The Informant – Lizenz zum Schwindeln

Lizenz zum Schwindeln

| Pamela Jahn |

Steven Soderbergh präsentiert mit „The Informant!“ eine verspielte und ungemein komische Variante des Wirtschaftskrimis.

Mark Whitacre verstand die Welt nicht mehr. Zweieinhalb Jahre führte der engagierte Abteilungsleiter im Agrar-Konzern Archer Daniels Midland (ADM) ein äußerst riskantes Doppelleben als Spitzel für das FBI, ohne dafür auch nur einen Cent zu verlangen. Zweieinhalb Jahre versorgte er die Staatsermittler mit vertraulichen Informationen, entwendete Firmenunterlagen, ließ sich verkabeln und nahm heimlich unzählige Gespräche mit Kollegen und Geschäftspartnern rund um den Globus auf Tonband auf, auf deren Grundlage das US-Justizministerium 1996 den gravierendsten Fall von Preisabsprachen unter den fünf weltgrößten Lysin-Herstellern aufdecken konnte. ADM und seine Mitstreiter hatten eine perfekte illegale Organisation installiert, um die Preise für das im Tierfuttermittel verwendete Produkt in die Höhe zu treiben. Whitacre wusste darüber nicht nur Bescheid, er war sogar direkt in die Verhandlungen involviert, die er so fleißig mitschnitt. Sein Motiv? Maßlose Selbstüberschätzung. Als der Skandal schließlich auffliegt, versucht das FBI zunächst seinen Spitzeninformanten zu schützen, doch der verstrickt sich zunehmend im eigenen Netz von zwanghaften Lügen und Intrigen — ganz zu schweigen von den neun (oder doch elfeinhalb?) Millionen Dollar, die er über die Jahre aus Firmenkassen abgezweigt und beiseite geschafft hatte — bis seine Haftstrafe am Ende dreimal so hoch ausfällt wie die der Manager von ADM. Fair ist das nicht, denkt sich Whitacre, aber sei’s drum. Denn was ist schon fair in einer Welt, in der jeder Amerikaner, noch bevor er mit dem Frühstück fertig ist, das Opfer von Wirtschaftkriminalität wird.

Ironischer Blickwinkel

Es ist schon eine ziemlich kuriose Geschichte, die in The Informant! erzählt wird, und es ist zudem eine, die auf wahren Begebenheiten beruht. Für die komplexen ökonomischen Verwicklungen des historischen Falls zeigt Steven Soderbergh in seinem Film allerdings kein sonderliches Interesse. Seine Aufmerksamkeit gilt einzig der Person Mark Whitacre, die in ihrer charakterlichen Unfassbarkeit eher einer klassischen Figur der Coen Brüder ähnelt, die es stets einen Tick zu weit treibt und am Ende bitter dafür büßen muss. Die Handlung des Films orientiert sich zwar weitgehend an der gleichnamigen Buchvorlage des amerikanischen Journalisten und Schriftstellers Kurt Eichenwald. Dessen Non-Fiction-Thriller kommt allerdings ohne das Ausrufezeichen im Titel aus, das bei Soderbergh den Ton für eine ironisch überspitzte Interpretation des Stoffs vorgibt: Von Marvin Hamlischs eindringlichem, comic-haften Score bis zu den in knallbunten Farben ins Bild ploppenden Ort- und Zeitangaben, sowie mit einem rundlichen, schnauzbärtigen Matt Damon in der Titelrolle ersetzt Soderbergh die großmännischen Attitüden und altvertrauten Typologien des Agentenfilms durch ein universelles Karnevalsgefühl und präsentiert damit eine wunderbar unterhaltsame Komödie der Wirtschaftkriminalität, die trotz oder gerade wegen ihres Retro-Looks ziemlich genau den Puls der Zeit trifft.

Nach dem hoch ambitionierten Zweiteiler Che und seinem jüngs-tem Micro-Budget-Experiment The Girlfriend Experience, das auch im Rahmen der Viennale zu sehen war, kommt mit The Informant! nun der dritte und publikumswirksamste Film von Soderbergh innerhalb eines Jahres in die Kinos. Und dem ungemein wandlungsfähigen Ausnahmeregisseur ist diesmal wieder ein fabelhafter Film aus einem Guss gelungen, leichthändig-locker inszeniert und von einem entspannten Rhythmus vorangetrieben, der sich im Wesentlichen aus den sympathischen, bis in die Nebenrollen sorgfältig gezeichneten Figuren heraus entwickelt. In seiner Herangehensweise unterscheidet sich The Informant! damit auch grundsätzlich von Soderberghs früherem Justiz-Drama Erin Brockovich, in dem Julia Roberts als alleinerziehende Mutter unverhofft einem Umweltverbrechen ungeahnten Ausmaßes auf die Schliche kommt. Zugunsten der wahren Geschichte, auf der auch Erin Brockovich beruht, ließ Soderbergh seine virtuose Experimentierfreude hier fast gänzlich außen vor und bemüht sich vielmehr um eine möglichst realistische Darstellung einer Frau im Kampf gegen Macht- und Korruptionsgefüge, der gleichzeitig zum Kampf der Menschlichkeit und des Mitleidens wird.

