Bereits 2008 trat Klaus Hundsbichler als Dokumentarist der österreichischen Musikszene in Erscheinung: Sein Film Weltrevolution über die Kult-Formation Drahdiwaberl konnte selbst in jenen Regionen überzeugen, wo man noch nie zuvor von der Skandaltruppe rund um Mastermind Stefan Weber gehört hatte. Schon damals lobte das Feuilleton Hundsbichlers Fähigkeit, relevante Geschichten jenseits des eigentlichen Themas Musik zu erzählen. Im Fall von Drahdiwaberl waren diese Seitenstränge vor allem kunst- und gesellschaftspolitischer Natur.
Nun hat sich der Regisseur das nächste Prunkstück der heimischen Musiklandschaft vorgenommen: Gypsy Spirit ist ein Film über Österreichs unumstrittenen Gitarren-Hero Harri Stojka. Doch anstatt in der Erinnerungskiste des österreichischen Rock’n’Roll zu wühlen oder die dramatische Familiengeschichte der Roma-Familie Stojka aufzuarbeiten, hat Hundsbichler einen ganz anderen Kunstgriff gewagt: Er fuhr mit Harri Stojka und dessen Musikerkollegen Moša Šišic nach Indien, um die Wurzeln der Gypsy-Kultur freizulegen. Für die ungewöhnliche Reise griff sogar Produzenten-Institution Rudolf „Purzl“ Klingohr nochmal zur Kamera und steuerte einige Sequenzen bei.
Die gute Nachricht zuerst: Hundsbichler ist ein gewaltiges, hochästhetisches Bildepos gelungen, das einmal mehr seine cineastische Inszenierungsgabe im Musik-Genre unter Beweis stellt. Und auch in puncto Soundtrack stehen die österreichisch-indischen Musik-Kollaborationen unter der Ägide von Harri Stojka in einer Reihe mit Wim Wenders Buena Vista Social Club. Doch es gibt auch eine schlechte Nachricht: Offenbar wollte man den Protagonisten als milden World-Music-Onkel stilisieren, der inmitten einer fremden Kultur, in fremden Städten, unter fremden Menschen aufblüht – ein Ansinnen, das ob des bekanntermaßen eigenwilligen Charakters des Musikers scheitern muss. Aber immerhin: Wie Harri Stojka passiven Widerstand leistet und virtuos gegen seine „Rolle“ grantelt, ist ein Highlight für sich.
Im Interview spricht die Musiker-Legende in gewohnt unverblümter Manier über sein Verhältnis zum Publikum, die neue Rolle als Doku-Protagonist, seine Angst vorm Alleinsein und über Scheißerei in der Wüste.
Macht es einen stolz, wenn man Gegenstand eines Films ist? Oder ist das doch eher beängstigend?
Harri Stojka: In erster Linie ist es harte Arbeit. Wir haben bei 50 Grad gedreht, ein Wahnsinn … Ich habe viele Sachen erlebt und Instrumente kennengelernt, die ich vorher noch nicht einmal gesehen habe. Da gab’s in kleinen Dörfern Virtuosen, die eigentlich auf eine große Bühne gehören … Es war in erster Linie lehrreich.
Der Film hat ja deinen Namen sogar im Titel. Verspürt man da nicht den Druck, dass der Erfolg von einem höchstpersönlich abhängt?
Harri Stojka: Nein, den Erfolg kann ich nicht beeinflussen. Ich bin nicht einer, der in die Öffentlichkeit geht und das Publikum sucht – das Publikum muss mich finden. Anders geht’s nicht. Das wäre einfach nicht ich. Den Stress, den Film zu verkaufen, haben Gott sei Dank andere.
Biografische Filme haben immer so etwas Endgültiges …
Harri Stojka: Wir waren einfach nur auf der Suche nach Gypsys. Wir haben versucht Menschen zu finden, die dieselbe Sprache wie wir sprechen (Romanes, Anm.). Für mich war es eigentlich ein harter Job. Bei 50 Grad denkst du nicht an die philosophische Dimension eines biografischen Films. Da bist du nur froh, wenn du wieder ins Hotel kommst.
Klingt strapaziös.
Harri Stojka: Urlaub war’s sicher keiner! Ich war fünf Wochen in Indien: Zwei Wochen filmen und drei Wochen auf Tournee. Nachher habe ich wirklich geglaubt, ich muss ins Sanatorium. Jeden Tag um fünf Uhr aufstehen, bis zehn Uhr drehen, dann kommt die Riesenhitze und ab vier wieder Drehen. Die Tournee war überhaupt ein Wahnsinn. Wir sind zickzack über die Landkarte geflogen. Ich habe geglaubt, ich sterbe.
