Vor dem Hintergrund religiöser Machtkämpfe vollendet sich das Schicksal der Philosophin Hypatia als pädagogischer Kostümschinken.
Hypatia, cirka 370 bis 415, Philosophin. Führte die platonische Tradition zu Alexandria fort, indem sie dort, als erste Frau, Vorlesungen über Platon, Aristoteles und andere Denker hielt. Wurde trotz ihrer ungewöhnlichen gesellschaftlichen Stellung vom christlichen Pöbel ermordet. – Der kleine Pauly, eine Instanz unter den Antiken-Lexika, weiß nicht eben viel zu berichten über die Person, die im Mittelpunkt von Alejandro Amenábars dementsprechend wild spekulativem Film Agora steht.
Vielleicht wurde Hypatia ja gerade wegen ihrer besonderen Position ermordet? Als Frau, die in der Öffentlichkeit sprach; als Philosophin, die zweifeln musste, um zu Erkenntnissen zu gelangen; als einflussreiche Figur, die das Vertrauen des römischen Präfekten genoss. Und als Heidin in einer Zeit der Kultkonkurrenz, in der sich die Frühkirche organisierte und es zu blutigen Pogromen gegen Andersgläubige kam.
Amenábar benutzt die legendäre Gestalt der antiken Philosophin, um seinem Publikum einen fernen Spiegel vorzuhalten. Er erzählt von politischen Machtkämpfen, innerhalb derer das Christentum sich gnadenlos und gewalttätig gegen Judentum und heidnische Praktiken durchsetzte. Er will die Erkenntnis vermitteln, dass die Anhänger aller Religionen zu allen Zeiten des Fanatismus fähig sind und dass es egal ist, ob der solcherart verblendete und verhetzte Pöbel dann „Halleluja!“ oder „Allahu akbar!“ schreit. Er trägt Eulen nach Athen. Er dreht einen in seinem lehrenden Gestus geradezu streberhaft wirkenden Film, dessen hehrem ideellen Anliegen ausgerechnet die prachtvolle Oberfläche in Gestalt von Ausstattung, Kostüm und Rachel Weisz in der Rolle der Hypatia immer wieder den Rang abzulaufen drohen.
Freilich unternimmt Weisz, was sie kann – und bekanntlich ist das nicht wenig –, um ihre Figur, die vom Drehbuch in ein Liebes-Triangel gestellt wird, vor der Banalität der reinen dramaturgischen Funktion und Botschafts-Projektionsfläche zu retten. Es gelingt ihr nicht immer, zu formelhaft konstruiert und zu berechenbar ist der Verlauf der Handlung, zu konventionell ist der Aussagewert einzelner Szenen. Das eigentliche Verdienst von Agora ist, an die große philosophische Tradition zu erinnern, die mit dem Sieg des einen Gottes über die vormaligen vielen in Bedrängnis geriet. Daran, dass der Nabel der Welt nicht der Mensch ist, ja, nicht einmal die Erde. Und an das Wunder, dass wir nicht allesamt von unserer runden Kugel herunterfallen.
