Berlinale

Berlinale

Geliebtes, unliebsames Festival

| Daniel Kothenschulte |

Wird man der Berlinale gerecht, wenn man sie in seinen persönlichen Lieblingsfilmen porträtiert? Der Filmkritiker David Thomson hat die Retrospektive „Play it Again …!“ aus 59 Festivaljahrgängen komponiert.

Wer mit dem Kino lebt, für den ist das Wort Filmgeschichte eine Tautologie. Ist nicht jeder neue Film bereits historisch, wenn der Abspann läuft? Nehmen wir nur James Camerons Avatar: Er war, als vor Jahren mit der Produktion begonnen wurde, der erste der modernen 3D-Filme. Alle Hoffnung auf die Wiederkehr der View-Master-Welt spricht aus seinen sorgsam komponierten Bildern. Als der Film zu Weihnachten 2009 endlich ins Kino kam, war der Reiz des Neuen längst verflogen, und doch steckte er noch einmal alle an mit dem 3D-Enthusiasmus des Jahres 2006.

Für gewöhnlich aber ist die Zeit, die ein Film bereits auf dem Buckel hat, wenn er ins Kino kommt, sein schwerster kommerzieller Makel. Wird ein Film nach seiner Festivalpremiere nicht verkauft, gehen die meisten Weltvertriebe so schnell mit dem Preis herunter, als handelten sie auf dem Fischmarkt. Auszeichnungen, die ein Film gewonnen hat, wenden sich plötzlich gegen ihn, denn sie kommen mit einer Jahreszahl daher. Bis dann für einige, wenige Filme die Gegenbewegung einsetzt. Die DVD kostet plötzlich nicht mehr fünf Euro, sondern wieder zehn. Der Film hat ein zweites Leben begonnen, er ist dem Wegwerfgeschäft entkommen.

Der größte Tabubruch, den der britische Filmhistoriker und Kritiker David Thomson bei seiner Programmauswahl der „Retrospektive zu 60 Jahren Berlinale“, „Play It Again…!“, begehen konnte, ist die Aufnahme von Filmen, die zwar bekannt blieben, aber niemals zum Klassiker wurden. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Mary Reilly noch einmal zu Berlinale-Ehren käme? Zu Stephen Frears’ Jekyll-and-Hyde-Adaption aus der Sicht einer Haushälterin fragte damals ein Kritiker: „Was kommt als nächstes? Moby Dick aus der Sicht des Wals?“ Tatsächlich kam Das Mädchen mit dem Perlenohrring, woran Mary Reilly natürlich vollkommen unschuldig ist. Es ist ein liebenswerter Film mit einer erstaunlich sensiblen Julia Roberts. Aber verdient er heute tatsächlich mehr Beachtung als bei seiner glücklosen Berlinale-Premiere 1996? Für Thomson wohl zumindest eine zweite Chance. „Ich bestehe darauf“, schrieb er 2004 in einem Blog, den er Frears im Londoner „Independent“ widmete, „Ihrer aller Aufmerksamkeit auf einen kleinen Horror namens Mary Reilly zu lenken (…) den die meisten Kritiker ebenso in die Tonne traten, wie es die Filmgeschichte tat, und der doch so spannend ist, dass einer Ratte die Fellhaare zu Berge stünden. Und so gut, dass er all Ihre Verdächtigungen gegenüber der Filmkritik und der Filmgeschichtsschreibung bestätigt.“

Es ist schon ein starkes Stück: Mit erhobenem Zeigefinger stilisiert sich Thomson zur Karikatur des Filmkritikers – und stellt sich zugleich über den gesamten Rest der Branche. Und natürlich hat er Recht damit, einen Film schon deshalb auszuwählen, weil er niemandem außer ihm selbst gefallen hat. Aber wie kommt bitteschön Martin Scorseses Gangs of New York in seine Auswahl? Ein Film, der dem Scorsese-Fan Thomson im Entstehungsjahr 2002 gerade einmal einen zehnten Platz in seinen Jahres-Top-Ten im Magazin „Film Comment“ wert war? Die Plätze sechs und sieben bekleideten dort im übrigen andere Berlinale-Filme, die dem Kurator heute weniger präsentabel erscheinen, Spike Jonzes Adaptation und Wes Andersons The Royal Tenenbaums. Der Grund für das Wiedersehen mit einem Epos, das auch der Regisseur nicht nur in den besten Erinnerungen hat – die Weinstein-Brüder spielten ihm übel mit – dürften weniger in der Festivalhistorie zu suchen sein als in dessen Gegenwart.

