Muezzin Dokumentarfilm, Österreich 2009

Filmkritik

Muezzin

| Günter Pscheider |

Dokumentarfilm über drei Muezzine, die an einem Gesangswettbewerb teilnehmen.

Sebastian Brameshubers Konzept für seinen ersten langen Dokumentarfilm ist durchaus originell: Er folgt drei Muezzinen aus Istanbul zuerst bei der Vorausscheidung, dann beim Finale zu einem nationalen Wettbewerb, bei dem die beste Stimme eines Gebetsrufers ermittelt wird.

Aus der Frage, wer gewinnen wird, ergibt sich ein natürliches dramaturgisches Gerüst, zusätzlich erfährt man einiges über das Leben der Männer, die täglich fünfmal die Gläubigen zum Gebet rufen. Ihre mächtigen Stimmen sind zwar allgegenwärtig, man bekommt sie aber nie zu Gesicht. Die Protagonisten werden als Durchschnittstypen eingeführt, natürlich sind sie gläubige Muslime, aber ihre Spiritualität erschöpft sich im inbrünstigen Gesang. Ansonsten scheinen sie ein durchaus pragmatisches Verhältnis zu ihrer Religion zu pflegen, auch wenn einer betont, dass das Gefühl des Singens beim Wettbewerb nie das gleiche sein kann wie in der Moschee. Die Regeln des doch reichlich kuriosen Sängerwettstreits vor zahlreichen Zuschauern erscheinen ähnlich arbiträr wie bei Talentwettbewerben vom Schlag „Starmania“. Für manche Juroren ist eine hohe Stimme das Nonplusultra, so hat einer der Protagonisten, mit seinem tieferen, aber vollen Organ von vornherein keine Chance.

Es werden sehr viele Themen – das schwierige Verhältnis des Islam zur Musik, die Konkurrenz der einzelnen Muezzine um die Jobs bei renommierten Moscheen, die Bedeutung ihres Gesangs als Kunstform und die Gründe ihrer Berufswahl sowie ihr Leben in den klassisch patriarchal organisierten Familien – angerissen, aber leider versäumt es der Regisseur, sich auf eine oder zwei der Fragen zu konzentrieren. Vielleicht hätte er die Charaktere der Protagonisten stärker in den Mittelpunkt stellen sollen – die Distanz zu den drei Männern bleibt immer spürbar –, statt sowohl die Vorausscheidung als auch die Finalrunde des Wettbetens zu zeigen.

Es ist zwar verständlich, dass Sebastian Brameshuber keine einfache dramaturgische Lösung bezüglich der drei Wettbewerbsteilnehmer, die als unterschiedliche Charaktere um den Sieg kämpfen und mit denen man je nach Identifikationspotenzial mitzittert, haben wollte. Trotzdem sind die einfachsten und formelhaftesten Lösungen oft nicht die schlechtesten. So wirkt der Film ein wenig wie ein unfertiger Fleckerlteppich, der aber dennoch einen interessanten Einblick in wenig bekannte Details einer anderen Kultur bietet.