Das Regiedebüt des Comicautors Joann Sfar begibt sich auf die Suche nach den Identitäten der französischen Ikone Serge Gainsbourg.
Ob das kleine Mädchen es später wohl bedauert hat, ihn damals so schnöde abgewiesen zu haben? Wird sie sich, reifer geworden, Vorwürfe gemacht haben, dass sie die einmalige Chance auf Glamour und Ruhm ausschlug? Ob sie neidisch geworden ist auf seine späteren Gespielinnen? Nehmen wir einmal an, ihr Leben sei in normalen, bürgerlichen Bahnen verlaufen: Muss es sie da nicht manchmal mit Wehmut erfüllt haben, wenn sie in den Zeitungen oder im Fernsehen sah, wie furchtlos und publicityträchtig er aus den Konventionen ausbrach? Oder darf sie sich rühmen, ihn inspiriert zu haben? War es vielleicht auch ein wenig ihr zu verdanken, dass er zu einem Künstler wurde, den François Mitterand nach seinem Tod als den Baudelaire und Apollinaire der Gegenwart pries?
Damals jedenfalls gab sie sich sehr entschlossen. Dabei war sein Begehren schüchtern und harmlos, geradezu züchtig: Er fragte nur, ob er seine Hand in die ihre legen dürfe. „Nein, du bist zu hässlich“, wies sie ihn brüsk ab und gab damit seinem Leben womöglich eine ganz andere Richtung. Nach der Abfuhr entdeckte er zumindest seine zweite Leidenschaft: das Rauchen. Bei einem Zigarettenstummel, den er am Strand auflas, fand er Trost. Fortan sollte man ihn nie wieder ohne Zigarette im Mundwinkel sehen, er war so schwer von diesem Laster zu trennen wie ein anderes, nationales Kulturgut Frankreichs, Jacques Prévert.
Kein Biopic
Handelsübliche Künstlerbiografien bewegen sich zielstrebig zwischen zwei Fixpunkten: Sie gehen aus von einer Initialzündung (oft einer frühen Kränkung) und rollen sodann ein Leben von seiner vermuteten Bestimmung (dem Ruhm) her auf. Sie erforschen eine Existenz auf eine sinnhafte Struktur hin. Vielleicht ist die kleine, schüchterne Episode am Strand ja wirklich das „Rosebud“ in der Biografie von Serge Gainsbourg, der damals noch Lucien Ginsburg hieß. Wenn ja, dann hat der auch später nicht zu Schönheit geläuterte Musiker reichlich Vergeltung geübt am Leben. Er hat alles geerntet, was sein Metier an Ruhm zu bieten hat, hat das französische Chanson revolutioniert und dabei die schönsten Frauen Frankreichs erobert.
In Joann Sfars Film über Gainsbourg ist die schmerzliche Initiation am Strand jedoch nicht nur ein Versprechen, sondern ihm wohnt bereits die Erfüllung inne. In der letzten Einstellung liegt ein erstauntes Lächeln auf den Mundwinkeln seines Helden, eine heitere Verblüffung darüber, wie märchenhaft sein Leben verlaufen ist. Nur auf den ersten Blick fügt er sich ein in die Reihe von biopics, die im französischen Kino seit einigen Jahren Konjunktur haben. Seit dem Erfolg von La Vie en rose wird es nicht müde, seine Nationalhelden zu feiern: Coco Chanel (gleich zweimal), Edith Piaf, Françoise Sagan, den renitenten Clown Coluche und den legendären Aus- und Einbrecher Jacques Mesrine. Der Großteil dieser Filme verfährt wie die einschlägigen Vorbilder aus Hollywood. Sie schildern den Lebenskampf eines Künstlers, dessen Stil radikal mit den Konventionen bricht.
Dabei folgen sie einer paradoxen Konventionalisierung: Sie geben vor, von einer Ausnahmeexistenz zu erzählen, und suchen doch beharrlich nach deren nachvollziehbar menschlichen Zügen. Biografien, die heroisch aus dem üblichen Lauf der Dinge ausscheren, bereiten sie als allgemeingültige Geschichten über gemeisterte Hindernisse und Leid auf. Munter tilgen sie sämtliche Ambivalenzen.
Aber wie nur sollte das bei Gainsbourg möglich sein? Der Originaltitel von Sfars Film, Gainsbourg (Vie héroïque), legt ihn immerhin auf das Genre des Heldenlebens fest. Die frühen Episoden aus der Zeit der deutschen Besatzung machen unmiss-verständlich klar, dass Sfar seinen Helden nie als ein Opfer begreifen wird: weder der Nazis in seiner Kindheit, noch später seiner selbst. Als Erster erscheint der kleine Lucien vorwitzig bei der Stadtverwaltung, um sich den gelben Stern abzuholen, zu dessen Tragen die Vichy-Regierung alle Juden verpflichtet hat. Er heftet sich ihn wie eine Auszeichnung an die Brust, mit einer Geste, in der sich kindliche Arglosigkeit mischt mit dem instinktiven Gespür für die Provokation.
