Schneewittchen hat alle Starqualitäten, die eine Prinzessin haben muss, aber auch die sieben Zwerge haben ihren Glamour. Nun wurde Walt Disneys Zeichentrickklassiker aufwändig restauriert und ist auf DVD und Blu-ray erschienen.
In den Tagen vor Weihnachten des Jahres 1937 muss im Carthay Circle Theatre in Hollywood die Spannung schier unerträglich gewesen sein. In dem bis auf den letzten Sitz besetzten Saal hatten u.a. Marlene Dietrich, Judy Garland und Charlie Chaplin Platz genommen, um einer Aufführung des ersten abendfüllenden Zeichentrickfilms aller Zeiten beizuwohnen. Walt Disney hatte mehr als drei Jahre lang mit einem Story-Team daran gearbeitet. Bereits nach den ersten Erfolgen mit seinen Mickey-Mouse-Kurzfilmen war Disney geradezu besessen von dieser Idee. „Eines Tages nach dem Mittagessen“, erinnert sich der damalige Disney Art Director und Designer Ken Anderson, „holte er 40 von uns Mitarbeitern in ein kleines Studio. Wir mussten uns alle auf Klappstühle setzen, und Walt machte das Licht aus. Dann verbrachte er ganze vier Stunden damit, uns die Geschichte von Schneewittchen und den sieben Zwergen zu erzählen. Dabei spielte er uns auch alle Charaktere vor.“ Als Disney der Schar schließlich eröffnete, dass dies alles in einen abendfüllenden Film münden sollte, „waren wir geschockt! Wir wussten alle, wie viel Arbeit allein in einem Kurzfilm steckt.“ Der Rest ist Geschichte und trug Walt Disney 1939 den Oscar für „bedeutsame Innovationen auf der Leinwand, die Millionen begeisterten und für ein neues, großartiges Entertainment-Genre Pionierarbeit leisteten“ ein, den die kleine Shirley Temple damals überreichte. Dafür wurde sogar ein Sonder-Oscar kreiert – ein regulärer Goldjunge für Schneewittchen und sieben kleine Oscars, treppenförmig angeordnet, für die sieben Zwerge.
Wann genau Walt Disney zum ersten Mal ernsthaft an einen Schneewittchen-Film gedacht hat, wusste er wahrscheinlich selbst nicht so genau. Überliefert ist nur, dass der erste Spielfilm, den er bei einem Ausflug der Zeitungsjungen in seiner Jugend in Kansas City gesehen hatte, eine Stummfilmversion von Schneewittchen war. Neben der intensiven Suche nach einem Action Model für die Hauptfigur, das schließlich in der 14-jährigen Tochter von Ernest Belcher, einem damals in den Filmstudios gefragten Ballettmeister, gefunden wurde, schienen Walt Disney die sieben Zwerge am meisten am Herzen zu liegen. Lella Smith von der Walt Disney Animation Research Library, die maßgeblich an der Restaurierung des Films beteiligt war, meinte dazu anlässlich einer internationalen Internet-Präsentation des für den DVD-Release frisch aufpolierten Klassikers: „Es war das erste Mal, dass für einen Zeichentrickfilm seitens der Animationskünstler so intensiv mit Live Action Models gearbeitet wurde, um jede einzelne Bewegung möglichst genau und natürlich hinzubekommen. Stundenlang wurden Gesten, Mimik oder Faltenwürfe von den Zeichnern beobachtet, gefilmt und dokumentiert.“
Bei Micky Mäusen wusste niemand, wie sie sich als Zweibeiner bewegen würden. Daher hatte man keinen Vergleich mit dem realen Leben. Bei einem menschenähnlichen Zwergwesen musste das etwas glaubhafter umgesetzt werden. Schon dass die „Sieben Zwerge“ im Filmtitel als Schneewittchens Ko-Stars vorkommen zeigt, wie wichtig Walt Disney die nach unzähligen Metamorphosen recht niedlichen Zwerge waren. Das war ihm aber nicht genug Ansporn für seine Zeichner. Mit einem pekuniären Trick wollte Disney eine möglichst hohe Gagdichte erreichen: „Er versprach fünf Dollar extra Gage für jeden Gag“, so Lella Smith weiter. „Nehmen Sie das Bild mit den sieben Nasen auf der Bettkante, als die Zwerge soeben das schlafende Schneewittchen entdeckt haben. Im Film ploppen die Zwerge mit einem pop-pop-pop-pop-pop-pop-pop nacheinander ihre Nasen über das Bett. Das war Ward Kimballs Idee.“ Zeichner-Legende Ward Kimball (1914–2002) war einer der berühmten „Nine Old Men“, die schon in den Zwanziger Jahren begonnen hatten, für Disney zu arbeiten. Auch er bekam seine fünf Dollar extra, „und das war eine Menge Geld damals in der Depressionszeit. Heute klingt das beinahe lächerlich, aber 1937 konnte man um 35 Cents Abendessen gehen“, erzählt Lella Smith. „Ein anderer Fünf-Dollar-Gag war der mit einer im Akkordeon eingezwickten Nase, und es gab noch hunderte Ideen mehr, die dann doch wieder weggelassen wurden. Auch ganze Sketches, die mit großem Aufwand bereits fertig gestellt waren, mussten wieder raus, wie zum Beispiel eine Szene, in der die Zwerge für Schneewittchen ein Bett zimmern.“