Es gibt ja eine Szene, in der du meinst, du hättest Angst, wenn du alleine unterwegs bist. Gab’s in Indien einen Moment, wo du Angst hattest?
Harri Stojka: Nein, wenn meine Frau neben mir ist, habe ich vor gar nichts Angst. Aber ich könnte mir nie vorstellen, die Koffer zu packen und alleine eine Weltreise zu machen. In New York habe ich mir mal gedacht: Ich würde jetzt gerne ganz alleine auf den Broadway gehen. Meine Band soll daheim bleiben, meine Frau soll daheim bleiben, nur ich und der Broadway. Aber ich habe mich nicht getraut. Unmöglich.
War das auch der Grund, warum Moša Šišic mit von der Partie war – dass du dich nicht in Indien fürchtest?
Harri Stojka: Wir haben den Moša mitgenommen, weil… Ja warum eigentlich? (denkt nach.) Wir haben uns gedacht, wir brauchen ein Gegengewicht zu meiner phlegmatischen Mentalität. Ich bin ein ruhiger Mensch, aber das ist zu wenig für einen Film, also nehmen wir einen echten Kasperl mit, der auch ein enger Freund ist. Und da gibt’s eigentlich nur den Moša. Er ist grandios, ein Naturtalent … wie er das Publikum einfängt, das könnte ich nie, das ist komplett gegen meine Natur.
Hattest du Heimweh?
Harri Stojka: Nein. Nur nach dem österreichischen Essen habe ich mich gesehnt. Weil die Schärfe ist für uns Europäer eine Katastrophe. Wir haben alle die Scheißerei gehabt. Der Moša hat in der Wüste sogar hinter den Strauch gehen müssen.
Filmsets sind ja mit vielen Restriktionen verbunden. Da hängt eine Riesen-Crew dran, die sich an Vorgaben halten muss. Ist es nicht unglaublich mühsam, ständig zu funktionieren?
Harri Stojka: Natürlich, weil auch Dinge von dir verlangt werden, die du im normalen Leben nicht tun würdest. Zum Beispiel immer lächeln oder mit fremden Leuten zu kommunizieren – das mach’ ich normalerweise nicht. Insofern war es schon eine Überwindung, weil ich eigentlich ein zurückhaltender Mensch bin, der nicht sehr viel redet. Mein Kollege Moša ist da ganz anders. Der geht auf die Leute zu, nimmt die Kinder auf den Arm … er macht das wirklich authentisch. Natürlich wollten sie, dass ich auch so bin…
Gab’s da Konflikte?
Harri Stojka: Nein. Der Purzl war wirklich irrsinnig bemüht, dass alles harmonisch abläuft. Außerdem haben wir gewusst, dass wir in einem Boot sitzen und miteinander auskommen müssen, weil ein Lagerkoller mitten in der Wüste eine Katastrophe wäre.
Der Arbeitstitel war „Back to the roots“. Dazu hätte es ja Anknüpfungspunkte gegeben, die nicht tausende Kilometer entfernt sind. Warum spielt der Film ausgerechnet in Indien?
Harri Stojka: Ganz einfach: Weil die Roma aus Rajasthan kommen.
Schon, aber warum stürzt man sich auf die Herkunft der gesamten Volksgruppe und nicht auf persönlichere Aspekte?
Harri Stojka: Ich wollte einfach an die ursprünglichste Quelle – ich wollte wissen, wo die Roma-Kultur eigentlich herkommt, ob’s dort noch Gypsys gibt und wie die leben. In Europa braucht man nicht viel Spurensuchen – wir sind hier die größte Minderheit.
Ich habe mir ehrlich gesprochen eine biografische Doku über Harri Stojka erwartet. Im Endeffekt ist Gypsy Spirit aber ein Musikfilm á la Buena Vista Social Club geworden. War das beabsichtigt oder hat sich das erst im Laufe der Dreharbeiten entwickelt?
Harri Stojka: Von mir aus wäre es in puncto Musik noch reiner gegangen. Ich hätte am liebsten einen Konzertmitschnitt gehabt. Zwei Stunden lang nur mir selber zuzuschauen, das wäre mein Traum. (Lacht.) Aber der Purzl hat gemeint, dass das nicht so interessant ist. Also haben wir eben einen Kompromiss gefunden.