Scorsese, der gemeinsam mit Thomson ein Interviewbuch herausgab, und Hauptdarsteller DiCaprio sind erwartete Berlinale-Gäste mit ihrem neuesten gemeinsamen Film Shutter Island, der außer Konkurrenz gezeigt wird. Vielleicht schauen die beiden ja im Retro-Kino vorbei. Dass der Wettbewerbsteilnehmer 2010 Roman Polanski (The Ghost) dagegen mit einem früheren Werk vertreten ist, erscheint spätestens dann als zwingend, wenn man erfährt, dass es sich um Repulsion (Ekel) handelt. Zuletzt lief dieser bahnbrechende psychologische Horrorfilm 1998 bei der Berlinale, als Catherine Deneuve ihn für ihre Hommage im Zoo-Palast auswählte. Das betagte Großkino vibrierte förmlich unter dem Knarzen des langsam einbrechenden Lebensraums der Protagonistin. Bei der Erstaufführung 1965 erhielt der noch wenig bekannte Polanski den Regiepreis, während der Goldene Bär an Jean-Luc Godard ging – für Alphaville mit Eddie Constantine. Dafür gewann Polanski 1966 in Berlin mit Cul-de-sac.

1960 hatte Godard in Berlin für Außer Atem einen Regiepreis er-halten. Die Entdeckung der Nouvelle Vague für die internationale Festivalwelt gehört zu den unbestrittenen historischen Verdiensten der Berlinale, auch David Thomsons Retro-Auswahl erweist dem Klassiker seine Reverenz. Thomson zeigt aber auch einen der schönsten jener unechten Nouvelle-Vague-Filme, die Mitte der Sechziger Jahre unter dem Einfluss der befreiten Erzähl-, Aufnahme- und Montagestile in vielen Ländern entstanden. Der Pole Jerzy Skolimowski realisierte 1967 in Belgien den atemlosen experimentellen Spielfilm Le Départ: Ein hinreißend lebendiger Jean-Pierre Léaud erobert darin als unbefriedigter Friseur das mit einem Mal aller Muffigkeit entledigte Brüssel und noch dazu seine bildhübsche Partnerin Catherine Duport – obwohl er sich eigentlich nur für Autos interessiert. Aber was gibt es noch zu erobern, wenn man ein Mädchen dazu bringen kann, sich mit einem bei einer Automobilausstellung im Kofferraum einzuschließen? Der Goldene Bär, den es für einen derart verspielten, dem Ernst der großen Kunst ebenso wie dem Renommee des gehobenen Massengeschmacks gänzlich abgeneigten Film damals gab, wäre noch heute eine mutige Entscheidung.

Den Sechziger Jahren war im Jahre 2002 die größte Berlinale-Retrospektive aller Zeiten gewidmet, ein cinephiles Fest mit über 160 Archivschätzen, oft Entdeckungen, die aus den persönlichen Empfehlungslisten internationaler Filmforscher hervorgingen. David Thomsons Auswahl kann diese nachhaltig inspirierende Entdeckungsreise kaum wiederholen, nicht nur weil die Retrospktive am Expansionsdrang des Festivals nicht teilhaben durfte und nur über einen Bruchteil des Etats von 2002 verfügt. Wie Monumente der kanonisierten Filmgeschichte stehen in seinem Programm unbestrittene Meisterwerke wie Renoirs The River, Bressons Pickpocket, Antonionis La notte, Tatis Les Vacances de Monsieur Hulot (Die Ferien des Monsieur Hulot), Powell/Pressburgers The Tales of Hoffmann oder Oshima Nagisas weit über das Jahr 1975 tabubrechender radikaler Liebesfilm Ai no corrida neben Konsensfilmen, für die man mit weit weniger Leidenschaft eintreten kann: De Sicas Il Giardino dei Finzi Contini (Der Garten der Finzi Contini), Paul Thomas Andersons Magnolia, Terrence Malicks The Thin Red Line, Walter Salles Central do Brasil oder Zhang Yimous Das rote Kornfeld, letzterer zugegeben histo-risch bedeutsam für den Einzug der chinesischen Filmkunst in den internationalen Festivalzirkus. Zu Recht erinnert Thomson an den Berliner Startschuss für die Weltkarriere Wong Kar-wais im Forum – aber wichtiger als Fallen Angels war hier wohl sein früherer Film Chungking Express. Thomson fällt es leicht, künstlerisch umstrittene Wettbewerbsfilme der letzten Jahre zu zeigen, wenn sie ihm selbst gefal-len haben (Sarah Polleys Away from Her, Bertrand Taverniers L’appât, Christian Petzolds Yella), aber er kann sich nicht durchringen, auch jene sogenannten Skandalfilme einer Neubewertung auszusetzen, die nicht mehr leicht zu sehen sind: Reinhard Hauffs Justizdrama Stammheim, von dem sich 1986 Jurypräsidentin Sophia Loren offen distanzierte, oder Michael Verhoevens Anti-Vietnamdrama O.K., das 1968 George Stevens in gleicher Funktion dazu veranlasste. Zwar gab es später einen Rechtsstreit um die Drehbuch-Idee, doch eine Aufführung der im Münchner Filmmuseum erhaltenen Kopie wäre leicht zu rea-lisieren gewesen.

