Filmkritik

Der Fall des Lemming

| Alexandra Seitz |

In Wien spielender Kriminalfilm voller bemerkenswerter Grobheiten, der an berühmte Vorbilder anknüpft.

Der pensionierte Lateinprofessor Dr. Grinzinger wird tot im Wienerwald aufgefunden und Privatdetektiv Leopold Wallisch, Spitzname Lemming – der den Mann eigentlich hatte beschatten sollen, im entscheidenden Moment dann aber von einem riesigen Hund angefallen wurde – gehört zu den Hauptverdächtigen. Ausgerechnet Wallischs ehemaliger Vorgesetzter Krotznig, eine echte Krätzn, und brutal und gemein noch dazu, übernimmt die Ermittlungen. Das Leben des Privatdetektivs wird dadurch nicht leichter. Auch nicht durch den Umstand, dass besagter Hund sich kurzerhand bei ihm einquartiert und das Bett mit Beschlag belegt. Doch der Hund führt ihn schließlich auf die entscheidende Spur. Ein Spürhund, sozusagen.

Der Fall des Lemming, nach dem gleichnamigen Roman von Stefan Slupetzky, der auch am Drehbuch beteiligt war, will, so Regisseur Nikolaus Leytner ohne falsche Bescheidenheit, ein Wienkrimi in der Tradition von Kottan ermittelt sein. Eigentlich gelingt ihm das auch gar nicht einmal so schlecht. Denn, der erzählerischen Anarchie von Peter Patzaks Krimifernsehserien-Meilenstein vergleichbar, mäandert die Geschichte vom toten Lateinlehrer und dem Mann, der seinen Mörder sucht und dabei die Liebe findet, scheinbar ziellos durch Wien und verliert das große Ganze zugunsten zahlreicher am Wegesrand funkelnder, befremdlicher Miniaturen immer wieder gerne aus dem Auge.

Im Kabuff einer Absinth saufenden Kunstlehrerin beispielsweise erfährt der Lemming die Vorgeschichte des Verbrechens und beim Besuch des Gspusis vom Fleischer Pribil, dessen Genitalpiercing wenig später in einem Fleischlaberl aufgefunden wird, verkompliziert es sich. Mehr als einmal soll der komische Effekt aus dem drastischen Ereignis entstehen – fließt Blut, wird gekotzt, scheißt der Hund ins Bett, bekommt jemand aufs Maul. Es herrscht in diesem Film eine atemberaubende Grobheit im Umgang miteinander, die freilich sowohl eine unabdingbare Ingredienz des Wienkrimis ist als auch nicht jedermanns Sache.

Dieselbe fördert aber die Erkenntnis, dass es in Der Fall des Lemming noch um etwas anderes geht als Wiener Schmäh und Kottan-Nachfolge: Im Zentrum nämlich steckt ein Vater-Sohn-Konflikt, der sich in unguter Weise mit immer virulentem Anti-Semitismus paart. Und damit wird jenes Unheil zum Thema, das autoritäre Charaktere anrichten, geraten Machtausübung und Subordination ins Visier, und schließlich das Verdrängte, das früher oder später immer den Weg an die Oberfläche sucht und findet.