Diskret beobachtet Claire Denis ein Paris der kleinen Leute und streift die Geheimnisse ihrer Herzen.

Alles ist auf Schienen. Beinahe fünf Minuten lang lässt Claire Denis zu Beginn den Zuschauer aus der Kabine des Zuglenkers durch das unüberschaubare Schienennetz der Pariser Vorstadtzüge gleiten. Weichen und Biegungen, Bahnhöfe und Tunneleinfahrten, Gleise in alle Richtungen, stadteinwärts, stadtauswärts, morgens, mittags und zu Sonnenuntergang in die Nacht hinein. Bis ein Sog entsteht, hinein in die Innigkeit zwischen Lionel und Joséphine, hinein in Claire Denis’ Welt der knappen, starken Bilder, der zarten Skizzen und sinnlichen Blicke auf das kleins-te Stück Alltag.

Lionel (Alex Descas) lenkt seit Jahrzehnten einen dieser Vorstadtzüge, und auch sonst bewegt sich sein Leben in geregelten Bahnen. Jede Geste scheint sich, wenn er abends nach Hause kommt, zum unzähligsten Mal zu wiederholen, doch seine Routine lässt keine Müdigkeit, sondern vielmehr eine Freude an einem Alltag verspüren, der ihm, wenn er vom Dienst nach Hause kommt, die wertvollen Momente mit seiner Tochter Joséphine beschert. Lionel, seit langem verwitwet, hat seine Tochter alleine großgezogen, die beiden stärkt eine tiefe und zärtliche Verbundenheit, die sie nach außen hin zu einer uneinnehmbaren Festung gemacht hat. Doch ihnen beiden ist natürlich bewusst, dass für Joséphine, die Anfang zwanzig ist, die Zeit gekommen ist, sich zu lösen und ein anderes Leben ins Auge zu fassen. Was die beiden Protagonisten aber umso mehr veranlasst, so lange es nur geht, jeden gemeinsamen Augenblick auszukosten.

Claire Denis ließ sich für 35 Rhums nicht nur von der Geschichte ihrer Mutter inspirieren, die eine sehr enge Bindung zu ihrem Vater hatte, mit dem sie alleine aufgewachsen war, sondern auch von Ozu Yasujiro und seiner unerreichten Art, von Gefühlen zu erzählen. Ein dampfender Reiskocher, eine zu dritt im Stehen verzehrte Omelette erzählen bei Denis mehr von den Verbindungen der Herzen als je ein Satz des wortkargen Lionel. Der Vorstadtalltag des Films ist voller Protagonisten mit afrikanischen oder karibischen Wurzeln, die ihr ganz normales Dasein führen, inmitten einer Nachbarschaft, die gelegentlich als Großfamilie fungiert, in der man sich mag, sich nervt und füreinander da ist.

35 Rhums spricht so einfach vom Leben, wie es läuft, ohne Tristesse und Tragödie, weil Claire Denis es versteht, in der Beiläufigkeit einer Geste oder eines Teegeplauders in die tiefen Schichten darunter blicken zu lassen.