verliebt, verzopft, verwegen

| Reinhard Bradatsch |

Preisgekrönte Doku über lesbisches Beziehungsleben im Wien der Nachkriegszeit.

Den häufig zitierten situativen Glücks-Moment der/des Dokumentaristin/en kennen Katharina Lampert und Cordula Thym wohl nur vom Hörensagen. In der Eingangssequenz von verliebt, verzopft, verwegen suchen die beiden erfolglos Interviewpartnerinnen für ihren Film. Die Weigerung vieler, über ihr Leben mit dem „Anders“-Sein, das Entdecken der Sexualität, ihre Partnerschaften, ihr Outing zu berichten, verrät bereits mehr über den Umgang mit Homosexualität in diesem Land als jeder statistische Befund:  Auch in unserer scheinbar aufgeklärten Zeit kann ein derartiger Film nicht problemlos entstehen, benötigt fünf Jahre bis zu seiner Fertigstellung.

In den Fünfziger und Sechziger Jahren, in einer Zeit familiärer Zwangsidylle und Scheinmoral, bestand noch eine zusätzliche Drohgebärde: das staatliche Verbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen, manifestiert in § 129 („Unzucht wider die Natur“) des damaligen Strafgesetzbuches – ein faschistisches Relikt, das abseits sozialer Diskriminierung in der Szene ursächlich für systematisches Verheimlichen und Verbergen war. Lampert und Thym bringen mit ihren drei Interviewpartnerinnen Licht in zwei dunkle Jahrzehnte. Trotz ihrer unterschiedlichen Vita verbindet Rosmarin Frauendorfer, Ursula Hacker und Birgit Meinhard-Schiebel eine Offenheit, die so manches (versteckte) Vorurteil mit viel Humor in Frage stellt oder umgekehrt noch festigt: etwa das Bild von der maskulinen Lesbe. Während die eine das nur lächerlich findet, weigert sich die andere, auf den „Rüscherlblusentyp“ reduziert zu werden. Im öffentlichen Leben (so ein solches überhaupt existierte) litten alle drei dennoch unter dem gleichen Schicksal: Gleichgeschlechtliche Liebe musste sich in den Untergrund zurückziehen, in eine verruchte Parallelgesellschaft mit ihren so genannten Sub-Lokalen. Die Szene war nach außen nicht existent. Und dennoch: Es gab sie, die „inoffiziellen“ Bindungen, oft verborgen hinter der bürgerlichen Fassade einer (heterosexuellen) Ehe mit Mann und Kind.

Die drei Protagonistinnen, deren Altersgruppe in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie nicht existiert, zeigen mit entwaffnender Ehrlichkeit, dass das Leben als Außenseiterin auch viel Spaß machen kann. Eben ein bisschen Exklusivität, die im Gegensatz zu früher auch nach außen gelebt werden kann. Dass es sich hierbei um eine selbstbewusste Minderheit handelt, wird schmerzlich bewusst, wenn Lampert und Thym mit kurzen Erzählungen aus dem Off Geschichten jener einflechten, die lieber anonym bleiben wollen.