Erzählung oder Märchen?
Als Comicautor ist Sfar geübt im Genre der Künstlerbiografie, man denke an seinen Zyklus über Jules Pascin oder seine Auseinandersetzung mit Marc Chagall, deren erster Band während der Arbeit an seinem Kinodebüt entstand. Die hinreißend rauchenden Fische des animierten Vorspanns führen den Zuschauer gleich zu Beginn in seinen eigenen künstlerischen Kosmos ein, die verzerrten Perspektiven verraten später die unverwechselbare Handschrift des Zeichners.
In Gainsbourgs Kindheit weiß sich der Autor von „Die Katze des Rabbiners“ auf vertrautem Niveau – dem Milieu der jüdischen Einwanderer aus Osteuropa –; zumal er liebevoll Gainsbourgs künstlerische Anfänge als Zeichner herausstreichen kann. Danach jedoch ist sein Film nur noch vage biografisch, verzichtet auf Jahresangaben, die der historischen Orientierung dienen könnten und spart das zunächst bürgerliche Leben (immerhin zwei Ehen, aus denen zwei Kinder hervorgingen) aus und zeigt wenig Interesse an dessen zwei letzten Lebensjahrzehnten, in denen Gainsbourg wacker mit dem Alkohol und anderen Spielarten der Selbstzerstörung rang. Es braucht schon erzählerische Chuzpe, um das Unverzichtbare auszulassen: Wer sich auf seine skandalösen Fernsehauftritte freut (das Verbrennen eines 500-Francs-Scheins, die rüde Anmache Whitney Hustons sowie „Lemon Incest“, das Duett mit seiner Tochter Charlotte), wird seine Erwartungen im Kinosaal düpiert finden.
„Un conte de Sfar“ hat der Autor seinen Film genannt, womit er das Bedeutungsspektrum zwischen Erzählung und Märchen umreißt. Er hat die Bezeichnung auf Verlangen der Familie gewählt, die bislang alle Versuche zu verhindern wusste, Gainsbourgs Leben zu verfilmen. Sie dient Sfar als Freibrief. Ein erstes Zeichen seiner Nonchalance setzte er, als er Charlotte Gainsbourg die Rolle ihres Vaters antrug, die allerdings nach sechsmonatigen Proben aus emotionaler Erschöpfung aus dem Projekt ausschied. In Eric Elmosnino fand er einen trefflichen Ersatz, dessen Gesicht und mimetisches Körperspiel dem Vorbild gespenstisch ähneln.
Eine Nummernrevue
Mit seiner Lust am Fabulieren weiß er auch sonst Gainsbourg ganz auf seiner Seite. Er mischt die Kunstformen. Sein Film ist Konzeptalbum, Comic und Revuetheater zugleich. Die Rolle von „Gainsbarre“, dem kettenrauchenden, spöttischen Alter ego, das der Musiker sich später erfand, wird von einer riesenhaften Puppe verkörpert, der „Fresse“, die als dämonisches, selbstbewussteres Double fungiert. Ihren Ursprung hat sie in Karikaturen aus der Besatzungszeit; auch hier ist es, mit Sartre gesprochen, der Antisemit, der den Juden schafft. Die Figur des Doppelgängers ist ein schönes Stil- und Erzählprinzip für ein Künstlerleben, das sich in der Metamorphose konstituiert, im Wunsch, sich selbst ständig neu zu erfinden, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben: als Chansonnier, der sich erst dem Pop zuwendet, dann dem Reggae und am Ende gar dem Techno. Sfar verleiht Gainsbourg den Stolz des Außenseiters, der zeitlebens in sich den Widerspruch austrägt, dazu gehören zu wollen und sich gleichzeitig zu verweigern.
Sfar schildert die Eroberungszüge eines Schüchternen. Seine Begegnungen mit den begehrtesten Frauen seiner Zeit sind von fragiler Glaubwürdigkeit. Wie in einer Nummernrevue haben Elmosninos Partnerinnen nur ein, zwei Szenen Zeit, um ihren mythischen Figuren (Juliette Gréco, France Gall, Brigitte Bardot) Konturen zu verleihen. Erst mit Jane Birkin (Lucy Gordon) findet er ein tragfähiges Glück, das zeitweilig auch sein Alter ego verscheucht. Den erotischen Rencontres gebricht es an der Anzüglichkeit von Gainsbourgs Chansons. Sie sind keine skandalösen, obszönen Eskapaden, sondern werden gefilmt mit der großzügigen, schamhaften Schaulust der Sechziger Jahre. Dennoch besitzen sie große erotische Spannung. Wie alles in Gainsbourgs Leben beruhen sie auf der Idee der Provokation, legen dessen Frechheit und Verletzbarkeit wie einen Köder aus. Dass sie dem abweisenden Mädchen vom Strand gewiss nicht gefallen hätten, spricht keineswegs gegen den Film.
