Yamaguchi Yoshiko, Li Xianglan, Ri Ko Ran, Shirley Yamaguchi, Otaka Yoshiko: fünf Namen, fünf Identitäten, eine Person. Die japanische Schauspielerin, Sängerin, Journalistin und Politikerin feierte kürzlich ihren 90. Geburtstag. Die bizarre Chronik eines wahrhaft bewegten Lebens.
Die tief sitzenden Ressentiments zwischen China und Japan, die bis heute immer wieder hohe Wellen schlagen, wurzeln – nicht nur, aber vor allem – in der japanischen Aggression während des Zweiten Weltkriegs, in den Gräueltaten, die von japanischen Soldaten unter dem Deckmantel der „Befreiung“ der asiatischen Brüder und Schwestern verübt wurden, und in der Tatsache, dass von japanischer Seite kaum Anstrengungen zur Wiedergutmachung unternommen wurden. Im Gegenteil: In japanischen Schulbüchern wird diese Zeit nach wie vor weitgehend ausgeklammert, und Veteranen der Kaiserlichen Armee pilgern immer noch Jahr für Jahr zum Yasukuni-Schrein im Tokyoter Bezirk Chiyoda, wo nachweislich auch mehreren überführten und verurteilten Kriegsverbrechern gehuldigt wird.
Yamaguchi Yoshiko hatte mit diesen Gräueltaten nichts zu tun. Doch das Leben der Schauspielerin und Sängerin, die später als TV-Journalistin und von 1974 bis 1992 auch als Parlamentsabgeordnete für die mächtige Liberaldemokratische Partei (deren Anhänger mehrheitlich Befürworter des Totenkults am Yasukuni-Schrein sind) tätig war, ist von diesen Geschehnissen regelrecht überschattet. Geboren wurde Yamaguchi am 12. Februar 1920 in Fushun in der nordostchinesischen Provinz Mandschurei als Tochter japanischer Eltern. Die Mandschurei war eine – nicht zuletzt wegen ihres Reichtums an Bodenschätzen – zwischen China, Russland und Japan stets umkämpfte Region, die zeitweilig völlig autonom war. 1931 besetzten die Japaner das Gebiet und riefen einseitig den Staat Mandschukuo aus, dessen „Regent“ der abgedankte letzte chinesische Kaiser Pu Yi war (die Geschehnisse sind, wenngleich stark verkürzt, auch aus Bernardo Bertoluccis Monumentalfilm bekannt), und der international kaum Anerkennung fand. In diesem Marionettenstaat, der bis 1945 existierte, begann die junge Japanerin im zarten Alter von 13 Jahren ihre Karriere. Sie hatte eine Gesangsausbildung bei einem italienischen Sopran genossen. Ihr Bühnenname war Ri Ko Ran, eine Transliteration ihres chinesischen Namens Li Xianglan, den sie nach ihrem Patenonkel, einem chinesischen General, der mit den Japanern kollaborierte, trug. Rasch wurde man auf die junge Dame aufmerksam, und 1937 trat die 17-Jährige in die Manshu Eiga Kyokai (Manchu Film Association) ein, deren Aufgabe es war, Propagandafilme für die japanische Besatzungsmacht zu drehen. Es war dies übrigens das Jahr, in dem die japanische Armee das berüchtigte Massaker von Nanjing mit bis zu 300.000 Todesopfern anrichtete.
Die guten Bösen
Unter der Führung des rechtsgerichteten Offiziers Amakasu Masahiko (bei Bertolucci dargestellt von Sakamoto Ryuichi), der in den Zwanziger Jahren bei der Erschießung eines angeblichen Kommunisten und seiner Familie in Tokyo eine unrühmliche Rolle gespielt hatte, wurden im Filmstudio große Anstrengungen unternommen, die „guten Absichten“ Japans in Mand-schukuo und China zu demonstrieren. Namhafte Regisseure und Schauspieler aus Japan wurden immer wieder eingeladen, sich an diesen Bemühungen zu beteiligen. Yoshioka Yasunori, auch er ein hoher Offizier, wegen seiner schlanken Taille „The Wasp“ genannt, war nicht nur der offizielle „Aufpasser“ über den Marionetten-Kaiser, sondern ebenfalls in die filmischen Aktivitäten involviert. Yamaguchi wollte von den eher düsteren Seiten der beiden Herren nichts bemerkt haben, wie sie 1989 in einem Interview mit dem niederländisch-britischen Journalisten Ian Buruma zu Protokoll gab: „Natürlich hatte ich die Geschichten gehört, dass Amakasu ein Killer sei, aber für mich war er ein echter Gentleman, ein Mann von Prinzipien. Und Yoshioka wurde immer als besonders böse dargestellt, aber ich fand, er war ein sehr freundlicher Mann – ein wahrer Soldat natürlich, aber sehr warmherzig. Beide liebten die Chinesen.“ Diese milde Einschätzung, die kaum jemand teilt, mag ihre Gründe haben: Die perfekt zweisprachige junge Frau mit ihrem japanisch-chinesischen Background kam dem Studio wie gerufen, und man hatte große Pläne mit ihr. 1938 debütierte sie in Mi yue kuai che (Honeymoon Express) als – selbstverständlich chinesische – Braut. Im selben Jahr wurde sie auch in Japan präsentiert. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie japanischen Boden betrat. Ihr chinesischer „Look“ war so echt, dass sie von einem rassistischen Grenzbeamten wüst beschimpft wurde. Doch die „chinesische Sängerin“, die „so gut Japanisch“ sprechen konnte, entzückte die Japaner, und mit Ri Ko Rans Karriere ging es steil aufwärts.
