Die Beschissenheit der Dinge

| Alexandra Seitz |

Saufen, ficken, randalieren – macht auf die Dauer auch nicht glücklich.

Die Beschissenheit der Dinge handelt vom Aufwachsen Gunther Strobbes unter dem unheiligen Einfluss und in der schlechten Gesellschaft seines prolligen Säufer-Vaters Celle und von dessen drei nicht minder trunksüchtigen Vollproll-Brüdern Petrol, Beefcake und Koen in einem belgischen Provinzkaff in den Achtziger Jahren. Komplettiert wird der Strobbe-Clan von Mutter respektive Großmutter Meetje, einer früh ergrauten Frau, die ihren Nachwuchs augenscheinlich noch nie unter Kontrolle hatte. Aus ihrer bevorzugten Erziehungsmethode des Auge-Zudrückens scheint sich mit der Zeit die Überlebensstrategie der Dauerblindheit entwickelt zu haben. Sie opfert ihr Erspartes dem Gerichtsvollzieher, sie stürzt sich in Familienschlägereien, sie kocht, wäscht, putzt und kauft ein, und am Ende wird sie dement in einem Pflegeheim sitzen und schweigend ins Leere starren, während ihre missratenen Söhne immer noch schmutzige Lieder singen.

Und doch schlägt Regisseur Van Groeningen aus Gunthers Aufwachsen in einem verrohten und verrohenden Lumpenproletariat nicht das Kapital für eine oberflächliche Komödie. Obwohl es natürlich auch ganz lustig ist, den vier rauschhaft enthemmten Strobbe-Brüdern beim Unfug-Treiben zuzusehen: Vier gescheiterte Riesen-Babys mit fürchterlichen Vokuhila-Haarschnitten und scheußlichen Synthetik-Pullovern, die mit der ganzen anti-zivilisatorischen Vernichtungskraft, die der Volkskrankheit Alkoholismus innewohnt, durch den Ort randalieren: Ob Wettsaufen oder Nackt-Radrennen – die Strobbes stehen an vorderster Front!

Dass ein solches Familienvermächtnis eine Bürde ist, verdeutlicht ein in der Gegenwart angesiedelter Handlungsstrang. Er kontrastiert Gunthers Sozialisation mit deren Folgen und zeigt ihn als einen egozentrischen, selbstmitleidigen, nicht recht erwachsen gewordenen jungen Mann, der eine Frau schwängert, die er nicht liebt, und der ein Leben führt, das er sich schön saufen muss. Gunther ist drauf und dran, die Verlierer-Tradition der Strobbes fortzusetzen, als seine schriftstellerischen Ambitionen doch noch von Erfolg gekrönt werden. Es ist eine knappe Befreiung. An ihrem Ende steht das hoffnungsvolle Bild eines kleinen Jungen, der unter väterlicher Aufsicht das erste Mal ohne Stützräder Fahrrad fährt. Es stellt einen scharfen Kontrast dar zu jener Szene, in der Gunther seinem zitternden Vater den ersten Schluck Schnaps des Tages einflößen muss, weil dieser die Flasche nicht halten kann.