3-D

MacGuffin, dreidimensional

| Georg Haberl |

Das Kino auf dem digitalen Jahrmarkt

Delmer Daves hatte ein Problem. Es war 1953, und er musste einen Film in Cinemascope drehen. Darryl F. Zanuck, der allmächtige Produzent, glaubte damit eine Waffe gegen das aufkommende Fernsehen gefunden zu haben. Die Regisseure waren etwas ratlos, was den Umgang mit dem neuen Format anging. Daves erzählte amüsiert von seiner Lösung (nachzulesen in „Filmkritk” 217, Januar 1975): Er inszenierte wie immer, rechts und links stellte er jedoch römische Vasen in den Set. Das so entstandene Sandalenepos Demetrius and the Gladiators (1954) wurde ein großer Erfolg. Es ist nicht nur purer Zufall, dass Alfred Hitchcock den Thriller Dial M for Murder genau in diesem Jahr in 3-D drehte. Dass sich historisch gesehen nur das Breitwandkino durchgesetzt hat, ist der betriebswirtschaftlichen Kostenrechnung und nicht der Filmästhetik geschuldet.

Comeback von 3-D

Durch den Einsatz von Computertechnologie, durch die Digitalisierung der Aufnahme- und Reproduktionstechnik im vergangenen Jahrzehnt sind neue Wege der filmischen Darbietung entstanden. Es ist daher kein Wunder, dass das Thema 3-D ebenfalls wieder auftaucht. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass in der Computersimulation, insbesondere in der Architektur, aus naheliegenden Gründen 3-D eingesetzt wird, um „realitätsnäher“ zu sein. Technisch gewendet heißt es schlicht: je schneller der Chip, desto mehr Realität. 3-D ist zunächst ein Rechenproblem. Das gilt für den Film gleich im doppelten Sinne. Denn unser Gehirn muss die projizierten Bilder ja berechnen. Bleiben wir zunächst zweidimensional: Wir haben gelernt, Bilder als räumliche Repräsentation zu lesen. Die Entwicklung der Zentralperspektive in der Renaissance – auch hier spielte Architektur eine entscheidende Rolle – ist eine der Grundvoraussetzungen für das Lesen von Bewegtbildern. Das heißt: Unser Gehirn rechnet die Räumlichkeit des Bildes aus; darauf basiert letztendlich auch die Dreidimensionalität im Kino. Als weiterer Rechenparameter kommt die Koordination der unterschiedlichen Bilder für das rechte und das linke Auge hinzu. Das wird in der Rezeption bei Unschärfen immer als unangenehm empfunden, weil das menschliche Gehirn ja schließlich ein scharfes Bild räumlich berechnen will.

Der unglaubliche Erfolg von James Camerons Avatar zeigt, dass die Idee des 3-D-Kinos vor allem einen ökonomischen Charme besitzt. Und so ist auch die Auseinandersetzung über diesen Film kaum über ästhetische oder erzählerische Kategorien bestritten worden, sondern mittels Technologie, also mit den Möglichkeiten der Wirtschaftskraft.

Cameron selbst bezeichnet seinen Film als „global entertainment“, also mit einer Terminologie aus der Wirtschaftsberichterstattung. Globalisierung bedeutet in diesem Kontext, dass man sich dem Marktdruck einer liberalen Wirtschaftsordnung zu fügen hat. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wem oder was man sich dabei fügen muss.

Auf der anderen Seite liest man von einem neuen Programm der Independent Filmmakers Corporation, die am Sundance Festival vorgestellt wurde. Mit einer Distribution über das Internet („on demand download”) versucht man, neue Wege zum Rezipienten zu finden, da für viele kleinere Produktionen der Weg ins Kino zunehmend durch global orientierte Filme versperrt wird. Es erscheint ein einigermaßen kurioser Aspekt zu sein, dass die Filme, die man aus wirtschaftlichen Überlegungen mittels Digitaltechnik in die Kinos hievt und jene, die nicht mehr den Weg ins Kino finden, und deshalb mittels digital stream an die Rezipienten gebracht werden sollen, auf die gleiche Entwicklung zurückzuführen sind. Unter „Digital Turn“ versteht man die zunehmende Durchdringung unseres gesamten Lebensbereiches mit Systemen, die internetbasiert sind und auf Digitalisierung beruhen. Film ist hier in zweifacher Hinsicht betroffen, einerseits bei der Produktion durch Einsatz von Computersimulation, andererseits – und für uns Zuschauer wichtiger – in der Distribution, weil neue Kanäle für die Verbreitung von filmischen Produkten aller Arten zur Verfügung stehen, bis hin zur Darstellung an mobilen Endgeräten. Und noch immer haben wir keine ästhetischen Kriterien zur Bewertung des Verfahrens 3-D gebraucht.

Ohne „Nichts“ kein Film

Verblüffung ist, so entnimmt man einigen Foren, in denen über Avatar diskutiert wird, das vorherrschende (positive) Verdikt. Besonders hervorgehoben wird, dass immer wieder „ganz realistisch“ Dinge „auf einen zugeflogen kommen“, dass man „sich ducken musste“. Als 1896 Lumières Zug in den kinematografischen Aufführungen auf die Zuschauer zufuhr, sollen diese – so geht die Legende – in Panik verfallen sein. Vergessen wir nicht, dass zu dieser Zeit der Kinematograf ein Jahrmarktsphänomen war, eine „Novelty“, die bestaunt wurde. Man ging in ein Panorama, um quasi „in einem Bild zu sein“ und war schon allein von der Bewegtheit des Bildes beeindruckt. „Eine Ansichtskarte, die sich bewegt“, wie es so schön ausgedrückt wurde.In Camerons Avatar geht es um die Ausbeutung des fiktiven Planeten Pandora, der das Metall Unobtanium beherbergt. Es wird dort gegen den Willen der Ureinwohner abgebaut und ist für die Menschheit der Zukunft irgendwie ganz wichtig. Es geht also genau genommen um nichts, aber ohne dieses „Nichts“ gäbe es den Film nicht. Alfred Hitchcock nannte so etwas einen MacGuffin, eine Sache oder Ding, die man nicht erklären kann oder muss, die aber die Handlung des Filmes ermöglicht. Seine berühmt gewordene Definition, die er 1939 gab, lautete deshalb: „Ein MacGuffin ist ein Gerät, mit dem man im schottischen Hochland Löwen fangen kann.“

Sehen wir es also so: 3-D ist ein MacGuffin, der die Zuschauer ins Kino lockt. Es ist die technische Behauptung der Wichtigkeit eines Ortes für das filmische Vergnügen. Heiligt also das Kino die Mittel? Nicht ganz. Noch immer kann man wählen, wo man sich über Film informiert – in „Film Comment“ oder in der „Business Week“.

Dr. Georg Haberl ist Pressesprecher von IBM Österreich, Vorstandsmitglied von Synema, war Mitbegründer der Zeitschrift „FilmLogbuch“ und langjähriger Lehrbeauftragter am Institut für Publizistik- und Kommunikatonswissenschaft der Universität Wien.