Können wir die Zukunft ändern, wenn wir sie kennen? Die erste und einzige Staffel der SciFi-Serie „Flash Forward“ ist auf DVD erschienen.
00:02:17 In Worten: zwei Minuten siebzehn Sekunden. Das ist nicht lang. Aber lang genug, um die Welt in ein infernalisches Chaos zu stürzen. Ein kollektives Blackout, das die gesamte Menschheit erfasst, steht am Beginn von „Flash Forward“, einer High-Concept-Serie, aufwändig produziert von den Machern von „24“ für das US-Network ABC.
„Flash Forward“ beginnt mit einem Flash Back. Ein Mann befreit sich aus einem Unfallwrack, in einer Rückblende erfahren wir, wie er in diese missliche Lage geraten ist. Es handelt sich um FBI Special Agent Mark Benford (gespielt von Ex-Shakespeare-in-Love Joseph Fiennes), und sogleich wird auch das wesentliche weitere Serienpersonal eingeführt: Marks Ehefrau Olivia – eine erfolgreiche Chirurgin; ihr suizidgefährdeter Kollege; ein alkoholkranker Exhäftling, dessen Tochter in Afghanistan gefallen ist; und Marks Partner Demetri. Was zunächst nach einer von Benford verursachten Massenkarambolage aussieht, zeigt sich in seiner gesamten Dimension erst, als die Kamera vom Close up in die Totale übergeht und man Los Angeles im Chaos versinken sieht.
Aber damit nicht genug: Während des Blackouts – stellt sich wenig später heraus – hatte (fast) jeder Mensch auf dem Planeten eine Vision seiner Zukunft. Genau genommen sah in den zwei Minuten siebzehn Sekunden jeder sich selbst in einem halben Jahr, jeder exakt am 29. April 2010 um 22.00 Uhr Pacific Time. Wie Mosaiksteine fügen sich die einzelnen Flash Forwards in ein „Bigger Picture“ und bringen die Ermittler näher an des Rätsels Lösung. Der programmierte Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
Das Besondere an dem Setup: Nicht die Aufklärung des Blackouts für die Öffentlichkeit entspinnt sich als zentrales Thema der Serie, sondern der ganz private Kampf gegen das eigene Schicksal. Dahinter steht die philosophische Frage, ob menschlicher Wille oder göttliche Fügung unser Leben bestimmen. Können wir unser Schicksal bewusst ändern, oder müssen wir uns mit dem abfinden, was unvermeidlich kommen wird? Anfangs scheint alles darauf hinauszulaufen, dass sich die Visionen – so unwahrscheinlich sie auch sein mögen – erfüllen. Aber es wäre nicht das neue Amerika – die Serie wurde 2009 im ersten Amtsjahr Barack Obamas gedreht – bestünde nicht Aussicht auf ein „Yes we can!“.
Sudden death
Parallelen zu „24“ drängen sich auf. Auch in „Flash Forward“ kämpft ein Mann gegen eine äußere unbekannte Bedrohung. Auch seine Biografie ist brüchig, Mark ist trockener Alkoholiker, ein Rückfall wäre das Ende seiner Ehe. Aber im Gegensatz zu Jack Bauer, der in den Bush-Jahren unmittelbar nach 9/11 seinen TV-Dienst antrat, will Mark Benford nicht Amerika, den Planeten oder die Menschheit retten, sondern seinen eigenen Arsch, seine Ehe mit Olivia und das Leben seines Partners Demetri. Die Zeiten haben sich eben geändert.
Mit der Serie selbst meinte es das Schicksal nicht so gut. Ursprünglich für HBO konzipiert, wurde das Format dann erst vom Mainstreamsender ABC in Auftrag gegeben. Das Network hoffte, mit „Flash Forward“ den Nachfolgehit für „LOST“ gefunden zu haben. Als allerdings nach anfänglicher Euphorie die Quoten einbrachen, entschloss man sich, die Serie nach den ersten 22 Folgen abzusetzen. Das merkt man: „Flash Forward“ endet nicht, sondern hört auf. Einige Erzählstränge werden nicht zu Ende geführt, vieles bleibt offen und alles deutet auf eine zweite Staffel hin – die aber eben nie kam.
Die Kritik, die zum plötzlichen Serientod geführt hat, ist leicht nachvollziehbar. Im Verlauf der späteren Episoden geht die anfänglich virtuos erzeugte Spannung in zu vielen Twists and Turns verloren, ständige Flash Backs und Flash Forwards erschweren es selbst ausgewiesenen Serienprofis, der Story zu folgen. Indem es sich überstrapaziert, wird das ohne Zweifel ingeniöse Konzept der Serie gleichzeitig zu ihrem größten Problem. Mehr Entschiedenheit und Linie in der Ausgestaltung des Plots hätten nicht geschadet – aber die Serienschöpfer Brannon Braga und David S. Goyer konnten halt nicht in die Köpfe ihres künftigen Publikums schauen. Nicht einmal für zwei Minuten siebzehn Sekunden.
