We Want Sex

We want Sex

| Günter Pscheider |

Atmosphärisch dichtes, vom Ton her leichtes Drama um den ersten Streik von Frauen im England der späten Sechziger Jahre.

Wer ausschließlich vom unnötig reißerischen Titel ins Kino gelockt wird, geht wohl enttäuscht wieder nach Hause. Sex spielt im neuen Film von Nigel Cole (Calendar Girls) nämlich überhaupt keine Rolle. Der Film zeichnet vielmehr ein vielschichtiges Bild vom ersten Streik britischer Frauen, die 1968 im riesigen Ford-Werk von Dagenham zuerst darum kämpfen, dass ihre Arbeit nicht als ungelernter Hilfsjob eingestuft wird, und danach mit der Forderung für den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen auf die Straße gehen. Sally Hawkins’ Charakter Rita erscheint am Anfang fast wie eine Neuauflage der Poppy in Happy-Go-Lucky – immer fröhlich und allen Widrigkeiten trotzend – aber im Gegensatz zu Mike Leighs statischer Figur macht sie im Lauf der Zeit eine große Entwicklung durch. Trotz des bis ins kleinste Detail der Kostüme realistischen Looks des Films erzählt Nigel Cole doch die Hollywood-erprobte Geschichte von einem Durchschnittsmenschen, der seine wahre Bestimmung entdecken muss, um alle Hindernisse beiseite räumend am Ende etwas zu schaffen, das größer ist als die Person selbst. Es ist immer wieder erstaunlich, wie gut diese Formel funktioniert, wenn der dramaturgische Aufbau stimmt und die Nebenfiguren wie hier äußerst liebevoll gezeichnet sind.

Ritas Mann unterstützt ihren Kampf um Gerechtigkeit, ist aber dann doch irritiert, als er plötzlich einen Gutteil der Hausarbeit und der Kindererziehung übernehmen muss, weil Rita immer weniger Zeit für diese trotz ihrer Berufstätigkeit bisher ihr allein vorbehaltenen Tätigkeiten hat. Ihre beste Freundin gibt Rita die Schuld am Selbstmord ihres Mannes, weil sie den Streik unterstützt hat, anstatt ihrem vom Krieg traumatisierten Gatten nicht von der Seite zu weichen. Ein Gewerkschaftsfunktionär bringt sie überhaupt erst auf die damals neue Idee der gleichen Bezahlung, weil seine Mutter ihr ganzes Leben für einen Bruchteil des Lohnes eines Mannes geschuftet hat; und er hält ihr auch die Stange, als die Gewerkschaftsspitze mit Ford zu verhandeln beginnt, um die Frauen mit allen Mitteln zurück zur Arbeit zu bringen. Dieses trotz aller Fortschritte der letzten 30 Jahre noch immer hochaktuelle und ungelöste Thema von Gleichbehandlung und Arbeitsteilung in Haushalt und Kindererziehung wird ernsthaft behandelt. Durch den leichten Ton, die exzellenten Schauspieler und die schwungvolle Inszenierung ist der Unterhaltungswert der authentischen Geschichte dennoch beständig hoch.