Einer ihrer bekanntesten Filme, Shina no yoru (China Nights bzw. Chinese Nights bzw. Shanghai Nights) aus dem Jahr 1940, war ein Propaganda-Vehikel, in dem eine junge chinesische Waise von einem edlen japanischen Matrosen vor mehreren bedrohlichen Trunkenbolden gerettet wird. „Eigentlich“ hasst das Mädchen die Japaner, die ihr Land überfallen und ihren Vater getötet haben, aber der nette Matrose überzeugt sie von den lauteren Absichten der „asiatischen Brüder“, und sie verliebt sich in ihn.
Der Film wurde bei Japanern und Chinesen gleichermaßen ein großer Erfolg, und Yamaguchi war reif für höhere Aufgaben. Man transferierte sie nach Shanghai, das inzwischen von Japan besetzt war. Im dortigen Filmstudio traf sie auf einen Mann namens Kawakita Nagamasa, einen – kurioserweise – erklärten Sinophilen, der deswegen angeblich auch auf Amakasu Masahikos „Todesliste“ stand. Er hatte die schwierige Aufgabe, japanische Propaganda zu drehen, die aber auch den Chinesen gefallen sollte. Auch hier war Ri Ko Ran / Li Xianglan hilfreich: Im gemeinsamen Film Bansei ryuho (For Glory and Fame Everafter) geht es um den historischen Opiumkrieg zwischen China und dem britischen Empire, und die Bösen sind nicht die Chinesen, sondern natürlich die Europäer. Ri Ko Rans schmachtendes Lied über die schrecklichen Gefahren des Opiumrauchens wurde ein Hit, und angeblich gefiel der Film sogar Mao Zedong.
Wie sehr sich die Identitäten der Schauspielerin bisweilen vermischten, zeigt eine Episode aus dem Jahr 1943: Als ein junger Reporter bei einer Pressekonferenz in Beijing fragte, wie sie als Chinesin in japanischen Propagandafilmen mitwirken könne (wie fast alle anderen Chinesen wusste der Mann nichts von ihrer japanischen Herkunft), geriet sie in ein Dilemma, wie sie Buruma im Interview anvertraute: „Ich hatte die Frage erwartet, aber sie stürzte mich in Konfusion. Ich wollte ihnen sagen, dass ich Japanerin bin, ich wollte alles gestehen, obwohl man mich gewarnt hatte, das zu tun. Meine Gedanken wurden immer verwirrter. Mehrere Sekunden vergingen. Die Atmosphäre wurde zusehends angespannt. Schließlich antwortete ich in ganz natürlichem Tonfall: ‚Ich war jung. Ich wusste nicht, was ich tat. Ich bereue es. Ich möchte mich bei Ihnen allen entschuldigen. Bitte, verzeihen Sie mir! Ich werde es nicht wieder tun’“. Das sagte sie mit 23, und mit 26 wäre ihr Leben beinahe zu Ende gewesen. Sie wurde von den chinesischen Nationalisten des Hochverrats angeklagt, weil man sie auch nach Kriegsende noch immer für eine Chinesin hielt, die mit den Besatzern kollaboriert habe. Ihren Beteuerungen, sie sei Japanerin, glaubte man nicht – so überzeugend hatte sie ihre „Rolle“ in all den Jahren gespielt. Erst eine in letzter Sekunde herbeigeschaffte japanische Geburtsurkunde belegte ihre wahre Herkunft – und Yamaguchi Yoshiko musste ihr „Heimatland, mein geliebtes China“ (Zitat) verlassen. Sie war nun endgültig zur Japanerin geworden, auch wenn die Erinnerung an ihre einschmeichelnden, im sanften Rhythmus von Rumba, Tango oder Walzer vorgetragenen Lieder auch heute noch vielen älteren Chinesen die Tränen der Rührung in die Augen treibt.
