Arnaud Desplechin beleuchtet ganz ohne Sentimentalität das Beziehungsgefüge einer ganz normalen Familie.
In einem Schattenspiel rollt Un conte de Noël die Familiengeschichte der Vuillards auf. Gerafft wird so vom 40 Jahre zurückliegenden Krebstod des sechsjährigen Joseph erzählt, dem weder die Eltern noch seine jüngere Schwester Elisabeth Knochenmark spenden konnten. Um ihn zu retten, zeugten die Eltern ein weiteres Kind, doch auch Henri war als Spender nicht geeignet. So starb Joseph und, um die dadurch entstandene Lücke zu füllen, wurde mit Ivan ein weiteres Kind in die Welt gesetzt. Schwer lasten diese Ereignisse auf der Familie und, als auch die Mutter an Leukämie erkrankt, werden alle zu Weihnachten ins elterliche Haus in Roubaix zusammengerufen.
Nach einer ausladenden Exposition mit der Vorstellung der Familienmitglieder fokussiert die Inszenierung ganz auf den familiären Kreis, macht Konflikte ebenso wie enge Bindungen und die emotionale Verkettung, die bei jedem Versuch der Lösung besonders stark zu Tage tritt, sichtbar. Weniger nach vorwärts als vielmehr in die Breite entwickelt Regisseur Desplechin die Handlung und wechselt – wie das bei einem solchen Familientreffen üblich ist – ständig zwischen den Personenkonstellationen. Statt eine stringente Geschichte zu erzählen, fügen sich so viele Szenen langsam zum komplexen Bild einer letztlich ganz gewöhnlichen Familie. Große Freiheit und Offenheit gewinnt Un conte de Noël dabei nicht nur durch diese mäandernde, nicht auf eine Person fokussierte Erzählweise, sondern mehr noch durch den unbefangenen Einsatz filmischer Mittel. Kreisblenden werden ebenso eingesetzt wie Splitscreen, unvermittelt spricht jemand direkt in die Kamera, überraschend setzt ein Off-Erzähler ein und einmal streift die Kamera autonom lange durch verlassene Straßenzüge der Stadt.
Vergleichbar mit einer Jazzimprovisation lässt Desplechin seine von Mitgefühl ebenso wie von Melancholie durchzogene Familiengeschichte locker, leicht und wie hingetupft dahinschlingern und kann sich dabei ganz auf ein exquisites Schauspielerensemble verlassen, bei dem sich keiner der Stars versucht, in den Vordergrund zu spielen, sondern sich jeder ganz seiner Rolle unterordnet: Die auch im Alter nichts von ihrer Schönheit einbüßende Catherine Deneuve als einerseits energische, andererseits aber auch zwischen Hoffen und Bangen schwankende Mutter, Anne Consigny als an ihrem Hass förmlich zerbrechende Tochter, Mathieu Amalric als innerlich zerrissener Sohn oder Jean-Paul Roussillon als Vater, der den Verlust des ersten Sohnes nie verkraftet hat.
