mit derselben Klappe: Badger und Skinny Pete, mit Laserpointern im Garten postiert („I hired the two best hitmen west of the Mississippi“). Zwei rote Pünktchen auf den Hendlbrüsten des Pärchens reichen, um diesem genug Angst einzujagen, nur ja wie vereinbart Walts verbliebene Millionen in einem Trust anzulegen. Flynns und Hollys Zukunft scheinen nun also doch, freilich nur finanziell, gesichert.
Lydia
An ihren roten Louboutin-Sohlen und ihren hübschen Waden erkennen wir sie in der Anfangssekunde ihres letzten Auftritts. Für Lydia ist also das Rizin bestimmt, um dessen Endzweck seit gefühlten drei Seasons gerätselt wird. Und sie nimmt es stilgerecht ein: Für ihren letzten Kamillentee mit Sojamilch hätte sie kein zusätzliches Tütchen Stevia mehr bestellen brauchen, das erste war schon übervoll. Der eigentliche Witz der Szene, mit Todd und dem hinzustoßenden Walt in ihrem Stammlokal, ist freilich der Dialog auf drei verschiedenen Perzeptionsebenen: Walts Vorwand, der scheinbare Verzweiflungsvorschlag eines neuen Meth-Produktionsverfahrens, wird von beiden auf ihre Weise ernst genommen: Todd, ganz naives Bürschchen, warnt Walt vor seinem Onkel Jack. Lydia täuscht Interesse vor und schickt ihn in Jacks Arme. Dass der kranke, bärtige Heini noch irgendwas ausrichten könnte, ist nicht im Bereich des Denkbaren. Trotzdem lässt man ihn lieber umbringen. Denkt Sicherheitsfanatikerin Lydia und rührt das Stevia in ihren Kamillentee. Das war die einfachste von Walts Missionen.
Skyler
Walts Ex-Familie wohnt jetzt in einem Reihenhaus. Fünf Minuten bekommt Walt von Skyler, die eben noch mit Klatschtante Marie telefoniert hat. Das reicht, um die drei Dinge zu erledigen, die er zu erledigen hat. Noch einmal Holly sehen. Skyler den Lottoschein geben mit den GPS-Koordinaten, wo einst sein Geld war und jetzt die Leichen von Hank und Gomez vergraben sind – als Wertpapier für Behörden-Verhandlungen. Vor allem aber: „a proper goodbye“. Sie erwartet zum x-ten Mal seine „Alles nur für die Familie“-Ausrede, doch wenn er endlich, nach zwei Jahren der Verlogenheit in allen Abstufungen, die ganze Wahrheit sagt, dann scheinen ihre Trauer-Tränen sich fast zu Tränen der Erlösung zu wandeln. „I liked it. I was good at it. And really, I felt alive.“ Mehr braucht er nicht zu sagen. Es war besser als jede Krebstherapie, fühlte sich besser an als jede Remission. Besser als seinen Schülern im Nebenjob das Auto zu waschen. Auf den mit dem Schulbus ankommenden Flynn wirft Walt einen letzten Blick.
Jesse und die Nazis
Wenn es gegen die Nazis geht, wird „Breaking Bad“ noch einmal comic-haft tarantinoesk, auch das ein Nachhall auf die herrlichen Gangster, die Vince Gilligans Schreibwerkstatt uns beschert hat: den wahnsinnigen Giftzwerg Tuco etwa, die Kartell-Zwillings-Kunstfiguren mit ihren Totenkopfspitzstiefeln oder das personifizierte Kalkül im Majordomus-Gewand namens Gus Fring. Nach dem finalen Massaker (dessen mechanischer Trick MacGyver endgültig zur Teletubbies-Serienfußnote verkommen lässt) liegt Jacks Nummer zwei tot auf einem unverdrossen wiegenden Massage-Bett – die wackelnde Pickup-Hydraulik aus Tucos Abgangs-Episode lässt grüßen. Nur zwei aus der Nazi-Gang leben noch, sie erwartet – selbstverständlich – noch eine Spezialverabschiedung. Was Jesse einst bei Crazy-8 nicht geschafft hätte, bei Peiniger Todd gelingt es ihm: Er erwürgt ihn. Und Walt verpasst Jack die entscheidende Kugel, eingedenk Hanks lässt er ihn beim erwartbaren Freikaufversuch nicht ausreden. Das restliche Geld, es ist Walt egal geworden.
Indeed satisfying
Eine der zwei schönen Flashback-Szenen des Finales spielt im Wohnzimmer des nun verwüsteten Hauses der Whites und verweist auf die erste Episode zurück. Damals hatte Hank seinem Schwager mit einem Fahndungserfolg im Fernsehen die Show zur Fünfzigerparty gestohlen und ihn im vollmundigen Scherz zum Meth-Kochen animiert: „It‘s easy money!“. In der anderen, vor Beginn der Erzählung zurückreichenden Rückblende wird die Geschichte von Jesses selbst gefertigter, kleiner Holztruhe (die wir aus seiner Reha zu Beginn von Season drei erinnern) noch einmal wehmütig aufgegriffen.
Ja, Jesse ist frei. Ja, er hat die tiefsten Täler durchwandert und doch überlebt. Ja, er hat sich am Ende doch noch von Walt emanzipiert, indem er ihn nicht auf dessen Wunsch erschießt. Er bleibt die moralisch integerste Figur unter allen Kriminellen dieser Geschichte. Aber wie er so davonrast, mit nichts als der nackten Existenz ausgestattet, fragt man sich doch, wie so einer überhaupt neu anfangen soll.
Es ist ein befriedigendes Ende. Man klappt den Wälzer zu und weiß, er wird noch lange in einem nachwirken. Irgendwann wird man ihn noch einmal lesen. Natürlich kann ein kleines Vakuum daraus entstehen, dass es kein neues Kapitel von „Breaking Bad“ mehr geben wird. Aber gleichzeitig weiß man auch, dass es gut so ist. Irgendwie haben fast alle das gekriegt, was sie verdient haben. „Guess I got what I deserved“ heißt es im letzten Song, „Baby Blue“ von Badfinger, während Walt an jenem Ort stirbt, wo er sich zuletzt am wohlsten gefühlt hat. In der Drogenküche.
