Einmal mehr als nur reden

Einmal mehr als nur reden

Einmal mehr als nur reden

| Gunnar Landsgesell |

Eine Gruppe österreichischer Idealisten reflektiert ihren Einsatz als Arbeitsbrigade in Nicaragua.

Im Jahr 1984 flogen 50 Österreicher und Österreicherinnen in einem Begeisterungsschub für die linksgerichteten Sandinisten (The Clash brachten immerhin ein Dreifachalbum heraus …) nach Nicaragua. Dort zimmerten sie, des Spanischen kaum mächtig, ein Monat lang ein großes Holzhaus und boten sich als menschliche Schutzschilder gegen einen möglichen militärischen Angriff an.

Anna Katharina Wohlgenannt hat die Spontanreisenden von damals aufgesucht, um die Frage nach den Hintergründen und Motivationen aus zeitlicher Distanz beantworten zu lassen. Die Ergebnissse sind recht unterschiedlich, einig sind sich hingegen alle, dass das politische Engagement an ein hohes Maß an Naivität gekoppelt war. Zu Beginn setzt der Film aus den einzelnen Stimmen eine Art kollektiver Erinnerung zusammen, die später, mit der Beurteilung des Erlebten, zerfällt. Der sparsame Einsatz der grobkörnigen, ausgebleichten Filmmaterialien der Achtziger Jahre samt den darin eingelagerten Sehnsuchtspotenzialen setzt einen teils deutlichen Kontrast zu den Erinnerungsstrategien der Erzähler heute. Dabei ist die Frage, wer sich heute distanziert oder den Einsatz gerne noch verklärt, im Zusammenhang mit den heutigen Lebensverhältnissen der Aktivisten spannend zu beobachten. Eine Rekonstruktion der damaligen politischen Ereignisse liefert Einmal mehr als nur reden nicht. Es geht um subjektive Eindrücke, um Erinnerungsfetzen und ein Gefühl für eine politische Haltung, die sich so wohl nicht mehr so leicht zu finden scheint. Die Gespräche mit den Leuten wurden einzeln geführt, das Bild einer Gruppe entsteht also erst in der Montage. Dass die Rollen der Männer und Frauen nicht gleich waren, mussten einige erst in Nicaragua erkennen. Repetitive Arbeit war, so eine Erinnerung, großteils Frauen vorbehalten, während die Männer sich als Konstrukteure und Kreative gefielen. Dass die Aktivisten von damals aber nach Nicaragua gegangen waren, um auch dort ein progressives Gesellschaftsbild zu promoten, ist nur einer der Widersprüche, die sich in diesem Projekt auftun.

Mit wie viel Skepsis der Film dem offenkundig recht unkritischen politischen Aktionismus begegnet, bleibt offen. Das schafft Raum. Während bei einigen Erinnerungen vor allem der Abenteueraspekt und das Erstaunen über die eigene Bereitschaft dazu im Vordergrund steht, beweisen ein heutiger Bio-Greißler und eine namenlos bleibende Frau, zu der im Film Found-Footage aus der Hausbesetzerszene zugespielt wird, ausgeprägtes Reflexionsvermögen. Sie kommen der Frage nach den Möglichkeiten gesellschaftlicher Kritik gestern und heute am nächsten und machen den ironischen Gehalt des Filmtitels deutlich. Wer sich dafür interessiert, ist in diesem Film richtig aufgehoben. Jene, die ein Zeitdokument der Sandinista suchen, sind mit The Clash besser bedient.