Oscargekrönter Mix aus Thriller, Liebesgeschichte und Abrechnung mit der jüngeren argentinischen Geschichte
Man merkt El secreto de sus ojos an, dass der Argentinier Juan José Campanella in den USA Film studierte und auch bei TV-Serien wie „Law & Order“ Regie führte. Souverän bedient er sich der Mittel des US-amerikanischen Thrillers, stellt einen charismatischen Hauptdarsteller ins Zentrum und treibt die Handlung temporeich voran. Eine eigene Handschrift ist dabei zwar nicht zu erkennen, aber eingängiges Kino von großem Unterhaltungswert, das zudem noch etwas zu erzählen hat, ist das auf jeden Fall. In kunstvoller Verschachtelung der Zeitebenen nähert sich Campanella vom Jahr 2000 aus der in Argentinien allzu gerne verdrängten Zeit der Militärdiktatur (1976–1983): Kurz vor dem Militärputsch hat den Gerichtsbeamten Benjamin Esposito (Ricardo Darin) die brutale Vergewaltigung und bestialische Ermordung einer jungen Frau so aufgewühlt, dass er nie über diesen Fall hinwegkam. 25 Jahre später will er nach seiner Pensionierung letztes Licht in die Sache bringen und einen Roman darüber schreiben, verfolgt damit aber auch ganz andere Interessen. Die Recherchen geben Esposito nämlich einen Vorwand, die Untersuchungsrichterin Irene (Soledad Villamil) wieder aufzusuchen, in die er sich damals zwar verliebte, aber nicht gewagt hatte, ihr seine Gefühle zu gestehen.
Retrospektiv rollt Campanella die damaligen Ereignisse auf. Er erzählt nicht nur von der fieberhaften Suche nach dem Mörder, sondern auch von der grenzenlosen Liebe des Ehemanns der Ermordeten. Fasziniert ist der unglücklich liebende Benjamin von dieser tiefen Liebe, gleichzeitig wird mit dem Rachedurst des Witwers aber auch die Frage nach Gerechtigkeit aufgeworfen. Zur Diskussion gestellt wird auch, ob Selbstjustiz in einem Land legitim ist, in dem die Justiz korrupt ist, Verbrecher instrumentalisiert und so die Grundlagen für ein brutales Regime geschaffen werden. Dank eines sorgfältig aufgebauten Drehbuchs, ökonomischer Erzählweise und exzellenter Besetzung entsteht kein Leerlauf. Humor fehlt in den Büroszenen ebenso wenig wie mit einer spektakulären Verfolgungsjagd in einem vollbesetzten Fußballstadion handfeste Action. Im Zentrum stehen dabei aber immer die menschlichen Schicksale: In bester Tradition des Buddy-Movies wird Benjamin ein alkoholsüchtiger Kollege zur Seite gestellt, die melancholische, unglückliche Liebesgeschichte wird in der Gegenwart des Jahres 2000 weiter entwickelt, und auch der Mordfall kommt zu einem dunklen Ende, das eines Films von David Fincher würdig wäre.
