Twilight

Vampire

Sympathy for the Devil

| Bettina Schuler |

Seit „Interview with the Vampire“ beschäftigen sich Vampire mit Fragen menschlicher Moral. Konservativer Tiefpunkt in dieser Hinsicht: die „Twilight“-Saga.

Zärtlich streichelt Lestat (Tom Cruise) die Ratte, die friedlich auf seinem Schoß sitzt, bis er ihr urplötzlich mit einer kurzen Geste das Genick bricht. Genüsslich lässt er ihr Blut in das Weinglas seines Gefährten Louis (Brad Pitt) tröpfeln, der gierig danach greift und hastig einen Schluck trinkt, um es dann angewidert abzusetzen. „Ich weiß“, antwortet der versnobte Lestat mitleidig, „sie werden viel zu schnell kalt.“

Vampire, die sich anstatt von Menschenblut von tierischem ernähren, das war 1994, als Interview with the Vampire in die Kinos kam, noch ein Novum. Denn bis dato hatten sich ordentliche Vampire wie Christopher Lee oder der berühmt berüchtigte Bela Lugosi als Graf Dracula immer nur von einem ernährt: dem Blut ihrer menschlichen Opfer. Doch mit der Verfilmung des ersten Teils von Anne Rices zehnbändiger Romanserie „The Vampire Chronicles“ hat mit Louis de Pointe du Lac ein völlig neuer Vampirtypus die Leinwand betreten: ein Untoter, der mit seinem Schicksal als blutsaugendes Ungeheuer hadert und wie ein Mensch von seinem Gewissen geplagt wird. Aus Respekt vor dem menschlichen Leben versucht er sich ausschließlich von tierischem Blut zu ernähren. Doch im Gegensatz zu seinem Nachfolger Edward Cullen aus Stephenie Meyers Vampirzyklus, gelingt es ihm nicht dauerhaft, gegen seine Natur anzukämpfen. Und so kehrt er nach vier Jahren der Entbehrung zu seinem ursprünglichen Ernährungsverhalten zurück, obwohl sich nach jedem Biss sein Gewissen bei ihm meldet.

Louis de Pointe de Lac ist der erste Vampir der Filmgeschichte, der versucht, sich an den moralischen Werten der menschlichen Gesellschaft zu orientieren, obwohl sein ganzes Sein ein Affront gegen diese ist. Louis ist ein guter Vampir, der sich gegen die Amoralität seiner Natur wehrt, und an dessen Geschichte sich herrlich zeigen lässt, dass es möglich ist, seine inneren, bösen Triebe zu beherrschen. Wobei die Blutgier des Vampirs als Bild für den menschlichen Sexualtrieb zu verstehen ist.

Schon von jeher wurde sowohl in der Literatur als auch im Film das Vampirbegehren nach Blut mit der sexuellen Begierde gleichgesetzt. Der finale Biss versteht sich in diesem Konnex als Metapher für den irreversiblen Verlust der Jungfräulichkeit. Sehr schön zeigt sich diese Analogie in einer Szene aus Interview with the Vampire: Eine junge Prostituierte räkelt sich genüsslich in den Armen des charmanten Lestat, während dieser sie in aller Ruhe aussaugt. Die Szene demonstriert, wie unverhohlen mit der Figur eines Vampirs unter dem Deckmantel des Horrors explizite Sexszenen geschildert werden können, in die man zudem sadomasochistische Elemente einfließen lassen kann.

Die Vampire selbst werden dabei gern (wie Tom Cruise alias Lestat) als charmante, gut aussehende Playboys charakterisiert, die ihre weiblichen Opfer, wenn sie erst von ihrem Blut gekostet haben, gnadenlos sterben lassen. Eine einfache Parabel auf ein klischeehaftes Männerbild, dem zufolge der Mann die Frau, sobald er ihr die Unschuld geraubt hat, links liegen lässt. Den Zuschauerinnen wird so die biedere Moral mit auf den Weg gegeben, dass es besser sei, sich für die Ehe aufzuheben, weil man sonst gesellschaftlich tot sei.

Diese veraltete Moral stellt auch bei den Stephenie-Meyer-Filmen einen zentralen Aspekt dar: Hauptfigur Edward (Robert Pattinson) will seine geliebte Bella (Kristen Stewart) erst beißen, wenn sie miteinander verheiratet sind. Und das, obwohl er sich wahnsinnig zu ihr hingezogen fühlt und sich nichts sehnlicher wünscht, als mit ihr ins Bett zu gehen.

Das wird gleich zu Beginn des ersten Teils der Saga, Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen sehr deutlich visualisiert, indem Edward Bella in der Schul-Cafeteria einen roten Apfel, das Urbild der Sünde, anbietet. Bella lehnt ab, denn noch kann sie seinem Werben widerstehen. Das ändert sich freilich, wenn sie erst einmal von der Frucht der Lust gekostet hat, sprich, Edwards Kuss erwidert hat. Nachdem er ihre Leidenschaft entfacht hat, wird es fortan Edwards Aufgabe sein, dafür zu sorgen, dass die beiden nicht zu weit gehen, damit Bella nicht ihr Menschsein, sprich: ihre Jungfräulichkeit verliert. Eine Rollenverteilung, die sich durch alle Teile der Filmreihe zieht und die sehr deutlich das gender-konservative Rollenmuster widerspiegelt, das in den Twilight-Filmen transportiert wird: Die Frau als der emotionale, schwächere Part innerhalb der Beziehung, die stets vom Mann beschützt werden muss, der mit seiner Kraft und rationalen Überlegenheit die Situation im Griff hat. Hat Bella sich mal wieder in eine gefährliche Situation manövriert, ist Edward zur Stelle.