Pimpel, Chef, Seppel, Brummbär, Happy, Schlafmütze und Hatschi – die Zwerge stellen das jeweilige Gegenstück zu Schneewittchen dar, sind dort Kinder, wo es Mutter ist und umgekehrt. Die Vorfahren seiner sieben Zwerge fand Disney, der sich sehr für europäische Kunstgeschichte interessierte, u.a. in Illustrationen von Rackham, Kittelsen und Schwind. Bis aus diesen ersten gnomähnlichen Wesen mit roten Nasen, die gerade noch unter Riesenbärten hervorlugen, sieben „High-ho“ singende putzige Charaktere wurden, die sich Schneewittchen zuliebe sogar Gesicht und Hände waschen, wanderten unzählige Entwürfe in die Rundablage. Allein die Namensgebung war ein langwieriger Prozess. Von Gabby bis Jumpy, von Sniffy über Lazy bis Nifty und Wheesey: Dutzende wurden erfunden und wieder verworfen. „Disney bemerkte bald, dass die sieben Zwerge der eigentlichen Hauptperson die Show stehlen könnten und war besonders darauf bedacht, dass die Charaktere stimmig sind. Bei einem dieser früheren Entwürfe, die noch eher als Modell zu verstehen sind, erkennt man schon deutlich, mit welchen unverkennbaren Eigenschaften sie verknüpft sind“, meint Lella Smith: „Sleepy, der kann tatsächlich überall schlafen, Sneezy blieb die rote Nase, der schüchterne Bashful Doc bekam später erst seine Brille, Happy, Grumpy und natürlich Dopey, der von Anfang an keinen Bart hatte.“ Der war so etwas wie der Star unter den Zwergen, obwohl oder gerade, weil er nie spricht. Man hatte einfach keine geeignete Stimme für ihn gefunden. „Ich glaube, sie hatten alle besonders mit diesem fröhlichen Kerl viel Spaß. Walt wusste aber auch besonders behutsam mit ihm umzugehen. Er wollte einfach nicht, dass sich die Menschen über diesen Charakter lustig machen, er sollte mehr wie ein Kind sein, und schon deshalb wurden seine Linien feiner gezeichnet.“ Bemerkenswert ist auch, dass das Schneewittchen u.a. auch blond gezeichnet wurde.
Die für die Blu-ray-Technik erforderliche Aufarbeitung von altem Material hat einiges zutage gebracht, was sonst vielleicht in den Tiefen des Archivs verrottet wäre. „Es war nicht einfach, all diese ursprünglichen Skizzen und Entwürfe wieder anschaubar zu machen, denn viele davon wurden auf minderwertigem Papier gezeichnet, weil kein Mensch daran dachte, sie aufzuheben“, so Lella Smith über die Entdeckungen im Zuge der Restaurierung. Ungewöhnlich auch, dass die originalen Filmstreifen buchstäblich wieder in die Hand genommen wurden. „Man hat sozusagen den Staub weggeblasen und den Film eingescannt. Das heißt 361.000 Einzelbilder wurden bearbeitet, was fast ein Jahr brauchte. Die Negative waren immerhin 75 Jahre alt, und man kann sich vorstellen: Alte Filme verderben mit der Zeit. Wenn man die Dosen öffnet, riecht es nach Essig und es quillt einiges heraus. Interessanterweise fanden wir mit der neuen Technik sogar Farben, die viele Jahre lang nicht sichtbar waren. So waren die Kleider der Zwerge im Vergleich zu denen Schneewittchens nicht so gedämpft, wie wir immer gedacht hatten.“ Nach dem Star-Prinzip musste die Hauptfigur, wie bei Realfilmen, natürlich auch im Zeichentrick herausleuchten, aber vielleicht sind die eigentlichen Stars doch die Zwerge? Nach den ersten Screenings gab es den einen oder anderen Einsatz der kleinen Männer in Werbungen und Kurzfilmen, und Walt Disney wurde nicht nur einmal nach einer eigenen Serie für die Sieben Zwerge gefragt. Jetzt, wo all das Material aufgearbeitet wurde – wer weiß?