Dabei sind beide Filme nicht nur im Kontext der politischen Kontroversen, die sie auslösten, für die Geschichte der Berlinale wichtig. Da die Kritik an ihnen stets auch ästhetisch formuliert wurde, man ob des Aussagewillens einen spezifisch filmischen Formwillen vermisste, sollte man sie auf der Leinwand wieder sehen. Vielleicht könnte uns bei einem Wiedersehen ja gerade das Theatrale und Lehrstückhafte dieser Filme als Gegenmodell zu gegenwärtigen Geschichts-Ilustrationen erscheinen. So-wohl Hauff als auch Verhoeven traten mit ihren Filmen nicht in Konkurrenz zu allseits verfügbaren Medienbildern, sie besetzten Dunkelzonen mit temporären Platzhaltern. So wollten sie zum Denken anregen, ohne – wie es die heutigen Eichinger-Produktionen anstreben – Denkmäler zu setzen. Als einziger „Skandalfilm“ ist Michael Ciminos inzwischen gänzlich rehabilitiertes Meisterwerk The Deer Hunter zu sehen, der bei seiner Berlinale-Aufführung 1978, als patriotisch missverstanden, zum Abzug vieler osteuropäischer Delegationen führte.

Man liest erstaunlich wenig über die Geschichte der Berlinale aus David Thomsons Filmauswahl heraus. Die meisten der 37 Langfilme dieser Retrospektive sind derart geläufig, haben eine so reiche eigene Rezeptionsgeschichte, dass man sie kaum mehr mit der Berlinale assoziieren würde. Statt Fassbinders Erfolgsfilm Die Ehe der Maria Braun wäre entweder sein damals weithin verkanntes Debüt Liebe ist kälter als der Tod oder der Bärengewinner Die Sehnsucht der Veronika Voss interessant gewesen – aber offenbar wollte man die Reihe lieber mit der Hommage an Hanna Schygulla verzahnen.

Einige Entdeckungen aber gibt es, persönliche Lieblingsfilme Thomsons, die dennoch kaum auf einen vielstimmigen Fürsprecher-Chor vertrauen können: Alain Tanners In der weißen Stadt (1983), Rainer Stroms DDR-Film Die Frau und der Fremde, Alf Sjöbergs Fräulein Julie (1950, für Thomson zu Recht interessanter als der schwedische Bären-Gewinner Sie tanzte nur einen Sommer von 1952, Sergeij Paradshanows imposantes Leinwandgemälde Die Legende der Festung Suram (1984) oder auch Aleksandr Sokurovs bei weitem bester Film des vergangenen Jahrzehnts, Solnze (Die Sonne, 2004). Man kann nicht aufhören, das Loblied auf Satyajit Ray zu singen, der mit Charulata vertreten ist, weil Thomsons Favorit Ashanti Sanket (Ferner Donner), der Gewinnerfilm von 1973, nicht als Filmkopie verfügbar war.

Aber ist es eigentlich möglich, eine Festivalgeschichte in per-sönlichen Lieblingsfilmen zu erzählen? Mehr als andere Festivals ist die Berlinale auch ein Festival der ungeliebten Filme. Sie ist das forderndste, ja unliebsamste Festival, weil ihrer Auswahl nicht zu trauen ist. Es gibt dort so viele Kuratoren, dass man sein eigener Kurator werden muss, das Sehenswerte suchen um den Preis oft schmerzhafter Fehlgriffe. Ja, ein paar Lieblingsfilme bleiben schließlich übrig als trotzige Eroberungen. Man gibt sie nicht mehr aus der Hand, weil man so schwer daran gekommen ist. Doch wenn man sie in eine Liste setzt, dann ergeben sie eher ein Bild von uns selbst als das eines großen Festivals.