Edward ist das komplette Gegenteil jener Vampire, die in Joel Schumachers The Lost Boys (1987) die ganze Stadt terrorisieren und es in vollen Zügen genießen, wegen ihres Schattendaseins ungestraft gegen alle Regeln verstoßen zu können. Mit ihren hochtoupierten Haaren, schwarzen Lederjacken und bauchfreien weißen T-Shirts erinnern diese weniger an Blutsauger denn an Popstars aus einem New-Wave-Musikvideo und bieten somit ein großes Identifikationspotenzial für die jugendlichen Zuschauer. Denn die Vampirgang um den coolen Obervampir David (Kiefer Sutherland) lebt genau jene Wildheit aus, die den Kids auf Grund gesellschaftlicher Konventionen verboten ist und die gemeinhin als böse verurteilt wird: Sie liefern sich mit ihren schnellen Motorrädern riskante Rennen, trinken, rauchen und zelebrieren die notwendige Tötung ihrer Opfer mit einer sinnlosen Brutalität, aus der sie immense Lust ziehen. Am Ende muss auch in The Lost Boys die böse Gang sterben, das Mädchen wird von dem guten Jungen gerettet und bleibt aus Dank bei ihm – sodass die jugendlichen Zuschauer verstehen, wie sehr es sich lohnt, an moralischen und gesellschaftlichen Werten festzuhalten.

In den Twilight-Filmen wird diese konservative Message noch getoppt, indem der Vampir, das personifizierte Böse, sich gleich selbst unter Kontrolle hält und sich nicht gegen die Gesellschaft wendet, sondern im Gegenteil alles daran setzt, dazu zu gehören. Er steht eben für den Jugendtypus der 2010er Jahre, in denen Jugendliche nicht mehr so wie in den 1980ern versuchen, sich äußerlich wie innerlich von ihren Eltern abzusetzen und erst nach einer kurzen Phase der Rebellion bereit sind, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Edward ist anders als Michael (Jason Patric) in The Lost Boys, der zunächst um jeden Preis von der faszinierend wilden Vampirgang akzeptiert werden will. Erst nach und nach registriert Michael, was hinter der coolen Fassade steckt, und entscheidet sich für die Gesellschaft und gegen das Leben als Outsider.

Im Fall von Twilight, New Moon und Eclipse gibt es diesen Reifungsprozess nicht. Bella und Edward haben sich nie innerlich von ihrer Familie distanziert, sondern immer schon nach gesellschaftlichen Konventionen gehandelt. Sie stehen als Symbol für die heutige Generation, die sich vor allem eines wünscht: nicht außen vor zu bleiben. Die aus Angst vor dem sozialen Abstieg und dem Scheitern auf dem Arbeitsmarkt keine Zeit mehr hat, sich selbst zu finden.

Edward steht für seine Generation, die sich in wirtschaftlich unruhigen Zeiten und einer undurchschaubaren, globalisierten Welt nach veralteten traditionellen Werten sehnt, an denen sie sich orientieren kann. Eben genau jenen Werten, die Edward, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurde, mit in die neue Welt bringt. Dazu passt das romantisierte Bild, das in Twilight, New Moon und Eclipse von der Familie Cullen entworfen wird. Dazu passt auch Bellas sehnlicher Wunsch, endlich zu dieser eingefleischten Gemeinschaft zu gehören. Nichts kann diese Familie auseinander bringen, sie hält stets zusammen, sogar dann, wenn ein Familienmitglied eine fragwürdige Entscheidung trifft.

Indem Edward sich mit dem Menschenkind Bella eingelassen hat, bringt er die ganze Familie in Gefahr. Als zwei fremde Vampire sich über Bella hermachen wollen, sehen die Cullens sich genötigt, sie zu schützen. Nur Rosalie (Nikki Reed), Edwards Vampirschwester, versteht das nicht. Wutentbrannt fragt sie, warum sie für Bella so eine Gefahr eingehen solle. Worauf Carlisle (Peter Facinelli), das Oberhaupt der Familie Cullen und der Erschaffer Edwards, entgegnet: „Bella gehört zu Edward. Sie ist jetzt ein Teil der Familie.“ Diskussion beendet.

Ein Gutteil des Erfolgs der Twilight-Saga mag dem anämischen Schönlingsreiz von Robert Pattinson geschuldet sein. Doch schon die Bücher von Stephenie Meyer waren vor allem bei Frauen und Mädchen rasend erfolgreich. Der traurige Schluss liegt nahe, dass ein Großteil der weiblichen Zuschauerschaft immer noch (oder wieder?) von einem klassischen männlichen Beschützer mit Macho-Allüren träumt, der die Frau von der Stelle weg heiratet und mit übermenschlichen Kräften auf Händen trägt. Dass es auch anders geht, zeigt die HBO-Serie „True Blood“: In der ersten Folge bewahrt die kesse Sookie (Anna Paquin) den Vampir Bill (Stephen Moyer) vor dem Sterben.