Die Schöne und das Biest

Die Schöne und das Biest

Ein Mann wie eine Sofortbildkamera

| Dagmar Haier |

1991 wurde Disneys Beauty and the Beast als erster Animationsfilm für einen Oscar als Bester Film nominiert. Glen Keane schuf als Chef-Animator das Biest. Später entstanden zwei Sequels. Nun liegt die Trilogie in mustergültig aufpolierten Spezial-Editionen auf DVD und Blu-ray vor.

Wenn Schauspieler gefragt werden, wie das so ist als Bösewicht, wenn man mal so richtig die Sau raus lassen darf, bekommen sie meistens ein ganz eigenes Glitzern in den Augen, und die Mundwinkel werden asynchron, als wollten sie die Zähne blecken und unverbindlich lächeln gleichzeitig. Steht dann zufällig Glen Keane in der Nähe, wäre schon wieder ein neues Biest zu Papier gebracht. Der Disney-Veteran arbeitet seit 35 Jahren für das Studio und gestaltete so denkwürdige Figuren wie Professor Ratigan aus Basil, der große Mäusedetektiv, die Meerjungfrau Arielle, Aladdin, Pocahontas, Tarzan oder den John Silver aus Der Schatzplanet. Keane zählt mittlerweile zu den neuen „Disney’s Nine Old Men“. Schon 1991, als er „das Biest“ schuf, hatte der Mann ganz andere Visionen: 1981 hatte er gemeinsam mit John „Pixar“ Lasseter die ersten frühen Probeaufnahmen von Tron gesehen und träumte von da an – wie Lasseter – bereits von der Möglichkeit, etwas dreidimensional darzustellen. „Immer wenn ich etwas animiere, betrachte ich es wie das Zeichnen einer Skulptur“, meint Glen Keane und war mit dieser Auffassung von Trickfilm-Animation schon früh der heutigen 3D-Beseelung sehr nahe. „Glen ist wie eine Sofortbildkamera“, meint Byron Howard, einer der beiden Regisseure des aktuellen Disney-Animationsfilms Rapunzel – Neu verföhnt, „er braucht sich eine amüsante Pose bloß kurz anzusehen, und schon bringt er sie aufs Papier.“ Nathan Greno und Howard spielten den Animatoren einfach alles vor, und Keane konnte dank eines Digital Tablets bei der Sichtung von Probeaufnahmen direkt auf eine Computeranimation zeichnen.

Die Befreiung der Bestie

So einfach ging es seinerzeit bei der Entwicklung der Bestie nicht. Die Ansätze für das Ungeheuer waren so vielfältig wie die zahlreichen Varianten des Stoffes „La Belle et la Bête“ („Die Schöne und das Tier“ oder „Tausendschön“), der auf ein altes französisches Volksmärchen zurückgeht. Die bekannteste und immer noch romantischste Verfilmung ist die von Jean Cocteau mit Jean Marais als steinerweichend traurige Kreatur, und in einer norwegischen Fassung taucht sogar ein Eisbär als Biest auf. „Da war ein Büffelkopf, den ich bei einem Tierpräparator fand, der sein Geschäft in der Nähe unseres Studios hatte“, erzählt Glen Keane von den Anfängen 1987, als Walt Disney, Joe Grant (dem „Head of Story“ von Schneewittchen und die sieben Zwerge, der auch schon an einer früheren Disney-Fassung von The Beauty and the Beast beteiligt war) und ihm selbst die Köpfe rauchten, um aus dem für die Disney-Philosophie idealen, aber melancholischen Märchen einen abendfüllenden und unterhaltsamen Kinofilm zu machen. „Dieser Büffelkopf stand an der Studiowand, einfach um mich immer wieder daran zu erinnern, was für eine mächtige Figur dieses Biest sein musste.“ Die ersten Entwürfe gingen in die Richtung, einem menschlichen Körper den Kopf eines wilden Tieres aufzupfropfen. Wildschweine standen bei den Zeichnern hoch im Kurs, und eine Art Alien war auch dabei, eine Spezies, die heute wahrscheinlich fast unumgänglich wäre. Doch Keane ging mit Umsicht an die Kreatur heran: „Mir war einerseits bewusst, dass ein Disney-Charakter, einmal geschaffen, die Version sein würde, die für alle Zeit hängen bleibt. Also hüpfst du auch nicht einfach hinein und zeichnest das, was dir gerade in den Sinn kommt.“ Andererseits gibt es dieses Gefühl, bevor man zu zeichnen beginnt, dass die Figur schon da war. Glen Keane vergleicht den Vorgang mit Michelangelo, der, wenn er den Marmor meißelte, eine Figur befreite, die schon vorher in ihm drinnen war. „Das gleiche Gefühl habe ich bei einem Stück Papier, das blank und leer ist: Irgendwo darin ist eine Figur, die sich mit mir und dem Publikum verbinden soll. Es war sehr wichtig für mich, dass sich diese Figur nicht wie ein Alien anfühlt, als ob sie für Star Wars oder etwas Ähnliches erfunden worden wäre.“ Die alten Disney-Meister Frank Thomas, Ollie Johnston und Eric Larson mit dem Satz „Deine Animation muss aufrichtig und ansprechend sein“ im Ohr, zerbrach sich der Chefanimator weiter den Kopf darüber, wie ein ehrliches, aufrichtiges und ansprechendes Biest aussehen sollte.

Auf Exkursion in den Zoo

Wie man in einem Bonus-Track der DVD sehen kann, gingen die Disney-Kreativen in den Zoo, und zwar in London. Manch einer von ihnen war zum ersten Mal überhaupt außerhalb der USA. Keane selbst kam zum ersten Mal nach Europa, weil ihn das Gefühl hierher trieb, er müsse dahin, wo die ursprüngliche Geschichte herkommt. Man fuhr an die Loire, um Schlösser zu besichtigen. Richard Purdum, der auch maßgeblich an Tarzan beteiligt war und als Regisseur für die Trickversion von Mister Bean verantwortlich war, begleitete Glen Keane, und beide waren hin und weg beim Anblick des Schlosses von Chambord, das von einem gewissen François Pombriant erbaut worden war und nun als Vorbild für das Schloss des Biests diente. Die Möglichkeit, dieses Gebäude wirklich betreten zu können, half schließlich, die Figur des Biests zu finden. Mit einem Mal war auch klar, dass es ein wildes Tier sein musste, und so sammelten die Zeichner weitere Details von vielen möglichst großen und wilden Tieren. Das Biest bekam schlussendlich den Körper eines Bären, die Mähne eines Löwen, Kopfform und Bart eines Büffels, die Augenbrauen eines Gorillas, die Zähne eines Wildschweins und die Beine und den Schwanz eines Wolfes. Nur die Augen wurden menschlich und blau. Ein Körperteil sollte jedoch ganz speziell sein. „Da war ein Mandrill mit dem Namen Boris im Zoo“, erzählt Keane weiter, „an den ich beim Zeichnen immer wieder denken musste. Und ich erinnere mich an eine englische Lady, die neben mir stand und, als der Mandrill uns seinen Hintern herdrehte, ausrief: Er hat einen Regenbogen-Popo.“ Wer weiß, das Biest hat vielleicht einen ‚rainbow bum’, aber niemand wird ihn jemals zu sehen bekommen.“ Außer ihm.

Zur Zeit läuft in der Pariser Arludik-Gallery übrigens Glen Keanes erste Ausstellung (noch bis 8. Jänner, genauere Informationen unter www.arludik.com).