Überlegungen zu der Figur Freddy Krueger und einer Filmserie, anlässlich des Remakes von „A Nightmare on Elm Street“.
One – Two – Freddy’s coming for you;
Three – Four – Better lock your door;
Five – Six – Grab your crucifix;
Seven – Eight – Better stay up late;
Nine – Ten – Never sleep again.
Freddy Krueger ist verbrannt. Sein Gesicht ist schauerlich anzusehen. Er trägt einen löchrigen, grün-rot quergestreiften Pullover und einen schlapp gewordenen Hut. Seine Rechte steckt in einem alten Lederhandschuh, an dem vier scharfe Klingen befestigt sind. Mit diesen Klingen zerfetzt er die Träume Heranwachsender, diese Klingen rammt er den Träumenden in den Leib. Wer träumt, dass er von Kruegers Klingen durchbohrt wird, der wacht nicht mehr auf.
Freddy Krueger wurde 1984 in Wes Cravens A Nightmare On Elm Street geboren. In der kommenden Dekade entstanden insgesamt sechs Fortsetzungen, in denen Genealogie und Mythologie der Figur, meist unter Zuhilfenahme religiöser Motive, fortgesponnen wurden. Den würdigen Abschluss der Saga lieferte wiederum deren Erfinder: Wes Craven’s New Nightmare fand 1994 zu einer poetologischen Erklärung des horrenden Phänomens und der von ihm angerichteten blutigen Gemetzel.
Die A Nightmare on Elm Street-Filme um Fred Krueger stellen – neben der Halloween-Reihe um Michael Myers sowie der Friday the 13th–Serie um Jason Voorhees – Meilensteine des Slasher-Subgenres dar, das seine Hochblüte in den Siebziger und Achtziger Jahren erlebte. Auf Remakes von Horrorfilmen dieser Periode hat sich die Produktionsfirma Platinum Dunes spezialisiert. Nach Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre, Stuart Rosenbergs The Amityville Horror, Sean S. Cunninghams Friday the 13th und anderen trifft es nun also Wes Cravens A Nightmare On Elm Street, mit dessen Neufassung der Werbe- und Musikvideo-Regisseur Samuel Bayer sein Spielfilmdebüt gibt. Dieser neue Nightmare… ist ein weiteres uninspiriertes, lustloses und damit überflüssiges Remake eines Klassikers geworden, an dem weiter nichts zu beklagen war als sein Alter. Angesichts des regelmäßigen Scheiterns der Nachschöpfungen an den Originalen stellt sich dem geplagten Zuschauer die Frage, ob Geschwindigkeit und Hightech-Special-Effects tatsächlich derart wichtige erzählerische Gestaltungsmittel sind, dass Film um Film einer ebenso zwanghaften wie nutzlosen Modernisierung unterworfen werden muss.
Freilich, wer das Original heute sieht, bekommt ein echtes (und eher größeres) Problem mit der Mode der Achtziger Jahre, also mit ausladenden Fönfrisuren, ausladenden Schulterpolstern und einladend abgeschnittenen Shirts, aber da muss man eben durch. Weil man für seine Mühe belohnt wird mit einem handwerklich tadellosen Horrorfilm; einleuchtend, gruselig, voller Fallen und mit einer monströsen Bedrohung – einem träumende Teenager tötenden sadistischen Widerling – im Zentrum, deren Hinterlist und Gemeinheit ihrer Brutalität in nichts nachstehen. Das Spiel mit dem Realen und dem Irrealen, das aus dieser Handlungsmaxime folgt, wird in Nightmare… derart perfide gespielt, dass bald schon nicht mehr eindeutig zu entscheiden ist, was Traum und was Wirklichkeit eigentlich sind. In Begleitung von Fred Krueger ist die Welt ein auf dem Kopf stehendes Tollhaus. Unermüdlich erfinden die Nightmare…-Filme für das plötzliche Umkippen von Wirklichkeit in Alptraum neue Bilder und Situationen und halten sich dabei an keinerlei immerhin einmal selbst aufgestellte Regeln. Ein Vergnügen, das des Öfteren in der totalen Desorientierung des Zuschauers mündet. Grenzen sind hinfällig, die Opfer verfangen sich in Traumschleifen und laufen im Kreis, das Erwachen wird zum Erwachen in immer noch einem weiteren Alptraum, der Boden unter den Füßen entschwindet und ein phantastischer Abgrund tut sich auf, Türen öffnen sich ins Nichts, als eigentlich alles in Ordnung scheint, und plötzlich ist er wieder da – und spreizt die Klingenfinger mit jener unvergleichlichen Bewegung.
