„Tron: Legacy“, die Fortsetzung des Achtziger-Jahre-Klassikers, wartet mit wahnsinnig schickem Design auf, ist jedoch leider völlig kalt und herzlos.
Anfang der Achtziger Jahre, als die Entwicklung von Computerspielen wie „Crysis“ noch in weiter Ferne lag und die meisten Teenager „Space Invaders“ noch als eines der größten Games aller Zeiten ansahen, traf Tron mitten ins Herz der Jugendkultur. Denn die Forderung der rebellischen Hauptfigur Kevin Flynn (Jeff Bridges) nach einer uneingeschränkten Informations- und Kommunikationsfreiheit entsprach exakt den Idealen, die junge aufstrebende Computerfreaks wie die Gründer des Chaos Computer Clubs vertraten.
Doch nicht nur mit dieser idealistischen Botschaft, sondern auch mit der Handlung, in der Computer-Nerd Kevin per Zufall in die von ihm kreierte virtuelle Welt gerät, sprach Tron-Erfinder Steven Lisberger Fragen an, die seit damals die Gesellschaft umtreiben: Werden wir eines Tages mit unseren realen Körpern in die virtuelle Welt reisen können? Wird es eines Tages intelligentes künstliches Leben geben? Und wenn ja, wie groß ist die Gefahr, dass die von uns geschaffenen Maschinen sich gegen uns wenden, so wie es in Tron geschieht?
1982: ein Meilenstein in Sachen Computer-Generated-Imagery (CGI)
Auch das minimalistische Neon-Design der Kostüme und des Settings, entworfen vom französischen Comic-Künstler Moebius war Anfang der Achtziger up-to-date. Der Hauptteil des Publikums wurde freilich von den ausgedehnten Computeranimationen in den Bann gezogen, die bis dahin erst in zwei Filmen zu sehen waren: in Star Trek II: The Wrath Of Khan (1982) und in Georg Lucas’ Star Wars (1977), wo in einer 40-sekündigen Sequenz der CGI-Todesstern zu sehen ist. In Tron hingegen nimmt CGI mehr als 15 Minuten des gesamten Spielfilms ein. Das mag in einer Zeit, in der eine Vielzahl an Filmen mit CGI arbeitet, nicht mehr spektakulär erscheinen, wurde damals jedoch selbst von Filmkennern als so befremdlich empfunden, dass die Academy Tron von der Nominierungsliste für den Oscar in der Kategorie Visual Effects strich. Die Begründung: Lisberger würde mit seinen computergenerierten Bildern betrügen. Ein Einwand, der bereits drei Jahre später, als Barry Levinsons Film Young Sherlock Holmes in derselben Kategorie für den Oscar nominiert wurde, nicht mehr zu gelten schien und heute, angesichts von Oscar-Gewinnern wie Avatar, völlig absurd wirkt.
Trotz der technischen und thematischen Aktualität floppte Tron an den Kinokassen, was sowohl auf starke Konkurrenz wie Steven Spielbergs E.T. als auch auf die ziemlich krude Handlung zurückzuführen gewesen sein dürfte. Erst mit den Jahren erkannten Kinofans, welch wegweisende Rolle Tron für die weitere Entwicklung des Kinos in Sachen Computeranimation und Computergames spielen sollte. Fast 30 Jahre später versucht nun Tron: Legacy, ebenso wie Lisbergers „Original“, in Sachen CGI neue Maßstäbe zu setzen. Wieder mit dabei ist Alt-Hippie und Revoluzzer Jeff Bridges, der in Tron: Legacy gleich in zwei Rollen zu sehen ist: als gealterter Computerfreak Kevin Flynn und als dessen Gegenspieler Clu, der wie Bridges in seinen Zwanzigern aussieht, aber gleichsam einen Anti-Avatar darstellt, der die Weltherrschaft an sich reißen will.
