Mit Verspätung beschäftigt sich auch das US-Kino mit dem sensiblen Thema Immigration.
Asylwerber werden hierzulande wie im restlichen Wohlstandseuropa gerne von Boulevardmedien und politischen Hasardspielern mit Kriminellen gleichgesetzt und für schnelle politische Zwecke missbraucht. Umso stärker ist der kulturelle Gegenwind: Der europäische Film beeindruckt regelmäßig mit formidablen Produktionen, die Schicksale von Immigranten nachstellen oder dokumentieren. In den USA besteht in diesem Bereich Nachholbedarf: Obwohl sich im Zuge des „War on Terrorism“ der Hass gegen alles Ausländische entlud, stand filmisch zunächst die Aufarbeitung der Kriegspleite im Irak auf dem Drehplan. Mit seiner zweiten Regiearbeit The Visitor packt Schauspieler Tom McCarthy das heiße, wenn auch nicht unbedingt publikumswirksame Eisen an.
Im Mittelpunkt steht der verschlossene Wirtschaftsprofessor Walter Vale, großartig verkörpert vom bislang komödiantisch tätigen Richard Jenkins. Nach dem Tod seiner Frau reist Walter zu einem Kongress nach New York. In seinem Apartment wird er von zwei Fremden überrascht: Der aus Syrien stammende Tarek (Haaz Sleiman) und seine senegalesische Freundin (Danai Gurira) sind einem Betrüger, der ihnen die Wohnung vermietet hatte, auf den Leim gegangen. Nach anfänglichem Misstrauen lässt Walter die beiden bei sich wohnen. Die Offenheit und Lebenslust Tareks stecken den konservativen Professor schnell an, völlig entfesselt taucht er ein in eine fremde Welt. McCarthy gelingt es hier, dramaturgische Fallstricke geschickt zu umschiffen. Die Annäherung zweier unterschiedlicher Lebenseinstellungen und Kulturen vollzieht sich in The Visitor glaubhaft und mit der nötigen Sensibilität. New York ist hier, so wie es ist: bunt und schmutzig, offenherzig und verschlossen. Doch die Idylle währt nicht lange: Tarek wird verhaftet und in ein Internierungszentrum (bei uns: Schubhaftgefängnis) gesteckt. Wie sich herausstellt, befindet er sich schon längere Zeit als „Illegaler“ in den USA. Walter und der Zuschauer müssen erleben, dass auch im Einwanderungsland Nummer eins eine scharfe Trennlinie zwischen erwünscht und unerwünscht gezogen wird. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, in dem McCarthy eindrucksvoll die Widersprüchlichkeit und den Zynismus (an der Wand der Haftanstalt prangt: „The strength of America – its immigrants“) der US-amerikanischen Asylpolitik aufzeigt. Leider verschwimmt die ernsthafte Dimension zusehends zu Gunsten einer Liebesgeschichte zwischen Walter und Tareks Mutter. In Erinnerung bleibt freilich die Willkür eines Systems, das Menschen wie Schachfiguren hin- und herschiebt.