Whatever you do – don’t fall asleep!
Zu Beginn der Geschichte ist Fred Krueger der unstete Geist eines gelynchten Kindermörders, der zurückkehrt, um Rache an denjenigen zu üben, die seinem Treiben auf Erden ein scheinbares Ende bereitet haben. Bald aber reicht die Geschichte vom Wiedergänger nicht mehr aus, die unbedingte Mordlust des bösen Buben zu erklären, und der dritte Teil, Dream Warriors (Chuck Russell, 1987), macht uns vertraut mit seiner Entstehungsgeschichte: Krueger wurde von einer Dienerin Gottes, einer jungen Nonne, geboren, die in einem Irrenhaus versehentlich mit dem verkörperten Bösen, den wahnsinnigen Verbrechern, eingeschlossen worden war. So wird der Bastard Krueger zum Dämon, einem mit ungeheurer Macht ausgestatteten Abgesandten der Unterwelt, dem es die göttliche Abkunft erlaubt, die Welt der Sterblichen immer wieder aufs Neue mit Heimsuchungen zu erschüttern.
In der Folge wird die Legitimation von Kruegers Existenz immer komplizierter, die Erklärungen für sein beständiges Wiederauftauchen ebenfalls – „he must have found some other way“, heißt es in diesem Zusammenhang dann recht gern. Eine Rekapitulation im Einzelnen sprengt jedoch den gegebenen Rahmen und mit dem Verweis auf die Kohle, die die Serie in die Kasse der produzierenden Firma New Line Cinema gescheffelt hat, wird dieser Punkt hiermit abgeschlossen. Es ändert ja auch die Frage danach, ob sich das Wirrwarr aus mythologischen Fragmenten, psychologischen Fetzen und visuellem Wahnsinn letztlich tatsächlich unter den Hut der Kohärenz bringen ließe, nichts an dem Umstand, dass Krueger nicht tot zu kriegen ist.
Die kolossal einleuchtende Erklärung für das ganze Chaos findet schließlich Wes Craven: Das Wesen des Bösen, der Mord an der Unschuld, sei in der Erzählung gefangen und „when the story dies, the evil is set free“. Die Geschichte von Fred Krueger muss also immer wieder erzählt werden, um Fred Krueger zu bannen. Folgerichtig bannt der siebte und letzte Teil den Dämon in das Ende des paradigmatischen Märchens von Hänsel und Gretel und verbrennt ihn einmal mehr. Wenn es schließlich heißt „We’re safe, the witch ist dead!“, ist das wiederum eine der zahlreichen, in der Serie gebetsmühlenartig eingesetzten Beschwörungsformeln, und der unbedingte Glaube an die Macht des Wortes ist es, der einen hier dann doch ein wenig überrascht.
Der Körper der Angst
Über die Jahre entwickelt sich die Figur zu einem Bestandteil der Popkultur: Fred Krueger sei so bekannt wie der Weihnachtsmann oder King Kong, äußert Lieblingsopfer Nancy in Cravens abschließender Meta-Ebenen-Spiegelfechterei. Doch die Tatsache, dass Krueger zunehmend zum Bindeglied zwischen Jux und Splatter domestiziert wird, zum von den Fans liebevoll „Pizzaface“ genannten „Freddy“, dessen Markenzeichen alberne Einzeiler sind, sollte einen nicht täuschen. Der Stoff, der um die Figur herum entsteht, ist nicht nur immer auf der Höhe der Tricktechnik inszeniert und mit großer Lust an erzählerischer Anarchie und der Irreführung der Zuschauer gestaltet, er bietet auch gedankliche Abwechslung. (Abgesehen davon, dass man sich bei jedem der Filme über den genauen Ablauf der Ineinander-Verschränkungen von Traumwelt und realer Welt zuverlässig das Gehirn verbiegen kann.)
