Nach sozialrealistischen Klassikern wie „Life Is Sweet“ oder „Secrets & Lies“, der zynischen Tour de Force „Naked“ oder dem untypischen Feelgood-Versuch „Happy-Go-Lucky“ wirft Mike Leigh (Interview) in seinem neuen Film „Another Year“ wieder einen melancholisch genauen Blick auf die tragischen und komischen Folgen menschlichen Zusammenlebens.
Diesmal steht ein älteres Ehepaar im Mittelpunkt des Geschehens. Untypischerweise für des Meisters Universum sind Tom und Gerri in ihren Jobs als Geologe und Psychologin zufriedene Menschen, die sich nach jahrzehntelanger Ehe so blind verstehen, dass sie wechselseitig ihre angefangenen Sätze beenden, ohne sich miteinander zu langweilen. In ihrem schmucken Haus in einer englischen Vorstadt treffen sich allerlei gescheiterte Existenzen, deren Einsamkeit im Licht von Tom und Gerris Festung des Zusammenhalts umso auswegloser erscheint. Die eigentliche Hauptrolle spielt die Sekretärin Mary, eine langjährige Arbeitskollegin von Gerri, die sich ausdauernd und wortgewaltig, aber erfolglos selber vormacht, ihr Leben im Griff zu haben, während sie sich ständig betrunken auf die Suche nach dem Mann ihrer Träume begibt. Ein alter Freund von Tom schaut aus wie die Fleisch gewordene Warnbroschüre für erhöhtes Herzinfarktrisiko und benimmt sich auch dem entsprechend. Toms Bruder wirkt nach dem Tod seiner Frau wie ein wortkarger Geist, das Verhältnis zu seinem aggressiven Sohn ist offensichtlich irreparabel zerrüttet.
Der Rhythmus des Films ist getragen, die wie immer exzellenten Schauspieler werden bisweilen wie Musikinstrumente in einer Symphonie bei immer wiederkehrenden Motiven und leichten Variationen, gekonnt je nach Stimmung eingesetzt. Handlungsmäßig passiert kaum etwas in den zwei Stunden dieses vielleicht bisher reifsten und zugänglichsten Werks von Mike Leigh, auch die äußerst detailgenau gezeichneten Charaktere sind großteils statisch, trotzdem entsteht allein durch die Reibung von verschiedenen nuancierten Kontrasten eine Spannung, die nicht nach dramaturgischen Konventionen aufgebaut ist. Für den Zuschauer ist es durch diese Abwesenheit von klassischen Wendepunkten beglückend schwierig vorherzusehen, wie sich die Beziehungen der Figuren entwickeln werden. Völlig konträr zu Eric Rohmer, bei dem eine moralische Frage meist von Anfang an im Mittelpunkt steht, bevor man am Ende auf wundersame Weise auch ein Gespür für die Menschen auf der Leinwand bekommt, bemerken wir bei Mike Leigh durch die enorme realistische Präsenz der Charaktere lange Zeit gar nicht, um welch komplexe moralische Fragen es in Another Year geht. Nach dem Film stellt man sich aber wie bei Rohmer die Frage, was man an Stelle der handelnden Personen getan hätte. Kann und soll man jemandem helfen, der sein Leben selbst nicht in den Griff bekommt, oder muss letztendlich jeder allein die Verantwortung für sein Handeln übernehmen? Ist der Kern des Unglücks das falsche Selbstbild, an dem Mary rigoros bis zum Ende festhält, oder wird ihre Einsamkeit nicht auch gerade durch den Zusammenhalt der Anderen erzeugt und verstärkt? Die meiste Zeit erleben wir Mary von außen, wir haben zwar Mitleid mit ihr, aber sie geht uns auch auf die Nerven. Erst in der allerletzten Sequenz sehen wir die Welt aus ihrer Perspektive und die Grausamkeit, die dem Glück innewohnen kann, wird uns schmerzhaft bewusst. Auf jeden Fall liefert uns der Regisseur keine einfachen Antworten oder Botschaften, seine präzise Ambivalenz bestätigt nur, dass wie bei Ozu die (erweiterte) Familie gleichzeitig ein Ort des Schreckens und der Erfüllung sein kann.