Es wäre sicher auch trotz des bizarren Plots dennoch möglich gewesen, die Geschichte um Mark Whitacre und die Preisabsprachen bei ADM in konventioneller, klassisch-eleganter Thriller-Manier in Szene zu setzen, wie etwa in Michael Manns The Insider oder Tony Gilroys Michael Clayton. Stellt sich die Frage, ob daraus ein (noch) besserer Film geworden wäre? „Ich bin ziemlich zufrieden mit The Informant!“, sagt Soderbergh. „Es gab eine Reihe von Dingen, die zur richtigen Zeit passierten, mit den richtigen Leuten und dem richtigen Ansatz, und ich war der Nutznießer davon. Ich denke, wir haben hier von Anfang an die richtigen kreativen Entscheidungen getroffen.“ So zufrieden hört man den Filmemacher selten, dem es in seinen Regiearbeiten, ob mit großem oder kleinem Budget produziert, grundsätzlich weniger um Perfektion als ums Experimentieren auf allen Ebenen und mit allen Genres geht, und um das Ausloten der fliehenden Zwischenräume im Verhältnis von subjektiver und objektiver Wahrnehmung.

Protagonist mit bizarrem Charakter

Die Wahl von Matt Damon als nerdigen Biotechniker, der sich zu Höherem berufen fühlt, ist hier auch schon das halbe Programm. Damon verkörpert den windigen Spitzel grandios — von innen her. Während er in den Ocean’s-Filmen im Schatten von George Clooneys und Brad Pitts gezielt propagierter Coolness immer ein wenig blass wirkte, läuft er in seiner fünften Zusammenarbeit mit Soderbergh zur Höchstform auf. Er versteht es, seine Rolle als facettenreichen Charakter zu gestalten und die Figur davor zu bewahren, zur eindimensionalen Karikatur zu verkommen. In einer Mischung aus existenzialistischer Unsicherheit und schlüpfriger Durchtriebenheit verliert sein sympathischer Psychopath zunehmend die Orientierung, weicht seine aufgesetzte Selbstsicherheit nach und nach einer verzweifelten, fast rührenden Verlorenheit, die aber nicht überstrapaziert wird.

Seinen unbestechlichen Charme gewinnt The Informant! allerdings aus dem selbstgefälligen, wild umherschweifenden Off-Kommentar, in dem Whitacre weniger die komplizierten, abstrusen Wendungen des Falls, die sich allein aus seinen mehr oder weniger überlegten Handlungen ergeben, zu erklären versucht als über Banales und Belangloses wie überteuerte Brioni-Krawatten, die merkwürdige Textur von Avocados oder seine Vorliebe für Hallenbäder („I like indoor pools … Very mysterious, that steam“) sinniert. Whitacres intellektuelle Sprunghaftigkeit, seine haarsträubende Selbstüberschätzung, all das wird zuallererst in den zielsicher eingestreuten Reflexionen deutlich. Und nur durch die immer absurderen Gedankengänge Marks ahnt der Zuschauer früher als die beiden hilflosen FBI-Ermittler Shepard (Scott Bakula) und Herndon (Joel McHale), denen Whitacre stets nur Bruchstücke einer Wahrheit liefert, die er selbst nicht mehr überblickt, dass der eigentliche Skandal in dieser Geschichte Mark Whitacre selbst ist.

The Informant! ist, wie bereits eingangs erwähnt, ein komödiantisch überspitzer Wirtschaftkrimi, der sich jedoch in seinem Verlauf zunehmend auch als ebenso schwarzhumorige wie tragische Charakterstudie offenbart. Beides verknüpft Soderbergh gewohnt virtuos zu einem gelungenen Ganzen, doch kann man sich mitunter der Frage nicht erwehren, was wohl die Coens aus Mark Whitacre gemacht hätten? In manchen Momenten wünscht man sich, Soderbergh hätte zugunsten eines Ticks Gesellschaftssatire auf die eine oder andere flache Pointe verzichtet. Doch das verzeiht man ihm schnell, denn im Grunde, und auch das haben wir bei Soderbergh gelernt, muss richtig gute Unterhaltung nicht immer auch sozialpolitisch engagiert sein.

Am Ende holt den Film und uns die Gegenwart ein, wollen klare Fakten auf der Leinwand darüber informieren, was aus dem wahren Whitacre geworden ist. Wissen muss man das eigentlich nicht. Viel interessanter ist, was diese Rolle mit dem großartig agierenden Matt Damon macht, dessen Spiel, das Witz und Selbstironie einschließt, von einer Wandlungsfähigkeit zeugt, die ihm auch außerhalb von Soderberghs schier unerschöpflicher Filmwerkstatt viele neue Türen öffnen dürfte.