Von Hollywood nach Vietnam und zurück
Doch mit ihrer Flucht aus China waren die Abenteuer der Yamaguchi Yoshiko noch lange nicht vorbei – ganz im Gegenteil. Sie heiratete den bedeutenden japanisch-amerikanischen Bildhauer Noguchi Isamu und zog nach Los Angeles. Unter dem Namen Shirley Yamaguchi reüssierte sie auch in Hollywood. Dort war man (wie auch die US-Außenpolitik) inzwischen dazu übergegangen, den ehemaligen Todfeind Japan „liebevoll“ zu umarmen, der Japan-Fimmel trieb zum Teil bizarre Blüten. Man denke an Marlon Brandos schauderhaft „lustige“ Darstellung eines Japaners in Daniel Manns 1956 entstandenem Teahouse of the August Moon oder an Joshua Logans Sayonara (1957), wieder mit Brando, diesmal gottlob als US-Offizier. Der Grund für den Sinneswandel war ebenso simpel wie vordergründig: Die Japaner hatten sich dem Diktat der Siegermächte zu beugen und wurden ein wertvoller Verbündeter der USA im Kampf gegen den Kommunismus in China, Vietnam und Korea. Für Yamaguchi, die auch bei Kurosawa Akira (Shubun/Scandal, 1950) spielte und anderswo unverdrossen weiter die Vorzeige-Chinesin gab (Shanghai Woman, 1952), war diese Zeit ideal: Sie war in King Vidors Japanese War Bride (1952) als ebensolche zu sehen, wie übrigens auch in Samuel Fullers House of Bamboo (1955). 1956 spielte sie am Broadway in dem allerdings kurzlebigen Tibet-Kitsch-Musical „Shangri-La“ (nach dem Film Lost Horizon von Frank Capra). Obwohl Yamaguchi zum Tee bei Eleanor Roosevelt zu Gast war, mit Chaplin und James Dean befreundet war, geriet sie zwischendurch – es war immerhin die Zeit der „Hexenjagd“ in Hollywood – selbst in den Verdacht, Kommunistin (!) zu sein, weil sie sich bei der Hochzeit mit Noguchi gegen die amerikanische Staatsbürgerschaft entschieden hatte. Sowieso aber hatte Hollywood bald genug von seiner Japan-Zuneigung (in Blake Edwards’ Breakfast at Tiffany’s, 1961, spielt Mickey Rooney bereits wieder eine üble rassistische Karikatur eines Japaners), und Yamaguchi Yoshikos Filmkarriere endete bezeichnenderweise und recht unspektakulär in Hongkong mit der Tolstoi-Adaption Yi ye feng liu (The Unforgettable Night, 1958), in der sie noch einmal als Li Xianglan auftrat.
Inzwischen von Noguchi Isamu geschieden, startete sie ihre dritte Karriere: Sie wurde Fernsehjournalistin mit einem Faible für „heiße“ Einsätze in Vietnam, Kambodscha und besonders im Nahen Osten, im Libanon, in Ägypten, Jordanien, Syrien und Israel. Ab 1967 war sie Moderatorin und Gestalterin der beliebten TV-Show „Sanji no anata“ („You at Three O’Clock“). Sie heiratete einen Diplomaten und wurde (nochmals) berühmt mit einem exklusiven Interview, das sie 1976 mit Leila Khaled führte, jener Palästinenserin, die 1969 als erste Frau ein Flugzeug (von Rom nach Athen) entführt hatte. Dabei hatte sie die Kühnheit, den Piloten einen Umweg über Haifa fliegen lassen, ihre Heimatstadt, aus der man sie, so Khaled im Interview mit Otaka, „im Alter von drei Jahren vertrieben“ hatte.
Auch als Parlamentsabgeordnete der Liberaldemokratischen Partei, die mehr als 50 Jahre lang (mit einer kurzen Unterbrechung) Japan regierte, ehe sie 2009 eine katastrophale Niederlage hinnehmen musste, setzte sich die Ex-Schauspielerin für die Sache der Palästinenser ein, ein Engagement, das sie im Interview mit Buruma so erklärte: „Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag die Juden, sie sind talentiert und haben einen starken Überlebenswillen, aber sie haben kein Recht, anderer Menschen Land zu okkupieren.“ Aus dem Munde von jemand, der einer brutalen Besatzungsmacht in ihren propagandis-tischen Unternehmungen mehr als nur behilflich war, ist das eine ziemlich starke Aussage. Ähnlich Seltsames findet sich in ihrer 1987 erschienen Autobiografie „Ri Ko Ran: Watashi no hansei“ („Ri Ko Ran: My Life“, eigentlich: „Meine Selbstbezichtigung“). Wenig aufschlussreich war auch die 2007 in Japan ausgestrahlte Mini-TV-Serie Ri Ko Ran, die sich vor allem am Mythos der berühmten Frau abarbeitete. So blieb es Ian Buruma vorbehalten, mit seiner im September 2008 bei Penguin in London erschienen, allerdings mit fiktiven Elementen angereicherten Biografie „The China Lover“ ein Schlaglicht auf dieses bemerkenswerte Leben zu werfen, das sich nahezu über das gesamte 20. Jahrhundert erstreckt. Die ganze Wahrheit über all die bizarren Wendungen dieses außergewöhnlichen Schicksals kennt allerdings wohl nur die Frau, die derzeit Otaka Yoshiko heißt.