Kevin Flynn als Popstar der Open-Source-Bewegung
Das filmische „Vermächtnis“ setzt direkt am Ende von Tron an und zeigt, was aus Kevin Flynn nach dessen Sieg über die personifizierten bösen Computerprogramme im Lauf der Achtziger geworden ist: ein Popstar à la Julian Assange, der sich als Chef eines führenden Computerkonzerns öffentlich für die Bereitstellung von Programmen und einer weltweiten virtuellen Informationsfreiheit einsetzt, während er in seiner Freizeit versucht, mit Hilfe des Cyberspace die menschlichen Grenzen zu sprengen. Doch das Projekt geht schief. Das von ihm geschaffene Programm Clu wendet sich gegen ihn und macht Flynn zu einem Gefangenen seiner eigenen virtuellen Welt, von deren Existenz niemand weiß und aus der ihn folglich auch niemand retten wird. Nach seinem mysteriösen Verschwinden war man davon ausgegangen, dass er sich entweder bewusst abgesetzt hatte oder tödlich verunglückt war. Erst zwanzig Jahre später, als Flynns Sohn Sam per Zufall ebenfalls in die virtuelle Welt geschleudert wird, erhellt sich das Rätsel.
Das Drehbuchteam rund um Produzent Lisberger und Debüt-Regisseur Joseph Kosinski ist an der Aufgabe, einen typischen Action-Blockbuster mit einer Vater-Sohn-Geschichte emotional aufzupeppen, gescheitert. Hauptsächlich manifestiert sich das an hölzernen Dialogen, uninspiriertem Schauspiel und einer Fixierung auf Style und Animation zu Ungunsten narrativer Schlüssigkeit (was Kosinskis bisherigem Werdegang als Regisseur von Spots für die Auto- und Game-Industrie entspricht). Dadurch verkommt der ganze Film trotz beeindruckender optischer Gimmicks und stylish polierter Action-Sequenzen zur reinen Oberfläche, hinter der erzählerische wie emotionale Leere gähnt. Nicht einmal der Showdown ist dazu angetan, mit Flynn und seinem Sohn Sam mitzufiebern. Schlussendlich ist es einem egal, ob sie aus der Virtualität entkommen oder dort für alle Ewigkeit vor sich hinvegetieren.
Auf das Niveau einer Kalenderweisheit begibt sich der Film, indem er – als religiös verbrämte, platte moralische Botschaft – die Fehlerhaftigkeit der Menschen als ihre Einzigartigkeit feiert. Dass das alles kaum ernst gemeint sein kann, untermauert Jeff Bridges, der seinen geläuterten Rebellen wie eine Persiflage auf einen Jedi-Weißkittelträger anlegt, der sich zur Stärkung nach der Meditation anstelle eines virtuellen Yogi-Tees gleich einen White Russian gönnt. Auch davon, dass Kosinski 2007 auf dem Werbefilmfestival in Cannes mit seinem Trailer zu dem Computerspiel „Gears Of War“ einen Silbernen Löwen in der Kategorie „Best Use of Music“ gewann, ist in Tron: Legacy leider gar nichts zu bemerken – die Musik von Daft Punk beschränkt sich auf handelsüblichen Electro-Sound.
Einzig gelungen sind die 3D-Sequenzen, die in Tron: Legacy den Übergang von der Realität in die virtuelle Welt markieren und den Zuschauer regelrecht in das Tron-Universum hineinziehen. Hier zeigt der Regisseur, was er in Sachen CGI von der Game-Industrie gelernt hat, und wie man die Zuschauer, deren Ansprüche an das Kino-Design durch Spiele wie „Crysis“ in den letzten Jahren enorm gestiegen ist, beglückt: mit aufgetuneten Lichtrennern, futuristischen Gebäuden und einer modernen Version des Kolosseums, in der anstelle von Gladiatoren personifizierte Programme um ihr Leben kämpfen, während der Herrscher dieser Welt – wie einst der römische Imperator – von der Loge aus zusieht.
Am Ende ist es übrigens nicht irgendein High-Tech-Programm, sondern das Old-School-Programm Tron aus dem ersten Teil, das einen entscheidenden Beitrag zur Rettung der Welt beiträgt. Was ungefähr so plausibel ist, als würde „Pac Man“ Marcus Fenix aus „Gears of War“ k.o. schlagen. Aber Logik war ja noch nie die Stärke des Actionkinos.