Beispielsweise wendet sich im vierten Teil, The Dream Master (Renny Harlin, 1988), die Funktion des Spiegels als Kruegers bevorzugtes Einfallstor in die Lebenswirklichkeit seiner Opfer gegen den Dämon selbst. Die schüchterne Heldin Alice – die man sich als Verwandte von Lewis Carrolls Alice denken sollte, wie ja im übrigen auch die Krueger’schen Alptraumwelten ein hinter den Spiegeln angesiedeltes Wunderland des Grauens sind – hält Krueger den Spiegel vor und vernichtet ihn (natürlich nur bis zum nächsten Film). Zuvor aber muss sie lernen, sich selbst zu sehen. Erst dann kann sie zu jenem entschlossenen Sprung durch den Spiegel ansetzen, der die geglückte Vereinigung und Beherrschung der irrationalen und der rationalen Seiten ihres Bewusstseins darstellt. Erst dann hat Alice im Kampf mit Krueger eine Chance.
Es ist also der selbstgewisse Blick des gesellschaftsfähigen Subjektes, das alle beunruhigenden Anteile des menschlichen Wesens aus seiner Reflexion ausgeblendet hat, der Krueger, der ja nichts anderes ist als die Gestalt unserer Abgründe, auf der anderen Seite festhält, ihm sozusagen die Tür vor der Nase zuschlägt. Ab diesem Moment der Initiation (auch Erwachsenwerden genannt) ist der Spiegel für Krueger nicht mehr durchlässig, nur erleben ihn in den Nightmare…-Filmen die wenigsten.
It’s all over
Von all diesen ebenso spielerisch wie komplex verwendeten Bezügen auf die abendländische, mythisch-religiöse Erzähltradition ist im vorliegenden Remake nichts, aber auch gar nichts mehr zu spüren. Stattdessen versucht es Samuel Bayer mit der Psychologisierung und knüpft damit ausgerechnet an den sechsten und schwächsten Film der Reihe an, an Freddy’s Dead (Rachel Talalay, 1991), der den Traumwelt-Terroristen auf menschliches Maß schrumpfte, als das Ergebnis lebenslang andauernder Misshandlung und Erniedrigung erklärte, und damit trauriges Zeugnis von der Folklorisierung der Figur ablegte.
Leid tut es einem angesichts des von Bayer abgelieferten Desasters insbesondere um Jackie Earle Haley in der Rolle, die Robert Englund unsterblich gemacht hat. Haley gibt sich redlich Mühe, dem neuen Fred Krueger Kontur und Charakter zu verleihen, aber auch er kommt nicht dagegen an, dass man den mächtigen Dämon auf die geschwätzige Rache-Inkarnation eines widerlichen kleinen Kinderschänders zurückgestutzt hat. Dessen Opfer leiden unter kollektiver Totalamnesie, die im Lauf des Films allmählich brüchig wird. Wie nicht anders zu erwarten, treibt dieser Unfug dem Unterfangen den ganzen Schrecken aus und erzeugt gähnende Langeweile sowie fundamentalen Unglauben. Auch wird der Grusel nicht durch unberechenbare Ebenenwechsel erzeugt, sondern durch die üblichen öden Billig-Erschrecker, begleitet von den üblichen öden Schock-Soundeffekten.
Das alles ist sehr traurig und einer Filmfigur von diesem Kaliber nicht würdig. Am besten, man deckt den Mantel des Schweigens darüber und schaut sich stattdessen an, wie im Original Johnny Depp in einer seiner ersten Rollen als Krueger-Opfer einen fulminanten Abgang hinlegt.
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