In deiner musikalischen Vita ist der Gypsy-Aspekt eigentlich erst sehr spät erkennbar …
Harri Stojka: Angefangen habe ich in den Siebzigern in der Jazzrock-Szene, da war Gypsy überhaupt kein Thema. Da hat sich kein Mensch darum gekümmert, was Roma sind und woher die kommen. Durch meinen Papa hat mein Interesse begonnen. Wenn man älter wird, setzt man sich mehr mit seinem Volk und seiner Familiengeschichte auseinander. Die Roma haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und da musste ich auch meinen Beitrag leisten. 2000 fing es an, da dachte ich: Versuchen wir’s mal mit Gypsy-Musik. Wir haben dann den Christoph Moser von Hoanzl angerufen und der war sofort dabei. So ist die erste Gypsy-Platte von mir entstanden und auf einmal war ich nach zehnjähriger Durststrecke wieder zurück. Dass die ganze Roma-Musik international so viel Aufmerksamkeit bekommen würde, damit haben wir nicht gerechnet. Schau dir den Django Reinhardt an: Der wurde jahrzehntelang totgeschwiegen und heute eifert ihm jeder junge Gitarrist nach. Nicht mehr Heavy Metal und Rock sondern Synthie-Swing und Gypsy-Jazz. Natürlich werden mit der Aufmerksamkeit auch die Ressentiments größer. Ich habe an einer Diskussion mit Kids aus verschiedenen Ländern teilgenommen und eine Rumänin hat allen Ernstes gesagt, sie will mit mir nicht in einem Zimmer sitzen, weil ich Roma bin.
Und da bist du nicht ausgeflippt?
Harri Stojka: Naja, ein bisschen. Ich hab’ gesagt, wenn sie nochmal sowas von sich gibt, verlasse ich den Raum. Dadurch, dass wir Roma jetzt mehr „entdeckt“ werden, gibt es eben auch mehr Vorurteile. Man hört ja immer wieder Sager wie „Bei euch schaut’s aus wie bei den Zigeunern“. Erst gestern habe ich mit einem roten Politiker geredet, der irgendwas mit Gypsy machen will und meinen Namen braucht und bei dem war jedes zweite Wort „Zigeuner“. Ich frag ihn: „Warum sagst du sowas? Das heißt Roma.“ Und er antwortet allen Ernstes: „Ach wirklich?“
Fürchtest du dich eigentlich vor der Promo-Arbeit für den Film?
Harri Stojka: Überhaupt nicht, ich gebe gerne Interviews. Nicht weil ich mediengeil bin, sondern weil ich gerne über mein Leben erzähle. Als Musiker lebe ich auch von dem Rummel. Das einzige, was ich ein bisschen problematisch finde: Dass jeder Journalist irgendeine mystische Geschichte hören will – in Wirklichkeit war das alles ein beinharter Job. Wir sind nach Indien geflogen und haben dort gehackelt. Mystik gab’s höchstens in den Szenen, wo wir zusammen musizieren. Trotzdem muss man sich was zurechtlegen, damit die Journalisten nicht schreiben: Das ist eine fade G’schicht.
Es gibt einen Aspekt, der mich an dem Film stört …
Harri Stojka: Sag an!
Es wird dieser „Musik-eint-die-Völker“-Gedanke forciert. Das finde ich naiv.
Harri Stojka: Wer behauptet sowas?
Unter anderem ein indischer Musiker.
Harri Stojka: Die haben ihn halt interviewt und er hat gesagt, was er sich denkt. Außerdem: Die sehen das wirklich so family-mäßig. Wir waren mit den Indern, allesamt Männer, in einer Fußgänger-zone und dort haben sich zwei von ihnen, die sich vorher nicht gekannt haben, an den Händen gehalten und sind so spazieren gegangen. Wer geht von uns schon händchenhaltend mit einem Mann spazieren … Also ich nicht. Was bei denen also ehrlich gemeint ist, ist für uns vielleicht naiv.
Du bist jetzt Protagonist eines Kinofilms. Was kann da der nächste Schritt sein?
Harri Stojka: Noch besser Gitarre zu spielen. Das ist mein Credo, dafür bin ich auf der Welt. Außerdem will ich noch berühmter werden, das ist ja wohl legitim. Ich will wie jeder Musiker ein Superstar mit Engagements in London und Stretch-Limo sein. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.
